Iva Boutellier über den Frauenbund: «Die Bischöfe werden uns nicht mehr los»
Die Luzerner Theologin Iva Boutellier (68) tritt nach neun Jahren aus dem Vorstand vom Frauenbund Schweiz zurück. Sie wünscht sich «eine Kirche, die Platz hat für alle, besonders auch für Frauen». Und sie erinnert sich an den Beginn der Gespräche mit den Bischöfen als wichtigen Schritt der letzten Jahre.
Regula Pfeifer
Frau Boutellier, Sie sind 2017 in den Vorstand vom Frauenbund Schweiz gewählt worden. Was hat Sie damals motiviert, dabei mitzuwirken?
Iva Boutellier*: Damals endete meine Zeit als Synodale der Luzerner Kantonalkirche, und ich suchte ein neues Engagement. Eine Bekannte erzählte vom Vorstand des damaligen Schweizerischen Frauenbundes. Ich fand: Das wär’s. Es lockte mich, mich auf nationaler Ebene zu engagieren, besonders für Frauen. Ausserdem liegt mir das strukturelle, organisatorische Arbeiten. Ich war damals zwar Mitglied einer Frauengemeinschaft in Luzern, aber ich mag es lieber grösser, struktureller.
Was brachten Sie als Theologin in die katholische Frauenorganisation der Schweiz ein?
Boutellier: Da möchte ich vorausschicken: Damals hatte der Frauenbund das Katholische noch in seinem Namen. Aber ich bin der Meinung: Seit dem Namenswechsel zu Frauenbund Schweiz sind wir viel bewusster katholisch als vorher. Die Theologie war mir im Frauenbund sehr nützlich. Ich konnte vieles aus theologischer Sicht betrachten und in die Diskussion einbringen. Gleichzeitig schätzte ich, dass wir im Vorstand die Ressorts abschafften, auch jenes für Theologie. Dadurch konnte ich mich auch anderswo einbringen, das schätzte ich.
«Es geht im Verband darum, nicht zu vergessen, dass es noch etwas über uns gibt.»
Gleichzeitig geht es im Verband darum, nicht zu vergessen, dass es noch etwas über uns gibt. Wir kümmern uns um Spiritualität und darum, als Frauen in der Kirche präsent zu sein. Da hilft das theologische Wissen.
Was waren oder sind Ihre Herzensanliegen?
Boutellier: Ich wünsche mir eine Kirche, die Platz hat für alle. Und die die Frauen nicht nur sieht und anerkennt, sondern ihnen auch den ihnen gebührenden Platz gibt. Ausserdem wünsche ich mir, dass die Gesellschaft nicht vergisst, dass wir eingebunden sind in einen grösseren Zusammenhang. Biblisch formuliert wünsche ich mir ein «Leben in Fülle». Da darf alles sein – und alles und alle haben darin Platz. Das klingt jetzt sehr nach Predigt…
«Man muss achtgeben, dass der Diakonat für Frauen nicht zu einer Sackgasse wird.»
Das dürfen Sie ja mit ihrem theologischen Hintergrund… Was sind ihre Anliegen für die Frauen in der Kirche – Stichwort Diakonat oder Priestertum?
Boutellier: Über den Diakonat haben wir oft diskutiert mit unseren Kolleginnen in den deutschsprachigen Verbänden. Sie sind stärker fixiert auf den Diakonat für die Frau. Wir in der Schweiz finden: Solange nicht geklärt ist, was für ein Amt das sein soll, ist es schwierig damit. Als geweihtes Amt könnte es zwar ein Türöffner sein. Aber man muss achtgeben, dass der Diakonat für Frauen nicht zu einer Sackgasse wird. Etwa indem es heisst: Ihr habt ja jetzt etwas, seid zufrieden.
