Karin Keller-Sutter beim Frauenbund: «Vorlaut zu sein, schadet manchmal nicht»
An der Delegiertenversammlung in Weinfelden wurde klar: Der Frauenbund Schweiz holt seine Stärke aus der Spiritualität, der Frauenpolitik und seiner schieren Grösse. Bundesrätin Karin Keller-Sutter zeigte sich erfreut, vor lauter Frauen zu sprechen.
Regula Pfeifer
Die Delegiertenversammlung der katholischen Frauenorganisation Frauenbund Schweiz zeigt sich an diesem Samstag als ein buntes Gemisch von trockenen Traktanden – Jahresbericht und Finanzen – und feinsinnigen spirituellen sowie frauenpolitischen Einlagen.
Erkämpfte Frauenrechte
Die Stimmung unter den 230 Anwesenden – darunter 157 Delegierte – im grossen Saal des Thurgauerhofs heizt sich an diesem Morgen zunehmend auf. Besonders die Kampagne «Frauenrechte. Erkämpft, nicht geschenkt» führt zu Zwischenrufen. Die Kommunikationsverantwortliche sensibilisiert die Frauen für Fragen der Gleichstellung. «Wer von euch hat noch Zeiten ohne Frauenstimm- und Wahlrecht erlebt?», fragt sie ins Publikum. Etwa 25 Frauen erheben sich. Das Stimm- und Wahlrecht für Frauen wurde 1971 eingeführt.
Zum Gleichstellungsgesetz von 1981 sollen sich alle melden, denen gesagt wurde: «Das ist nichts für Frauen». Und bezüglich Eherecht von 1988 ist die Frage, ob sie oder ihre Mütter an der Erwerbstätigkeit gehindert worden seien. Etwa 20 Frauen melden sich. Viel mehr, nämlich die Hälfte des Saales, hat vor der Einführung der Mutterschaftsversicherung 2005 Kinder geboren. Ebenso viele haben die Wahl der ersten Bundesrätin bewusst miterlebt.
Eine Bundesrätin hat auch an dieser Frauenveranstaltung ihren Auftritt. Mit Applaus wird FDP-Bundesrätin Karin Keller Sutter empfangen. «Es ist schön, wieder einmal vor lauter Frauen zu sprechen», sagt die Ostschweizerin. Und sie präzisiert, sie habe nicht von «vorlauten» Frauen gesprochen – und erntet Lacher. «Wobei vorlaut zu sein schadet manchmal auch nicht», findet sie. Man müsse sich ab und zu Gehör verschaffen – und bereit zum Dialog sein.
Munition zuhause verhindert
Auch der Frauenbund ist teilweise politisch aktiv. So hat er letztes Jahr – dank engagierten Mitgliedern – mit 15’000 Unterschriften dazu beigetragen ein Gesetz zu verhindern, das es Soldaten ermöglicht hätte, Munition zuhause aufzubewahren.
Die katholische Frauenorganisation hat mit ihren 502 Ortsvereinen – trotz einem Verlust von 21 Vereinen im letzten Jahr – weiterhin eine breite Mitgliederbasis. Die Mitgliederbeiträge sind rückläufig, als Ausgleich wurde der Beitrag für den Dachverband – mit einigen Gegenstimmen und Enthaltungen – von 50 auf 75 Franken erhöht.
«Umfrage zeigte auf, dass die Kirche nicht untergeht, wenn Frauen Gemeinden leiten.»
Iva Boutellier, abtretende Vorstandsfrau
Auch frauenkirchenpolitisch bringt sich der Verband immer wieder ein. Vorstandsfrau Iva Boutellier berichtet: Das Synodensekretariat in Rom habe angefragt: «Wie funktioniert das, wenn Frauen Gemeinden leiten, wo sie es dürfen?» Ein Raunen geht durch den Saal. «Bei uns ist das fast selbstverständlich, anderswo nicht», fügt Boutellier an. Der Frauenbund machte also eine Umfrage und leitete das Ergebnis nach Rom weiter. Sie hätten aufgezeigt, sagt Boutellier unter grossem Applaus, «dass die Kirche nicht untergeht, wenn Frauen Gemeinden leiten.»
