Katharina Jost Graf, Co-Präsidentin Frauenbund Schweiz
Schweiz

Katharina Jost Graf: «Gleichberechtigung ist unter Beschuss – Frauennetzwerke braucht es wieder vermehrt»

Die Pfarreiseelsorgerin Katharina Jost Graf ist seit kurzem Co-Präsidentin des Frauenbunds Schweiz, gemeinsam mit Pia Viel. Präsidentin hätte sie nicht werden wollen, obwohl sie sich für Gleichberechtigung einsetzt. «Auch wir Theologinnen sind vor Klerikalismus nicht ganz gefeit», sagt sie.

Regula Pfeifer

Sie waren vorher Vizepräsidentin, nun Co-Präsidentin des Frauenbunds Schweiz. Wie fühlt sich dieser Wechsel an?

Katharina Jost Graf*: Es war kein abrupter, sondern ein kontinuierlicher Wechsel. Durch die krankheitsbedingte Abwesenheit unserer Geschäftsführerin mussten wir im Vorstand mehr mitanpacken. So kam ich vom Vizepräsidium quasi organisch ins Co-Präsidium. Ich mache den Wechsel mit viel Freude, aber auch im Wissen, dass dieses Amt kein Zuckerschlecken ist.

Katharina Jost Graf und Pia Viel leiten im Co-Präsidium den Frauenbund Schweiz.
Katharina Jost Graf und Pia Viel leiten im Co-Präsidium den Frauenbund Schweiz.

Welche Erfahrungen können Sie einbringen?

Jost: Ich bringe Erfahrungen aus meiner langjährigen Seelsorgetätigkeit ein. Ich habe viele Projekte und Gruppen geleitet und Prozesse begleitet. Im Frauenbund und auch in anderen Nonprofitorganisationen war ich in Vorständen tätig. Ich habe Erfahrungen in der Kirche und der Theologie. Und ich kann meine Kreativität einbringen, denn ich probiere gern Neues aus.

«Ich habe in Dagmersellen die 200-Jahr-Feier der Pfarrei mit Riesenfest geleitet.»

Könnten Sie Beispiele für Ihre Seelsorge-Projekte nennen?

Jost: Ich bin in Dagmersellen Pfarreiseelsorgerin und auch theologische Begleiterin der Frauengemeinschaft. Da habe ich etwa die 200-Jahr-Feier der Pfarrei geleitet, ein einwöchiges Riesenfest. Dabei weihten wir den multifunktional umgestalteten Kircheninnenraum ein. Ich leite auch die Integrationsgruppe von Pfarrei und Gemeinde, mit der wir alle zwei Jahre ein riesiges multikulturelles, verbindendes Fest organisieren.

«Ich nehme jeden Menschen in seiner Eigenart ernst und respektiere ihn.»

Prägt ihr Beruf als Seelsorgerin Ihr Führungsverständnis?

Jost: Ja, sicher. Ich nehme jeden Menschen in seiner Eigenart ernst und respektiere ihn. Ich finde es wichtig, dass jeder Mensch – oder im Frauenbund jede Frau – die eigenen Fähigkeiten einbringen kann. Alle Arten mitzuwirken sind wertvoll.

Der Frauenbund als Frauen-Netzwerk - mit Priorin Irene Gassmann an der DV in Sitten im Mai 2025
Der Frauenbund als Frauen-Netzwerk - mit Priorin Irene Gassmann an der DV in Sitten im Mai 2025

Welche Herausforderungen erwarten Sie in der neuen Aufgabe?

Jost: Eine Herausforderung ist, die Relevanz von Frauennetzwerken aufzuzeigen. Ich bin überzeugt, dass es diese jetzt vermehrt braucht. Denn Selbstverständlichkeiten in Sachen Gleichberechtigung sind plötzlich wieder unter Beschuss – auch wegen der aktuellen weltpolitischen Lage. Das Frauennetzwerk ist auch eine Kraft, die sich dem Individualismus und dem Rückzug ins Kleine und Private entgegenstellt.

«Eine anspruchsvolle Aufgabe ist auch, unseren neuen Namen samt Claim in kirchlichen Kreisen verständlich zu machen.»