Zum Priestertum für Frauen finde ich: Lieber heute als morgen. Aber auch hier stellt sich die Frage: Was für ein Priestertum ist gemeint? Wie das der Männer? Oder wollen wir das Priestertum ganz neu denken? Ich bin in der Junia-Initiative aktiv. Dort engagieren wir uns dafür, dass Frauen zum Beispiel für die Sakramentenspendung beauftragt werden.
Sie sind also für ein Neudenken des Priesteramts…?
Boutellier: Ja, ich plädiere dafür, dass man sich damit auseinandersetzt. Wir müssen uns fragen: Was für Ämter brauchen wir in der Kirche? Es ist für mich auch wichtig, dass auch neue Ämter und Dienste offiziell sind.
Ich habe den Eindruck, dass Sie als Vorstandsfrau eher wenig an die Öffentlichkeit gingen. Liegt das Ihnen nicht so?
Boutellier: Das ist wahrscheinlich so. Wir müssen in unseren Kantonalverbänden jeweils Grussworte vom Dachverband überbringen. Vor Publikum hinzustehen und zu reden, musste ich erst lernen.
Was war der eindrücklichste Moment?
Boutellier: Eindrückliche Momente gab es sehr viele. Die grössten Ereignisse, die ich miterlebt und begleitet habe, sind das Treffen von elf Frauen des Frauenbundes und des Frauenrats mit der Schweizer Bischofskonferenz 2020 zum Thema «Erneuerung der Kirche» sowie die Sakramentalitätstagung 2022 an der Universität Freiburg.
«Wir kamen mit pinken Mitras – zur Überraschung des damaligen Frauenbeauftragten der Bischofskonferenz.»
Ich erinnere mich auch gern an unsere Delegiertenversammlung in Basel vor dem Frauenkirchenstreik 2019. Da kamen Frauen von uns mit pinken Mitras – zur Überraschung des damaligen Frauenbeauftragten der Bischofskonferenz, Weihbischof Denis Theurillat. Mich beeindruckten auch die internationalen Treffen mit katholischen Frauenorganisationen anderer deutschsprachiger Länder sowie unsere Herbstkonferenzen mit den Kantonalverbandsfrauen. Da überall spürte ich Frauenpower.
Haben sie auch schwierige Momente erlebt?
Boutellier: Ich bin zwar eine Strukturfrau, doch manchmal hatte ich genug von der Organisationsentwicklung. Das hatte ich als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bildungsdepartement des Kantons Luzern zur Genüge mitbekommen. Wir haben im Verband immer wieder gerungen um Zuständigkeiten. Inzwischen sind wir gut aufgestellt.
War auch der Namenswechsel des Verbands schwierig?
Boutellier: Persönlich hätte der Namenswechsel für mich nicht unbedingt sein müssen. Aber ich kann gut damit leben. Inhaltlich hat sich ja nichts geändert. Ich habe den neuen Namen an den Kantonalversammlungen immer auch überzeugt verteidigt.
«Es war der Beginn eines gemeinsamen Weges mit den Bischöfen.»
Wie haben Sie das Treffen von 2020 mit den Bischöfen erlebt, bei dem es um Erneuerung in der Kirche ging?
Boutellier: Es war das erste Mal, dass sich die Bischofskonferenz auf dieses Experiment eingelassen hatte. Nicht alle Bischöfe waren begeistert. Aber es war der Beginn eines gemeinsamen Weges mit ihnen.
Nach dem Treffen stellten wir zusammen mit dem Frauenrat Forderungen. Wir bildeten die Plattform Frauenorganisationen, die es bis heute gibt, mit dem Frauenbund Schweiz, dem Frauenrat, Frauenorganisationen im Tessin und in der Westschweiz, dem internationalen Catholic Women’s Council und Bischof Beat Grögli, dem Frauenbeauftragten der Bischofskonferenz. Wir treffen uns zweimal im Jahr, um uns auszutauschen. Unsere Forderungen – etwa nach Mitbestimmung – sind noch nicht alle erfüllt, doch dank unseren Treffen bleiben sie auf der Agenda. Die Bischöfe werden uns nicht mehr los (lacht).
