Schweiz

«Reform muss auf nationaler Ebene verhandelt werden»

Daniel Kosch, Generalsekretär der Römisch-Katholischen Zentralkonferenz, war als Beobachter an der ersten Synodalversammlung in Deutschland. Im Interview erzählt er, welches Statement ihn besonders beeindruckt hat und was die Schweiz vom Synodalen Weg in Deutschland lernen könnte.

Sylvia Stam

Welches Statement hat Sie besonders beeindruckt?

Daniel Kosch: Einerseits gab es sehr persönliche Zeugnisse von Menschen mit einer nicht-heterosexuellen Identität, die sich zu ihrer Situation innerhalb der Kirche geäussert haben. Das waren für mich sehr starke Momente. Beeindruckt haben mich auch einige klare, kirchenpolitische Statements, vor allem zur Rolle der Frau in der Kirche.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Kosch: Ein sehr klares Votum war die Frage von Juliane Eckstein, einer der jüngsten Delegierten, «speziell an die Bischöfe hier im Raum: Wollen Sie, dass das Bischofsamt relvant bleibt … Wenn Sie das möchten, dann ist das hier Ihre Chance.»

Daniel Kosch

Haben Sie den Eindruck, dass solche Statements auch angekommen sind?

Kosch: Eine grosse Zahl der deutschen Bischöfe ist sich bewusst, dass Veränderungen geschehen müssen, damit die Kirche wieder an Glaubwürdigkeit, in der Gesellschaft, aber auch bei den eigenen Mitgliedern gewinnt. Das war deutlich spürbar.

Was war genau Ihre Aufgabe als Beobachter aus einem der Nachbarländer Deutschlands?

Kosch: Die Einladung zahlreicher Beobachterinnen und Beobachter ist Ausdruck einer unmissverständlichen Absage an einen «deutschen Sonderweg». Die deutsche Kirche will ihren Weg in ökumenischer Verbundenheit und im Austausch mit der Kirche in benachbarten Ländern gehen. Das eröffnet die Chance, voneinander zu lernen und einander bei der Erneuerung der Kirche gegenseitig zu unterstützen.

«Bei der nächsten Versammlung möchten wir unsere Beobachtungen einbringen.»

An dieser Auftaktveranstaltung war unsere Rolle tatsächlich die des Beobachtens. Wir haben aber den Wunsch eingebracht, uns bei den nächsten Synodalversammlungen untereinander austauschen und unsere Beobachtungen einbringen zu können.

Kardinal Reinhard Marx (r) bedankt sich bei den Beobachterinnen und Beobachtern. Zweiter von rechts: Daniel Kosch.

Als Beobachter durften Sie sich nicht zu Wort melden. Hätten Sie auch gern selber in die Diskussion eingegriffen?

Kosch: Es gab genügend Leute aus der Synodalversammlung, die das, was ich auch gerne gesagt hätte, vorgetragen haben.

Von welchen Statements haben Sie sich bestätigt gefühlt?

Kosch: Bei Aussagen zur Dringlichkeit von Reformen, zur Stellung der Frau, die verbessert werden muss, und bei Aussagen darüber, dass die Macht in der Kirche anders verteilt werden muss, wenn sie der Forderung von Papst Franziskus entsprechen will, synodale Kirche zu sein.

Was nehmen Sie für Ihr weiteres Engagement in der Kirche Schweiz aus der Diskussion mit?

Kosch: Ich bin mehr denn je überzeugt, dass die Glaubwürdigkeitskrise und die Reform der Kirche auch bei uns auf nationaler Ebene verhandelt werden müssen. Bei uns fehlt so etwas wie das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK, siehe Kasten rechts). Also ein Gefäss, in dem sich Verbände, staatskirchenrechtliche Körperschaften, Ordensgemeinschaften, Hilfswerke und viele mehr zusammenschliessen, um die Breite der Kirche sichtbar zu machen, Ansprechpartnerin für die Bischofskonferenz zu sein und sich in den politischen und gesellschaftlichen Diskurs einzubringen.

«Es ist möglich, die spirituelle Dimension mit Gremienarbeit zu verbinden.»

Als zweites nehme ich die Erfahrung mit, dass es möglich ist, die spirituelle Dimension auf gute Art mit anspruchsvoller Gremienarbeit zu verbinden. Mehrmals am Tag wurde unsere Aufmerksamkeit auf die zentralen Fragen gerichtet, was der Wille Gottes ist und was vom Evangelium her gefordert ist. Die beiden geistlichen Begleiter, der Jesuit Bernd Hagenkord und Maria Boxberg von der Gemeinschaft Christlichen Lebens, haben das sehr gut moderiert.