Auch spirituelle Momente erleben die Frauen an der DV. Co-Präsidentin Kathrin Jost Graf stellt erst die neue Grafik zum Claim «überraschend anders katholisch» vor. «Katholisch heisst nichts anderes, als das Ganze umfassend, die ganze Welt umfangend. Und das tut sie, diese Frau.»
Unterdessen entzündet Iva Boutellier eine breite Kerze auf dem Podiumstisch, an dem die Vorstandsfrauen von Frauenbund Schweiz sitzen und abwechselnd ans Rednerpult treten. Boutellier sagt: «Die Welt umarmen. Der Welt liebend begegnen.» Es klingt nach einer Predigt. Die Theologin fordert dazu auf, die eigenen Arme zu öffnen, über das Private, über die Landesgrenzen hinaus. Und das Leid der Welt mitzutragen. Die Anwesenden werden gebeten, aufzustehen und ihre Arme – und auch das Herz – zu öffnen. Alle machen mit. Wie bei Fürbitten heisst es dabei immer wieder «Wir umarmen…». Erwähnt werden die eigenen Liebsten, die Verbandsfrauen und weitere. Dann singen alle das Lied «Da nos un corazon».
Die Generalsekretärin der Thurgauer Landeskirche, Michaela Berger-Bühler, zeigt sich in ihrem Grusswort mit den Gästen verbunden. Denn auch sie gehöre einer Frauengemeinschaft an. «Wir alle tragen dazu bei, dass Kirche und Gesellschaft menschlicher, gerechter und lebendiger werden.» Sie dankt für dieses Engagement. «Wir Frauen tragen mit Mut dazu bei, dass die Kirche sich weiterentwickelt und glaubwürdig bleibt.»
Drei Neue im Vorstand von Frauenbund Schweiz
Drei Frauen sind aus dem Vorstand von Frauenbund Schweiz zurückgetreten: Fabienne Roos (seit 2021), Lydia Corradini-Renggli (seit 2024) und Iva Boutellier (seit 2017). An ihrer Stelle wurden am Samstag Diana Schor-Hayoz, Melanie Wächtler und Sophie Zimmermann einstimmig gewählt. Schor-Hayoz war von 2017 bis im März 2026 im Vorstand der Frauengemeinschaft Deitingen SO aktiv, ist in ihrem Motivationsschreiben nachzulesen. Die Betriebswirtschafterin HF hat eine Leitungsposition bei der Alternativen Bank Schweiz. Sie möchte sich gesellschaftspolitisch engagieren und ihre Erfahrungen in der Organisationsentwicklung und im Finanzbereich einbringen.
Melanie Wächtler war sechs Jahre lang Co-Präsidentin im Frauenverein Egolzwil-Wauwil LU, bis Januar 2026. Nach einer Ausbildung als Gesundheits- und Kinderkrankenschwester arbeitete sie erst als Fachexpertin und Führungskraft, heute als Coach und Referentin im Gesundheitswesen. Wächtler möchte als Vorstandsmitglied von Frauenbund Schweiz «den Austausch fördern, Verbindungen schaffen und die Weiterentwicklung der Vereine unterstützen».
Die Theologin Sophie Zimmermann ist seit 2022 als Seelsorgerin tätig, aktuell in den Pfarreien St. Anton, St. Michael in Luzern. Sie war bisher Einzelmitglied des Frauenbunds und begleitete als Präses lokale Frauengemeinschaften. In ihrem Motivationsschreiben bezeichnet sie sich als «aufgeschlossene, reflektierte und feministische Theologin». Sie wolle sich dafür einsetzen, «dass dieses kostbare Netzwerk von Frauen bestehen und florieren kann und dass unsere katholische Kirche in der Schweiz durch und mit uns gleichwürdiger wird.» (rp)
Hier geht es zur › Bestellung einzelner Beiträge von kath.ch.