Sie zweifelten damals, ob die Bischöfe bereit sind zu Veränderungen. Verändert sich das?
Boutellier: Einzelne Bischöfe wären zu Veränderungen bereit. Andere wollen nichts ändern. Da sie uneinig sind, sind Veränderungen schwierig.
Und dazu können sie Vorgaben aus dem Vatikan als Argument vorbringen…
Boutellier: Ja, wobei die Deutschschweizer Bischöfe sich meist hüten, dies laut als Argument vorzubringen. Sie sind eher für Veränderungen zu haben.
Die Fachtagung zu Sakramentalität 2022 war eine Folge des Treffens von 2020. Wie konnten Sie sich einbringen?
Boutellier: Ich war im Organisationskomitee aktiv, es war interessant, einen solch grossen Anlass auf die Beine zu stellen. Wir vom Frauenbund organisierten ihn mit der der Schweizer Bischofskonferenz, deren Frauenrat und der Universität Freiburg. Die Fachtagung war spannend, weil sie aufzeigte, wie unterschiedlich die Ämter und Dienste, auch die sakramentalen, in den Sprachregionen der Schweiz gehandhabt werden. Gut war auch, dass die Bischöfe dabei waren, denn die Tagung war Teil ihrer Vollversammlung. Was wir damals diskutierten, beschäftigt uns heute unter anderem auch in der Synodalitätskommission der Bischofskonferenz und der Römisch-katholischen Zentralkonferenz (RKZ), in der ich mitwirke.
«Es hat mir viele anregende Begegnungen und Bekanntschaften ermöglicht.»
Was hat Ihr Engagement im Frauenbund Schweiz Ihnen persönlich gebracht?
Boutellier: Es hat mir viele anregende Begegnungen und Bekanntschaften ermöglicht. Ich staunte immer wieder, welche Verbundenheit, welche Power entsteht, wenn Frauen miteinander unterwegs sind, was man so erreichen kann. Es hat meinen Horizont sehr erweitert.
Mit welchem Gefühl treten Sie aus dessen Vorstand zurück?
Boutellier: Ich habe kürzlich der Geschäftsführerin gesagt: Ich fühle mich wie ein zweites Mal pensioniert nach meiner ersten, beruflichen Pensionierung. Bei gewissen Angelegenheiten, die ich mit angepackt habe, bin ich nun nicht mehr dabei. Aber das ist normal. Ich habe jetzt eine freiere Agenda.
Wofür möchten Sie sich ab jetzt besonders einsetzen? Ich vermute, dass Sie sich nicht einfach hinsetzen.
Boutellier: Nein, natürlich nicht. Die spirituellen Abendstunden führe ich bis Ende Jahr weiter. Zudem bleibe ich Delegierte des Frauenbunds in der Synodalitätskommission. Ich bin weiterhin in der Junia-Initiative dabei. Ich bleibe engagiert in der Franziskanerpfarrei in Luzern, etwa als Lektorin.
Ich sehe, Ihnen wird nicht langweilig…
Boutellier: Nein, das nicht. Privat unterstütze ich meinen Vater und meinen Mann. Meine Grosskinder sind schon gross, sie brauchen keine Betreuung mehr. Ich hoffe also, jetzt etwas mehr Zeit für mich zu haben.
*Iva Boutellier (68) hat von 1991 bis 1999 in Luzern Theologie studiert und mit dem Lizentiat abgeschlossen. Sie war bis zu ihrer Pensionierung 2020 wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bildungsdepartement des Kantons Luzern. Am Samstag tritt sie aus dem Vorstand vom Frauenbund Schweiz zurück, in dem sie neun Jahre mitwirkte. Boutellier ist verheiratet, hat drei erwachsene Kinder und vier Enkel zwischen 13 und 22 Jahren.
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