Kirche mit «James-Bond-Hochaltar»: Oder wie trotz strikter Klausur Emanzipation möglich ist
Zu den vier Schweizer Klöstern, die an den Klostererlebnistagen Bodensee am heutigen Wochenende 8. und 9. Oktober teilnehmen, gehört St. Katharinental in Diessenhofen. Das Kloster direkt am Rhein ist vor allem jetzt im Herbst ein ausgesprochen idyllischer Ort; spannend aber ist die Klosterkirche. Es gibt sogar Geheimtüren im Hochaltar.
Boris Burkhardt
«Die Einrichtung entspricht nicht dem Zweiten Vatikanischen Konzil», sagt Betty Sonnberger vom kantonalen Amt für Denkmalpflege. Seitenaltäre, Kanzel, Chorschranke und fehlender Altartisch vor dem Hochaltar wären dem Laien gar nicht unbedingt als «falsch» aufgefallen.
Barockkirche gehört dem Kanton
Die katholische Barockkirche des Klosters St. Katharinental im thurgauischen Diessenhofen, direkt am Rhein zwischen Untersee und Rheinfall, gehört allerdings auch seit 1870 dem Kanton: «Der sah keinen Anlass, sich nach dem Vatikanischen zu richten.»
Ja, aber wo ist denn jetzt der abgetrennte Bereich für die Nonnen, fragt der überraschte Autor, den Sonnberger, im Denkmalschutz zuständig für Kirchliche Kunst, zuvor im herbstlichen Sonnenschein im Gespräch vor der Kirche neugierig gemacht hat.
Die heutige Barockkirche wurde von der Priorin Josepha Dominica von Rottenberg (1676–1738) gebaut. Diese war bestrebt, die Disziplin der Dominikanerinnen, die im Kloster lebten, wieder herzustellen. Zu den Ordensregeln gehörte nämlich eine strikte Klausur, die die Nonnen hinter die Klostermauern gebannt habe.
Abschottung der Nonnen
So sei auch die Kirche, die als Südflügel an die Klostergebäude angebaut ist, streng nach den Bedürfnissen zur Abschottung der Nonnen vor der Aussenwelt konzipiert: das Schiff als Leutkirche für die Bevölkerung und der Nonnenchor für die Dominikanerinnen. Letzterer sei nur vom Kloster aus zugänglich gewesen.
Irrtümlich hat der Autor beim Eintritt in das Gebäude das drei Meter hohe Eisengitter, das noch vor den Bänken quer über den Kirchenraum angebracht ist, für diese Abtrennung gehalten. Aber dann hätten die Laienkirchgänger ja nur vier Meter Raum gehabt und die Nonnen fast die ganze Kirche für sich?!
Vandalismus-Akt
Nein, klärt Sonnberger auf: Das Gitter wurde in den Achtzigern während der Renovierung angebracht, nachdem bei einem Vandalismusakt die Altäre stark beschädigt und einzelne Gegenstände gestohlen worden waren. Der Nonnenchor befinde sich hinter dem Hochaltar.
Hinter dem Hochaltar? Aber da ist doch nur die Gebäudewand! Noch während der Autor diese Aussage formuliert, nimmt er wahr, dass er durch die kleinen Aussparungen hinter den Ornamenten des hölzernen Hochaltars weitere Deckengemälde erkennen kann.
«Die Akustik ist ausgezeichnet: Die Nonnen haben jedes Wort des Priesters verstanden.»
Betty Sonnberger, Denkmalpflegerin
Hinter dem Hochaltar befindet sich tatsächlich ein grosser Bogendurchgang und ein weiterer Raum: der Nonnenchor!
«Die Akustik ist ausgezeichnet: Die Nonnen haben jedes Wort des Priesters verstanden», erklärt Sonnberger. Sie durften der Messe nur zuhören aber nicht zusehen? Sonnberger nickt.
Vor dem Blick der männlichen Laien geschützt?
Wurden die Nonnen vor dem Blick der männlichen Laien geschützt oder die männlichen Laien vor den Blicken der Nonnen? Sonnberger zuckt leicht amüsiert die Achseln.
«Der Priester stellte die geweihten Hostien hier hinein; die Nonnen entnahmen sie von der anderen Seite.»
Betty Sonnberger
Und die Eucharistie? Daran durften die Nonnen nicht teilnehmen? «Selbstverständlich», meint Sonnberger und geht mit einem barocken Schlüssel (der tatsächlich ein Original ist) auf den rechten Rand des Hochaltars zu. Dort schliesst sie zu Verblüffung des Autors ein kleines, kaum mannshohes Türchen auf: die Durchreiche mit Drehtür!
«Der Priester stellte die geweihten Hostien hier hinein; die Nonnen entnahmen sie von der anderen Seite», sagt Sonnberger mit provozierender Selbstverständlichkeit.
