Visualisierung der Plakatkampagne | © LGBT-Helpline
Ausland
Visualisierung der Plakatkampagne | © LGBT-Helpline

Katholiken und sexuelle Minderheiten – Jesuit in den USA will Brücken bauen

Washington, 13.6.17 (kath.ch) Sommer 2016 in Orlando, Florida. Ein Mann schiesst in einem Nachtclub wie im Wahn um sich. 49 Menschen sterben. Der Vorfall geht als grösste Massenschiesserei in die Geschichte der USA ein. Viele der Opfer im «Pulse» sind Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender (LGBT). Das Mitgefühl ist gross – auch unter den Katholiken des Landes.

Bernd Tenhage

Von den mehr als 250 katholischen Bischöfen allerdings sprachen danach nur eine Handvoll Klartext. Kardinal Blase Cupich (Chicago), Bischof Robert Lynch (St. Petersburg), Bischof Robert McElroy (San Diego) und wenige andere bezeichneten die Opfer so, wie diese sich selber nennen: als Homosexuelle oder einfach LGBTs. Die grosse Mehrzahl der Bischöfe tat sich schwer. Nicht ohne Grund. Zwar mahnt der katholische Katechismus von 1992 zu «Respekt, Mitgefühl und Empfindsamkeit» gegenüber anderen sexuellen Orientierungen, spricht dann aber auch von Verhältnissen, die «objektiv ungeordnet» seien.

Komplizierte Beziehungen anpacken

Die Beziehungen zwischen Kirche und LGBTs ist – unstrittig – belastet und kompliziert. Daran etwas zu ändern, hat sich der Jesuit James Martin (57) zur Aufgabe gesetzt. Er ist in der katholischen Welt der USA vor allem als Buchautor und Redakteur des Jesuiten-Magazins «Amerika» bekannt.

Martin sind aus jahrelanger Seelsorge die Nöte der Gläubigen bekannt, die sich wegen ihrer Sexualität nicht von ihrer Kirche angenommen fühlen. Der charismatische Pater will Brücken zwischen den sich oftmals fremden Erfahrungswelten bauen. «Building a Bridge» lautet denn auch der Titel seines Buchs, das nicht ganz zufällig einen Tag nach dem Jahrestag des «Pulse»-Massakers an diesem Dienstag in den USA bei HarperCollins erscheint.

Die «Zwei-Brücken»-Theorie

Es ist der Versuch, Kirche und LBGTs in Respekt und mit Sensibilität zusammenzubringen. Der prominente Jesuit hat dafür die Unterstützung seines Ordens ebenso wie die Rückendeckung vieler Kardinäle und Bischöfe. Martin versteht, worunter gläubige LGBTs leiden. Sie fühlen sich ausgeschlossen, ja sogar beleidigt von der institutionellen Kirche.

Diese Erfahrung hat ihn dazu gebracht, eine «Zwei-Brücken»-Theorie zu entwickeln. In seinem Buch beschreibt er eine Möglichkeit, wie beide Seiten durch «das Geschenk der Zeit» in Kontakt treten könnten, um sich gegenseitig zu akzeptieren.

«Ein willkommenes und dringend benötigtes Buch.»

«Ein willkommenes und dringend benötigtes Buch», schreibt Kurienkardinal Kevin Farrell (69), den Papst Franziskus kürzlich erst zum Leiter der Vatikanbehörde für Laien, Familie und Leben berief. Es werde helfen, so der ehemalige Bischof von Dallas, dass sich LGBT-Katholiken mehr in der Kirche zu Hause fühlen könnten. «Es ist ja auch ihre Kirche.»

Bischof Robert McElroy von San Diego erinnert an das Evangelium, das von Christen «echte Liebe und Wertschätzung» gegenüber Ausgeschlossenen verlange. Derzeit sei das leider oft nicht der Fall.

«Liebe schliesst alle ein»

Wie sehr sich die Kirche in den USA derzeit müht, ihr Verhältnis zu den etwas anderen Katholiken zu überdenken, illustriert die Reaktion des neuen Kardinals Joseph Tobin aus Newark im Bundesstaat New Jersey auf die Anfrage einer Gruppe LGBTKatholiken. Er «freue sich, dass Sie und die LGBT-Brüder und -Schwestern unsere schöne Kathedrale besuchen wollen», schrieb der Kardinal in einer Email an die Organisation, die um eine Visite in dem Gotteshaus gebeten hatte. Er billigte für den Kirchenbesuch mit anschliessender Messe sogar ein Faltblatt mit dem Titel «Liebe schliesst alle ein». Dies sei eine wunderbare Botschaft. «Bitte verteilen sie es», so der Bischof.

Unter Papst Franziskus könnte die Debatte um das heikle Thema an Fahrt aufnehmen. Der Papst geht selber mit gutem Beispiel voran, indem er den lange gemiedenen Begriff «homosexuell» gebraucht. Befragt nach schwulen Priestern, sprach der Papst 2013 seine inzwischen berühmten Worte: «Wenn eine Person homosexuell ist und den Herrn sucht und guten Willens ist – wer bin ich, dass ich über sie urteile?» (kna)

News ›
Medienspiegel ›
Katholisches Medienzentrum