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Schweiz
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Katholische Kirche erlebt keinen Exodus

Zürich, 9.2.17 (kath.ch) Das Bundesamt für Statistik (BFS) und das Schweizerische Pastoralsoziologische Institut (SPI) haben kürzlich neue Zahlen zur Religions- und Kirchenstatistik publiziert. «Die Neue Zürcher Zeitung» sprach in der Printausgabe (9. Februar) von den «Schäfchen», die «davonlaufen» und in der Online-Ausgabe (8. Februar) von einem «Exodus», an dem die katholische Kirche leide. Daniel Kosch, Generalsekretär der römisch-katholischen Zentralkonferenz der Schweiz (RKZ), widerspricht dem in seinem Gastbeitrag.

Daniel Kosch

Es dient auch den Kirchen nicht, wenn sie die Zahlen schönreden. Dennoch ist es wichtig, die Fakten klar und differenziert wahrzunehmen. Die römisch-katholische Kirche hatte nämlich noch nie so viele Mitglieder wie jetzt. Es ist Folgendes festzuhalten:

Der Anteil der Mitglieder der römisch-katholischen und der evangelisch-reformierten Kirchen an der Gesamtbevölkerung geht deutlich zurück. Aber mit über 60 Prozent der Gesamtbevölkerung im Alter von über 15 Jahren sind die beiden Kirchen immer noch gross und mitgliederstark.

Jahr Evangelisch-Reformiert Römisch-Katholisch Total
1910 56.2% 42.5% 98.7%
1970 48.8% 46.7% 95.5%
2000 33.9% 42.3% 76.2%
2015 24.9% 37.3% 62.2%

Quelle: https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home.assetdetail.1822034.html

 

Anteil der Konfessionslosen

In der Schweiz leben 1,65 Millionen über 15 Jahre alte Personen, die sich als konfessionslos deklarieren. Im Jahr 2000 waren es noch 670›000, ihre Zahl hat also in 15 Jahren (zwischen 2000 und 2010) um eine Million zugenommen.

1970 1980 1990 2000 2010 2015
Anteil Konfessionslose 1.2% 3.9% 7.5% 11.4% 20.1% 23.9%
Zunahme 2.7% 3.6% 3.9% 8.7% 3.8%

Quelle: https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home.assetdetail.1822034.html

 

Kirchenaustritte

Für die Zahl der Kirchenaustritte gibt es keine gesamtschweizerische Statistik. Zu berücksichtigen ist ferner, dass die Erklärung des Kirchenaustritts gegenüber den staatlichen Behörden hauptsächlich in jenen Kantonen bedeutsam ist, wo die Zugehörigkeit zu einer öffentlich-rechtlich anerkannten Kirche mit der Pflicht verbunden ist, Kirchensteuern zu bezahlen. Das ist aber in etlichen Kantonen der lateinischen Schweiz (GE, NE, VD, VS, TI) nicht der Fall. Die vom SPI erhobenen Zahlen zeigen dennoch eine Entwicklung, die den Kirchen zu denken geben muss:

Kirchenaustritte von römisch-katholischen Mitgliedern | © BFS

Quelle: https://spi-sg.ch/die-vertrauten-kirchengestalten-verschwinden-2/

Die hohe Anzahl an Austritten im Jahr 2010 fällt besonders auf. Grund waren die öffentlich gewordenen Fälle von sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche. Dass auch die Zahl der Austritte aus der evangelisch-reformierten Kirche stieg, ist ein Indiz dafür, dass selbst Kirchenmitglieder nicht mehr klar zwischen den Konfessionen unterscheiden – und dass die Problematik der gesamten Kirche angelastet wird.

Noch nie so viele Mitglieder

Vor allem was die römisch-katholische Kirche betrifft, ist klar zwischen dem rückläufigen Anteil der Katholiken an der Gesamtbevölkerung (minus 5 Prozent in 15 Jahren) und der Entwicklung der Zahl der Mitglieder zu unterscheiden. In absoluten Zahlen ist die katholische Kirche nicht kleiner geworden, sondern grösser. Sie hatte noch nie so viele Mitglieder. Das relativiert die Aussage «Auch die katholische Kirche leidet an einem Exodus» (NZZ online 9. Februar) deutlich.