Wünschen Sie sich einen ähnlichen Prozess in der Schweiz?

Kosch: Ja, das wäre eine grosse Chance. Dabei wären neben Schweizer Bischofskonferenz (SBK ) und der Römisch-Katholischen Zentralkonferenz (RKZ) weitere Organisationen einzubinden, denn das Miteinander von SBK und RKZ ist nicht mit jenem von der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) und dem ZdK vergleichbar. Wahrscheinlich wären auch die Fragestellungen nicht ganz dieselben.

«Die Diskussionen verlaufen nicht den Sprachgrenzen entlang.»

Natürlich ist die Mehrsprachigkeit unseres Landes eine zusätzliche Herausforderung, aber wir machen in der RKZ die Erfahrung, dass die Diskussionen nicht den Sprachgrenzen entlang verlaufen. Auch müssten wir die Katholikinnen und Katholiken aus den Migrationsgemeinden stärker einbinden. Das wäre gerade mit Blick auf echte Synodalität eine Chance, denn die katholische Kirche in der Schweiz ist gewissermassen eine «Weltkirche im Taschenformat».

Impression der ersten Synodalversammlung in Frankfurt.

«Das Miteinander ist zu wenig verbindlich geregelt.»

Was wären nächste Schritte auf einem solchen Weg der gemeinsamen Diskussion in der Schweiz?

Kosch: In der Schweiz haben wir in der Kirche zwar eine stärkere Partizipation von Laien sowohl dank der staatskirchenrechtlichen Strukturen als auch in der Pastoral. Aber das Miteinander ist zu wenig verbindlich geregelt. Ein Bischof oder ein Pfarrer, der alles allein entscheiden will, kann es blockieren. Das geht vom Einbezug der Laien in die Feier der Eucharistie über die Beauftragung von Gemeindeleiterinnen bis zu einvernehmlichen Lösungen an der Schnittstelle von Pastoral und Finanzen.

Wie geht es in Deutschland weiter mit dem Synodalen Weg?

Kosch: Für die kommenden zwei Jahre sind insgesamt vier solcher Synodalversammlungen vereinbart, jeweils im Januar und im September. Dazwischen arbeiten die vier Foren zu den Themen Macht, priesterliche Existenz, Rolle der Frau und Sexualität.Was die Arbeitsweise dieser Foren betrifft, ist noch vieles offen.

«Es wird Kompromisse brauchen.»

Aber die Verantwortlichen sind sich bewusst, dass der Erfolg des synodalen Weges davon abhängt, dass am Ende nicht viele kluge Papiere, sondern in erster Linie handlungsrelevante Vorschläge vorliegen, über deren Umsetzung je nach Zuständigkeit vor Ort oder auf weltkirchlicher Ebene zu entscheiden ist. Damit es so weit kommt, wird es die Bereitschaft zu Kompromissen brauchen und alle werden aushalten müssen, dass nicht jede Lösung so aussehen wird, wie man sie selber gerne hätte.


Blick durch ein gelochtes Metallkreuz auf die Teilnehmer der Synodalversammlung | © KNA
2. Februar 2020 | 15:45
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Zentralkomitee deutscher Katholiken

Das Zentralkomitee der deutschen Katholikinnen und Katholiken (ZdK) ist das höchste repräsentative Gremium des deutschen Laien-Katholizismus. Es vertritt die katholischen Laien bei der gesellschaftlichen Meinungsbildung und ist das von der Bischofskonferenz anerkannte Organ zur Koordinierung des Laienengagements in der Kirche.

Das ZdK ging aus dem 1868 gebildeten Zentralkomitee zur Vorbereitung der Deutschen Katholikentage hervor. Organe des ZdK sind ausser der Vollversammlung der Präsident, das Präsidium und der Hauptausschuss. Für Sachbereiche gibt es Sprecher. Der halbjährlich tagenden Vollversammlung gehören rund 230 Mitglieder an. 97 Mitglieder repräsentieren katholische Organisationen, Verbände und geistliche Gemeinschaften, 87 Mitglieder kommen aus den Diözesanräten. Zudem können alle vier Jahre von der Vollversammlung bis zu 45 Personen des öffentlichen Lebens ins ZdK gewählt werden.

ZdK-Präsident ist seit 2015 der CDU-Politiker Thomas Sternberg. Zudem gibt es einen von der Bischofskonferenz entsandten Geistlichen Assistenten. Besetzt ist diese Schnittstellenfunktion zwischen Bischöfen und Laien seit 2016 mit dem Hamburger Erzbischof Stefan Hesse. (kna)