Eine anspruchsvolle Aufgabe ist auch, unseren neuen Namen samt Claim «Frauenbund Schweiz – überraschend anders katholisch» und die Beweggründe, die dazu geführt haben, in kirchlichen und weiteren Kreisen verständlich zu machen. Der Prozess der Namensänderung lief innerhalb des Frauenbunds gut, es entstand eine grosse Kraft. Nun geht es darum, diesen Drive zu nutzen.

Auch unser politisches Engagement geht weiter. In nächster Zeit werden wir uns mit der Eizellenspende auseinandersetzen. Auch bei der Familienzeitinitiative und der Konzerninitiative engagieren wir uns.

«Es ist nicht gut, wenn eine Theologin alleinige Präsidentin des Frauenbunds ist.»

Hätten Sie sich auch ein alleiniges Präsidium vorstellen können?

Jost: Nein, ich bin fest überzeugt: Es ist nicht gut, wenn eine Theologin alleinige Präsidentin des Frauenbunds ist. Der Frauenbund ist eine Organisation, in der sich viele Frauen engagieren, die keine Kirchenprofis sind. Ausserdem sind auch wir Theologinnen vor Klerikalismus nicht ganz gefeit – von unserer eigenen Veranlagung her, aber auch von der Ehrfurcht her, mit der uns gewisse Menschen begegnen. Auf das Co-Präsidium konnte ich mich einlassen, nach einigen Gesprächen. Ich merkte: So stimmt es für die Frauen vom Frauenbund.

Sie sind für kirchliche Angelegenheiten zuständig, nicht wahr?

Jost: Pia Viel und ich mussten uns im Co-Präsidium aufteilen. Wir haben im Vorstand eine Arbeitsgruppe Gesellschaftspolitik und eine Arbeitsgruppe Kirchenpolitik. Da Pia aus der Politik kommt und ich von der Kirchenarbeit her, war die Aufteilung logisch. Wir werden die Bereiche aber nicht messerscharf trennen.

Katharina Jost von der Allianz Gleichwürdig Katholisch an einem Treffen in Olten 2021, rechts Alfons Sonderegger
Katharina Jost von der Allianz Gleichwürdig Katholisch an einem Treffen in Olten 2021, rechts Alfons Sonderegger

Was möchten Sie unbedingt anpacken?

Jost: Etwas Neues ist aktuell nicht geplant. Doch wir werden uns weiterhin für Gleichberechtigung in der Kirche und für Synodalität einsetzen. Diesbezüglich bin ich mit der Allianz Gleichwürdig Katholisch unterwegs. Der Frauenbund ist einer der Trägerorganisationen der Allianz, deren Geschäftsstelle befindet beim Frauenbund Schweiz in Luzern. Wir haben etwa das Projekt «Privat ist privat» am Laufen. Da kämpfen wir dafür, dass die privaten Lebensumstände keine Rolle spielen dürfen bei Anstellungen in der Kirche.

«So wie sie jetzt ausgestaltet ist, möchte ich die Priesterrolle nicht ausüben.»

Was sagen Sie zum Frauenpriestertum?

Jost: So viel: Wenn morgen das Frauenpriestertum eingeführt würde, würde ich sagen: So wie sie jetzt ausgestaltet ist, möchte ich diese Rolle nicht ausüben. Ich denke, es ist besser, zuerst die Kirche synodaler zu gestalten, mehr Frauen in Entscheidungspositionen zu bringen und das Priesteramt neu zu denken. Selbstverständlich bin ich für Gleichberechtigung, kämpfe dafür. Das Frauenpriestertum ist für mich aber nur die Spitze des Eisbergs. Davor gibt es noch viel Anderes. Zarte Ansätze sind da – etwa mit dem synodalen Prozess weltweit und in der Schweiz. Aber es braucht noch sehr viel Veränderung.

«Wäre damals ein Übergriff passiert, hätte es für mich als Verantwortliche der Pfarrei massive Konsequenzen gehabt.»

Was sagen Sie zum Missbrauch in der Kirche?

Jost: Das ist einfach nur schlimm. Ich war die erste Frau in der Funktion der Gemeindeleiterin im Kanton Baselland und habe vor kurzem gemerkt, dass das Thema Missbrauch mir damals sehr nahekam. Denn einer der Missbrauchstäter, über welche die SRF-«Rundschau» kürzlich berichtete, ein Benediktiner Pater aus Maristein, war regelmässiger Aushilfspriester bei uns. Ich glaube nicht, dass unter meiner Pfarreileitung etwas passierte, denn er war bei diesen Einsätzen nie allein mit Leuten zusammen. Aber wäre ein Übergriff passiert, hätte es für mich als Verantwortliche der Pfarrei massive Konsequenzen gehabt. Dieser Gedanke hat mich sehr beschäftigt.