1910 1970 1980 1990 2000 2010 2015
Katholiken über 15 J. 1’595’150 2’136’719 2’287’279 2’538’698 2’482’406 2’516’432 2’576’616
Anteil Katholiken an
Gesamtbevölkerung
42.5% 46.7% 46.2% 46.2% 42.3% 37.9% 37.3%

Quelle: https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home.assetdetail.1822034.html

Faktor Migration

Ein wichtiger Faktor für diese Entwicklung ist die Migration. Deshalb lohnt sich auch ein Blick auf die Zahl der Ausländer (ebenso wichtig wäre die Zahl der eingebürgerten Migrantinnen und Migranten, doch gibt es dazu keine offiziellen Zahlen):

1910 1970 1980 1990 2000 2010 2015
Kath. Ausländer über 15 J. 383’648 543’883 463’820 559’963 532’290 579’787 635’226
Ausländeranteil in der kath. Kirche 24.1% 25.5% 20.3% 22.1% 21.4% 23,0% 24.7%

Quelle: https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home.assetdetail.1822034.html

Fazit

  • Die Religionslandschaft in der Schweiz ändert sich – und zwar tiefgreifend und innerhalb von relativ kurzer Zeit. Die wichtigste Entwicklung ist die Zunahme der Konfessionslosigkeit.
  • Die Austrittsneigung nimmt zu, was dem aus anderen Untersuchungen bekannten Trend zu wachsender Kirchendistanzierung entspricht.
  • Die beiden grossen Konfessionen haben aber mit einem Anteil von über 60 Prozent an der Gesamtbevölkerung nach wie vor grosses Gewicht.
  • In absoluten Zahlen ist der Mitgliederbestand der katholischen Kirche stabil, ja sogar grösser als in früheren Jahren.

Entwicklungen von Region zu Region unterschiedlich

Wichtig, aber in dieser Überblicksdarstellung nicht berücksichtigt, ist zudem die Feststellung, dass die aufgezeigten Entwicklungen nicht überall gleich verlaufen. Die Unterschiede zwischen den Regionen und Kantonen, aber auch zwischen Stadt und Land sind beträchtlich.

Ebenfalls zu berücksichtigen ist die Tatsache, dass die Entwicklung in den beiden grossen, oft in einem Atemzug genannten Kirchen unterschiedlich verläuft. Während die evangelisch-reformierte Kirche deutlich an Mitgliedern verliert (von 2.32 Millionen Mitgliedern über 15 Jahren 1970 zu 1.72 Millionen im Jahr 2015) ist die Zahl der Mitglieder der römisch-katholischen Kirche konstant. Dementsprechend sind auch die Herausforderungen nicht dieselben.

Stabile katholische Kirche wird ignoriert

Während die Phänomene Austritte, Konfessionslosigkeit, sinkende Mitgliederzahlen und Säkularisierung in der medialen Öffentlichkeit grosse Resonanz finden, werden die Phänomene des nach wie vor hohen Anteils der Kirchenmitglieder an der Gesamtbevölkerung und der stabilen Mitgliederzahl der römisch-katholischen Kirche deutlich weniger wahrgenommen. Es scheint nicht unwichtig, angesichts negativer Schlagzeilen einen Gegenakzent zu setzen.

Dabei geht es nicht darum, die «guten» Nachrichten zu nutzen, um die Probleme und Herausforderungen kleinzureden. Die vertrauten Kirchengestalten «verschwinden» zwar vielleicht nicht gerade, aber sie «verändern» sich markant, was mit grossen Herausforderungen für die Kirchen verbunden ist.

Eine realistische und differenzierte Gesamtbeurteilung ist deshalb eine unerlässliche Grundlage für das eigene Handeln, für die Positionierung der Kirchen in der Gesellschaft wie auch für Diskussionen rund um die Weiterentwicklung des staatlichen Religionsrechts und die Bedeutung von Religion und Kirchen in der Bildung, in den Heimen und Spitälern und im gesamten öffentlichen Raum. (ft)

Wer betet am meisten? Es sind nicht die Katholiken

 

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