Katholisches Wir-Gefühl: Warum wir einen Schweizer Katholikentag brauchen
Immer wieder gab es mal die Forderung nach einem Schweizer Katholikentag. «Das ist eine gute Idee», findet Pfadi-Mann Thomas Boutellier. Auf dem Katholikentag in Stuttgart erfährt er, was er in der Schweiz vermisst: ein katholisches Wir-Gefühl. Ein Gastkommentar.
Thomas Boutellier*
Gestern hat mich ein Pfarrer gefragt, was ich am Katholikentag machen werde. Ja was? Was macht ein Schweizer am Katholik:innentag in Deutschland? Er sucht, was er in der Schweiz nicht mehr findet: ein katholisches Wir-Gefühl.
Spüren wir dieses «Wir» noch?
Wie oft hören wir Untergangsszenarien: Die katholische Kirche geht zu Ende, braucht es nicht mehr, hat sich selbst abgeschafft, ist mit all den Skandalen nicht mehr glaubwürdig.
Und wir? Wir antworten: Aber wir tun doch, wir sind doch dran, heute ist eine andere Zeit, es gibt den synodalen Prozess, wir… Ja wir! Aber spüren wir dieses «Wir» noch? Und mit «Wir» meine ich nicht die Angestellten der Kirche, sondern die Gemeinschaft der Gläubigen.
Und plötzlich war da dieses Wir
An der Eröffnungsveranstaltung standen vor der Bühne ein paar hundert Menschen und haben den Katholik:innentag miteröffnet. Die Band Patchwork hat die Lieder begleitet und zwei Frauen haben den Anlass moderiert. Die Prominenz durfte kurz etwas sagen, aber im Zentrum stand eine Frau, die mit ihrem Lebenswerk in Afghanistan beeindruckt hat.
Und plötzlich war da dieses Wir. Links und rechts wurde gesungen, geklatscht und gelacht. Nicht wie an einem Konzert, bei dem man nach vorne schaut, um nichts zu verpassen. Nicht wie bei einem Fest, wo es nicht so sehr auf das ankommt, was da so läuft, solange man mit der Person links und rechts Spass haben kann. Und es ist sogar möglich, dass am Katholik:innentag eine evangelische Pfarrerin das Vaterunser anleitet.
Wir zeigen, woher wir kommen
Man spürt: Es gibt dieses Wir von Menschen, die die gleiche Mission trägt. Wir sind Christinnen und Christen, die Jesus nachfolgen. Und wir sind trotz vieler Widerstände Katholik:innen.
Und noch was fällt auf: Wir zeigen, woher wir kommen. Wir verschwinden nicht in der Anonymität der dunklen Nacht, sondern prägen mit unseren Katholik:innentag-Badges die Katholik:innentag-Schals das Stadtbild. Ganz ungezwungen laufen wir auch noch spät am Abend durch die Stadt.
Wir-Gefühl bei der Pfadi
So ein katholisches Wir-Gefühl habe ich in der Schweiz noch nicht erlebt – ein wenig beim Papst-Besuch 2018 in Genf. Vermisse ich dieses Wir-Gefühl in der Schweiz? Jein. Ich bin so aufgewachsen. Das Wir war die Pfadi oder die Minis oder die Studis.
Aber hier in Stuttgart fühle ich mich aufgehoben, vom Wir-Gefühl mitgetragen. Selbst wenn es um schwierige Themen geht wie Missbrauch, Macht und unzeitgemässe Strukturen. Dieses Wir ist auch ein «Wir gestalten zusammen eine neue Zukunft». Die mit Römerkragen oder Krawatten zusammen mit denen in T-Shirts und mit Strohhüten.
Wagen wir das Experiment
An einem Wir-Gefühl sollten wir auch in der Schweiz arbeiten, wenn wir die nötigen Schritte weitergehen wollen. Auf Ebene der Bischofskonferenz und der Römisch-Katholischen Zentralkonferenz der Schweiz gab es immer mal wieder der Wunsch nach einem schweizweiten Katholikentag. Diese Idee sollte nicht weiter belächelt, sondern als Experiment ausprobiert werden.
Die katholische Kirche Schweiz darf national nicht nur auf RKZ-Treffen von katholischen Funktionärinnen und Funktionäre zusammenkommen. Oder an punktuellen Ereignissen wie der nationalen synodalen Versammlung in Einsiedeln. Denn auch in der Schweiz brauchen wir mehr Wir-Gefühl.
* Thomas Boutellier (42) ist Verbandspräses im Verband Katholischer Pfadi und Leiter der kirchlichen Fachstelle Jugend in Solothurn. Er ist beruflich und im Ehrenamt im Bereich Missbrauchs-Prävention und Intervention tätig.
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