Berührung: Was privat erwünscht ist, ist es in anderem Kontext manchmal nicht.
Berührung: Was privat erwünscht ist, ist es in anderem Kontext manchmal nicht.

Spüren Sie Folgen vom Missbrauchsskandal vor eineinhalb Jahren?

Jost: Ich finde es schlimm, wie viel Vertrauen die Missbrauchsfälle kaputt gemacht haben. Jetzt müssen wir im Zuge der Prävention Verhaltensweisen einhalten, die seelsorgerlich herausfordernd sind und viel Fingerspitzengefühl abverlangen. Jedes Mal, wenn ich eine Berührung angebracht fände, überlege ich mir, ob es übergriffig wirken könnte. In der Prävention passiert viel, aber beim Kulturwandel und insbesondere beim Strukturwandel, der auch ein Überdenken des klerikalen Machtgefälles beinhalten würde, sind wir noch nicht weit.

«Ich habe den Frauenbund quasi schon mit der Muttermilch eingeträufelt bekommen.»

Wie und wann sind Sie zum Frauenbund gekommen?

Jost: Ich habe den Frauenbund quasi schon mit der Muttermilch eingeträufelt bekommen. Meine Mutter und meine Grossmutter waren beide in Frauengemeinschaften in Baden und Wettingen aktiv. Ich erlebte, wie sie sich beim Kinderhütedienst oder bei Bazaren engagierten. Ich war als Mädchen immer dabei und fand die Anlässe toll. Später hatte ich als Blauring-Leiterin mit dem Frauenverein zu tun. Und bei meiner ersten Seelsorgestelle in Baselland führte ich mit der Frauengemeinschaft Anlässe durch, etwa meditatives Tanzen in der Kirche. Im Jahr 2000 zog ich nach Dagmersellen und wurde Mutter. Im selben Jahr kam ich in den Vorstand des Luzerner Frauenbunds, als theologische Begleiterin, wo ich bis 2019 aktiv war. Gleich im Anschluss wurde ich in den Vorstand des Schweizerischen Katholischen Frauenbunds gewählt und 2020 Vizepräsidentin. Seit 2005 bin ich zudem im Vorstand der Frauengemeinschaft Dagmersellen als theologische Begleiterin aktiv.

Slogan des Kirchenfrauenstreiks von 2019: Gleichberechtigung. Punkt. Amen
Slogan des Kirchenfrauenstreiks von 2019: Gleichberechtigung. Punkt. Amen

Sie haben die Allianz Gleichwürdig Katholisch erwähnt und sind in deren Steuergruppe aktiv. Haben Sie sich auch an der Gründung der Allianz beteiligt?

Jost: Ja. Der Frauenbund plante ursprünglich, selbst eine frauenkirchenpolitische Stelle zu schaffen. Wir merkten aber, dass Diskriminierung in der Kirche nicht nur Frauen betrifft, sondern auch Männer, die nicht zölibatär leben wollen. Wir waren damals in der Vorgängerorganisation Allianz «Es reicht!» und wollten uns mit den beteiligten Organisationen neu aufstellen. Simone Curau-Aepli und ich waren wesentlich beteiligt bei der Um- und Neustrukturierung der Allianz.

«Ich finde Gleichwürdigkeit und Gleichberechtigung eine entscheidende Frage für die Glaubwürdigkeit der Kirche.»

Weshalb sind Sie da sehr engagiert?

Jost: Ich finde Gleichwürdigkeit und Gleichberechtigung eine entscheidende Frage für die Glaubwürdigkeit der Kirche. In der Allianz bin ich mit zwei Hüten dabei: einerseits als Vertreterin des Frauenbunds Schweiz, andererseits als Pfarreiseelsorgerin, die an diesen Fragen sehr interessiert ist.

* Katharina Jost Graf (61) studierte katholische Theologie in Luzern und Paris und ist seit 35 Jahren als Seelsorgerin tätig.

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Katharina Jost Graf, Co-Präsidentin Frauenbund Schweiz | © Aya Baalbaki
5. Juni 2025 | 17:00
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