Dem Autor fällt erst einmal die Kinnlade hinunter, wobei er nicht weiss, ob wegen der unglaublich sturen Dogmatik der Katholiken oder wegen ihrer unglaublich findigen Lösungen, diese Dogmen im Alltag zu umgehen.
«Es mussten halt einige Dogmen höher gewichtet werden als andere.»
Denkmalpflegerin
Durften denn andere Menschen als ein Priester und vor allem eine Frau die Hostien austeilen? Wieder zuckt Sonnberger amüsiert mit den Achseln: «Es mussten halt einige Dogmen höher gewichtet werden als andere.»
Drehbare Monstranz
Ernst fügt sie aber hinzu, dass eine Priorin auch als Frau durchaus einige Privilegien in der katholischen Kirche hatte.
Dass die Vitrine mit der Monstranz im Hochalter um 180 Grad drehbar ist, sodass sie auch die Nonnen von der anderen Seite betrachten konnten, nimmt der Autor nur noch passiv wahr. Eine Geheimtür bei James Bond könnte nicht besser versteckt sein.
«Der Priester kam vermutlich nur bei ganz wenigen Anlässen im Jahr zu den Nonnen auf die andere Seite.»
Betty Sonnberger
Sonnberger schliesst auf der linken Seite des Hochaltars den Durchgang zum Nonnenchor auf. «Der Priester kam vermutlich nur bei ganz wenigen Anlässen im Jahr zu den Nonnen auf die andere Seite», erzählt die Kunstexpertin dabei.
Der Nonnenchor ist heute zu einem modernen Sitzungszimmer mit niedriger Decke umgebaut. Tür, Durchreiche und Monstranz sieht man aber noch immer in der hölzernen Rückwand des Hochaltars.
Deckengemälde von Jacob Carl Stauder
Die originalen Holzbänke des Chors befinden sich im so geschaffenen «zweiten Stock» des Chors, in dem auch endlich die Deckengemälde von Jacob Carl Stauder zu bewundern sind, die vom Kirchenschiff durch die Lücken im Hochaltar erkennbar waren.
Die Verwunderung ob der Konsequenz, die Priorin Josepha Dominica bei der Abschottung ihrer Nonnen vor den restlichen Menschen in der Kirche durchzog, endet aber nicht beim «James-Bond-Hochaltar.»
Schwarze Madonna-Kopie
In einer Seitenkapelle in einem abgeschlossenen Raum hatte die Priorin ihre persönliche Kopie der Schwarzen Madonna von Einsiedeln zur Anbetung ausgestellt.
Da diese öffentlich zugänglich sein sollte, befindet sich hinter der eigentlichen Kapelle ein weiteres Räumchen, das durch eine Mauer mit vergittertem Fenster abgetrennt und nur vom Kloster aus zugänglich ist. Aus diesem durften die Nonnen die Madonna betrachten – ziemlich weit weg.
Milchglasscheibe mit Fenster
Aber auch hier half sich Josepha Dominica, die ja selbst ein grosses Interesse daran gehabt haben dürfte, die Madonna ausführlich zu betrachten: Über der Kapelle befinden sich weitere Räume, die nur vom Kloster aus zugänglich sind.
Eine Milchglasscheibe mit Fenster befindet sich direkt oberhalb der Madonna, sodass man auf sie von schräg oben hinunterblicken kann.
Hier ist auch das Krankenzimmer, das ein kleines Fenster unter der Decke zum Kirchenschiff hat: Auch hier sei die Akustik perfekt, versichert Sonnberger.
Skurriler Ideenreichtum
Bei all diesem skurrilen Ideenreichtum zur Umsetzung der Klausur kann man fast nur noch beiläufig erwähnen, dass auch die Empore nur vom Kloster aus betreten werden konnte. Hier musizierten die Nonnen selbst, vor kunstvoll ornamentiertem Sichtschutz über der Emporenbrüstung.
Auch die Orgel wurde von den Nonnen selbst gespielt: Sicher auch das eine Ausnahme in der bis ins 20. Jahrhundert reinen Männerwelt der Organisten. Die strikte Klausur machte diesen minimalen Akt der Emanzipation möglich.
Infos: Kloster St. Katharinental, St. Katharinental 1, 8253 Diessenhofen, denkmalpflege.tg.ch
Programm: Samstag, 8. Oktober: Besichtigung von Klosterkirche und Kapelle zwischen 10 und 17 Uhr mit Führungen um 11 und 13 Uhr. Orgelkonzert am 8. Oktober, 15.30 Uhr
In der kommenden Woche erfahren Sie, mit welcher Schläue Priorin Josepha Dominica von Rottenberg Kloster und Kirche fast komplett neu bauen konnte und sich dabei gegen die Männerwelt durchsetzte, wie Kloster und Kirche heute genutzt werden, warum die Feuerwehr einst eine Hochzeit stürmte und wie ein koptischer Bischof das Kloster besichtigte.
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