Katholisch, queer, FDP: Warum sich Jill Nussbaumer segnen liess
«Jill Nussbaumer ist in einem wohlbehüteten katholischen Elternhaus in Cham aufgewachsen. Der Kirche fühlt sie sich emotional verbunden. ‘Mir gefallen Zeremonien’, sagt sie. Nur Weihrauch mag sie nicht so sehr – vor allem wenn sie gleich danebensteht.
Hingegen singt sie gern, wenn auch nicht gut, wie sie lachend einräumt. Immerhin hat sie einmal in einer Band Background gesungen. Trotz der Homophobie und Frauenfeindlichkeit der römischen Kurie war ein Kirchenaustritt nie ein Thema.
Bereits vor dem Ja zur ‘Ehe für alle’ segnete ein Seelsorger Nussbaumers Partnerschaft. Weshalb ist ihr das so wichtig? ‘Es ist schön, zu spüren, dass in der Beziehung etwas Grösseres wirksam ist’, sagt sie. Gegenüber ihren Eltern habe sie sich ‘schleichend’ geoutet, erzählt die Jungpolitikerin.
Sie sagte ihnen jeweils, dass sie an eine Pride oder eine LGBT-Party gehe. Und sie stellte ihnen alle Bekannten vor, die offensichtlich queer waren. Aber sie brachte nie eine feste Freundin nach Hause. Nicht aus Scham, sondern weil sie lange keine Beziehung hatte. ‘Ich fragte mich, ob ich aromantisch sei und mich deshalb nie verliebte.’ (…)
In einem Positionspapier befassen sich die Jungfreisinnigen mit polyamourös veranlagten Menschen. Solche Personen leben verschiedene Liebesbeziehungen gleichzeitig. Die Jungpolitiker haben nun ein eheähnliches Konstrukt für mehr als zwei Menschen erarbeitet. Glaubt Nussbaumer allen Ernstes, dass solche Vorschläge realistische Chancen haben?
‘Wir müssen das in den Diskurs bringen und zeigen, dass es Leute gibt, die so leben’, sagt sie. Vielleicht werde es in fünfzig Jahren einen rechtlichen Rahmen dafür geben. Auch mit der ‘Ehe für alle’ und der eingetragenen Partnerschaft sei der Weg lang gewesen. Obwohl gleichgeschlechtliche Paare seit Jahrzehnten zusammenleben. Irgendwann müsse man damit anfangen. Dass inzwischen sogar katholische Pfarrer bereit sind zu einer Zeremonie für gleichgeschlechtliche Paare, zeigt ihr: Langsam hat sich doch etwas geändert.»
Jill Nussbaumer ist Vizepräsidentin der Schweizer Jungfreisinnigen. NZZ-Redaktorin Dorothee Vögeli stellt sie anlässlich der Zurich Pride vor, die dieses Wochenende stattfindet. Am heutigen Samstag sind ab 13 Uhr auf dem Helvetiaplatz Reden zu hören. Um 14 Uhr setzt sich der Demonstrationszug durch die Innenstadt in Bewegung. Von 11 Uhr bis 24 Uhr gibt’s auf dem Festgelände Musik, Info-Veranstaltungen und Partys. (rr)
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