Kommentar

Kirchenleitung im Übergang

Die Absetzung von Martin Kopp zeigt: Die Kirche tut sich mit internem Pluralismus schwer. Ein Gastkommentar von Daniel Bogner*.

«Transitional Justice» – so nennt man die Aufgabe, gesellschaftliche und politische Umbruchssituationen zu gestalten, etwa bei zerfallenden Staaten oder in Gesellschaften nach dem Bürgerkrieg. Es kommt dann darauf an, jene Praktiken und Regeln zu definieren, die den Übergang aus einer belasteten Vergangenheit in eine bessere Zukunft gehen helfen, orientiert am Massstab einer grösseren Gerechtigkeit.

Bistum Chur von Konflikten durchgeschüttelt

Im Blick auf die aktuelle Lage des Bistums Chur kann einem der Vergleich zu solchen Kontexten in den Sinn kommen. Denn es scheint eine ähnliche Herausforderung zu bestehen: Das Bistum ist durchgeschüttelt von Konflikten.

«Offenfür eine gute, gemeinsame Zukunft.»

In deren Folge durchziehen heute tiefe Gräben die Gemeinden und Gläubigen und es ist offen, wie es eine gute, gemeinsame Zukunft geben kann, in der es wieder gelingt das zu leben, wofür Kirche da ist: Volk Gottes zu sein, das Zeugnis gibt für diesen Gott, der ins Leben ruft und zu einem Leben in Gerechtigkeit beruft.

Die aktuelle Kontroverse um die Entlassung des Urschweizer Generalvikars Martin Kopp durch den Apostolischen Administrator Bischof Peter Bürcher ist in diesen Kontext einzuordnen. In erster Linie stellt sich die Frage, welche Aufgaben in einer Zeit des Übergangs dem Apostolischen Administrator zukommen.

Die Petition, welche den Entscheid von Bischof Bürcher kritisiert, macht dies am monarchischen Leitungsstil fest und fordert ein Handeln im Geiste Jesu und der Mitmenschlichkeit.

Nun ist es zwar meines Erachtens richtig und notwendig, die monarchische Kirchenverfassung in Frage zu stellen und zu diskutieren, was nach heutiger theologischer Überzeugung eine angemessene Verfassungsform für die Glaubensgemeinschaft sein könnte.

Aber bezüglich der aktuellen Entscheidung von Bischof Bürcher gibt es ein noch präziseres Argument, das auf der Hand liegt: Seine Rolle als Apostolischer Administrator sollte es sein, das Bistum übergangsweise zu verwalten.

«Vom Verwalter zum Gestalter.»

Er soll gewährleisten, dass kirchliches Leben im Bistum Chur nicht zum Erliegen kommt und in seinen wesentlichen Funktionen fortdauert. Der Stil seines Handelns sollte «verwaltend» sein, gerade nicht «gestaltend», im Sinne eines Handelns, das aktiv Präferenzen für die eine oder andere pastorale oder kirchenpolitische Option zu erkennen gibt.

Denn diese Fragen wären – im Unterschied zum Verwalten – eher dem Bereich des gouvernementalen, kirchenführenden Handelns eines Bischofs zuzuschreiben. Der aber ist noch nicht ernannt und dessen Spielräume sollten nicht durch den Verwalter eingeschränkt werden.

Wenn der Apostolische Administrator, der ja von aussen ins vielfach polarisierte Bistum Chur hinein gekommen ist, so eindeutig den Vertreter einer bestimmten Position in einem noch dazu persönlich kränkenden Akt in die Schranken weist, verlässt er die Umschreibung seines Amtes.

Er mutiert vom Verwalter zum Gestalter, indem er bewusst Position bezieht innerhalb der durch die Konflikte der vergangenen Jahre vielfach aufgewühlten Ortskirche. Er macht sich gemein mit einer bestimmten Interessenslage und trägt damit nicht zur Befriedung der Lage, sondern zu einer weiteren Polarisierung bei. Dazu kommt ein anderes: Generalvikar Kopp deswegen zu entlassen, weil er eine Dienstanweisung gebrochen habe, die ihm Äusserungen zum Anforderungsprofil an den neuen Diözesanbischof verbieten, mag in einer rein formalen, dienstrechtlichen Betrachtungsweise korrekt sein.

Sie trägt aber nicht der Tatsache Rechnung, dass der Generalvikar ein herausgehobener, langerfahrener Verantwortungsträger des Bistums Chur ist, von dem man durchaus erwarten darf, vorausschauende Mitsorge für dessen Weiterentwicklung wahrzunehmen.

«Kopp ist eine Stimme aus den Tiefen der Ortskirche.»

Natürlich ist seine Stimme nur eine unter mehreren, aber es ist doch eine Stimme, die aus den Tiefen der Ortskirche kommt. Sie als solche mit dem Verweis auf eine nicht eingehaltene Dienstanweisung zu unterdrücken, wirkt wie ein Reflex der Angst einer bestimmten Interessensgruppe innerhalb des Bistums vor den Stimmen der anderen.

Der Vorfall belegt, wie sehr das Bistum Chur eine wirklich neue Kultur des Brücken-Bauens bedarf und wie gross diesbezüglich das Anforderungsprofil an den neuen Bischof sein wird. Im Kern offenbaren die nicht endenden Auseinandersetzungen der letzten Jahre die überwölbende Herausforderung der katholischen Kirche in der Welt von heute:

Wie versöhnt sich eine Institution, die von ihrer historischen DNA her nicht vertraut ist mit internem Pluralismus und dem Wunsch ihrer Mitglieder, an der Gestaltung des religiösen Gemeinwesens verbindlich beteiligt zu werden, mit der demokratischen Lebenswelt unserer Zeit?

*Daniel Bogner ist Professor für Theologische Ethik an der Universität Freiburg.


Der Theologe Daniel Bogner | © Corinne Aeberhard
30. März 2020 | 17:41
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