Kardinal Parolin spricht zum Podium – hier der Historiker Lorenzo Planzi und Bischof Felix Gmür
Schweiz

Kardinal Pietro Parolin: Der «Sacco di Roma» macht das Band zur Schweiz «unauflöslich»

Das katholische Einsiedeln und das katholische Freiburg stehen am Anfang und Ende von Pietro Parolins Schweiz-Besuch. Aber auch im reformierten Bern macht der Staatssekretär Seiner Heiligkeit bella figura. Mit Diplomatie.

Raphael Rauch

Von den Herausforderungen der katholischen Kirche in der Schweiz bekam der Kardinal bei seinem dreitägigen Besuch anlässlich von 101 Jahren diplomatischen Beziehungen zwischen Bern und Rom wenig mit. Der Kardinalstaatssekretär flog am Samstagnachmittag mit einer Swiss-Maschine nach Zürich und zog sich diskret ins Benediktiner-Kloster Einsiedeln zurück.

Einsiedeln und Ranft

Am Sonntag feierte er dort ein Pontifikalamt und würdigte Einsiedeln als «Oase des Friedens» und «eines der bedeutendsten Heiligtümer Europas». Später ging es mit den Schweizer Bischöfen zum Wallfahrtsort des Schweizer Nationalheiligen Niklaus von Flüe – ebenfalls diskret. Medienvertreter waren wegen des privaten Charakters der Wallfahrt nicht zugelassen. «Die Bischöfe erläuterten Aspekte der Volksfrömmigkeit und die grosse Verehrung von Bruder Klaus und seiner Frau Dorothee als Ehepaar», teilt die Schweizerische Bischofskonferenz mit.

Katholiken in Bern: Abt Urban Federer, Bischof Felix Gmür, Kardinal Pietro Parolin, Bundesrat Ignazio Cassis, Renate Asal-Steger, Erwin Tanner und Daniel Kosch.
Katholiken in Bern: Abt Urban Federer, Bischof Felix Gmür, Kardinal Pietro Parolin, Bundesrat Ignazio Cassis, Renate Asal-Steger, Erwin Tanner und Daniel Kosch.

Mahnende Worte aus Rom in Richtung Schweizer Bischöfe hat es dem Vernehmen nach nicht gegeben. Die kommen, falls überhaupt, Ende November. Dann reisen die Bischöfe zum Ad-limina-Besuch nach Rom. Differenzen gibt es durchaus, etwa über die Instruktion der Klerus-Kongregation im Jahr 2020.

Warum die CO2-Neutralität nur bis 2050?

Wie gut die bilateralen Beziehungen zwischen der Schweiz und dem Heiligen Stuhl sind, zeigte sich in den Begegnungen mit Bundesrat Ignazio Cassis. Am Montagvormittag haben die beiden in Bern eine Erklärung unterzeichnet. Die Zusammenarbeit solle vertieft werden, etwa bei Frieden und Menschenrechten oder dem Einsatz für religiöse Minderheiten.

Kardinal Pietro Parolin und Bundesrat Ignazio Cassis
Kardinal Pietro Parolin und Bundesrat Ignazio Cassis

Die Frage von cath.ch und kath.ch, warum der Heilige Stuhl auf der Weltklimakonferenz in Glasgow sich nicht ambitioniertere Klimaziele als die CO2-Neutralität bis 2050 setze, antwortete der Kardinal: Er wisse nicht, warum die Frist auf 2050 festgesetzt worden sei – kündigte aber an, er werde die Verantwortlichen fragen, ob es möglich sei, diese Frist vorzuziehen. Der Vatikan sei ein sehr geringer CO2-Emittent und sein Hauptengagement bestehe darin, die Ökologie im Sinne von «Laudato si» zu fördern.

Schweizer Ziel: UN-Sicherheitsrat

Sowohl in Bern als auch später bei einem Kolloquium der Uni Freiburg über die wechselvolle Geschichte der diplomatischen Beziehungen erinnerte Cassis an die Prioritäten der Schweizer Aussenpolitik. Zu diesen gehörten zurzeit die Kandidatur für einen nicht-ständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat.

Bundesrat Ignazio Cassis in der Aula Magna der Universität Freiburg
Bundesrat Ignazio Cassis in der Aula Magna der Universität Freiburg

Auch wenn der Bundesrat es nicht explizit formulierte: Durch die Blume wurde klar, dass er sich Unterstützung vom Heiligen Stuhl und seinem weltweiten Netzwerk erhofft. «Mir haben Kollegen aus der ganzen Welt gesagt: Die zwei besten diplomatischen Korps sind jene der Schweiz und des Vatikans», sagte Cassis in Freiburg.

Lob für die Schweizergarde

Der Kardinalstaatssekretär dankte dem Einsatz der Schweizergarde, die den Papst beschützt. Er erinnerte an den «Sacco di Roma» 1527. Damals opferten Schweizer dem Papst ihr Leben, was das Band zwischen den beiden Staaten «unauflöslich» mache.

Dienen in Corona-Zeiten: zwei Schweizergardisten mit Mundschutz.
Dienen in Corona-Zeiten: zwei Schweizergardisten mit Mundschutz.

Cassis erwiderte in Freiburg: «Wir dürfen den PR-Effekt der Schweizergarde nicht unterschätzen.» Die Schweizergarde hätte eine noch grössere Ausstrahlung als die berühmten roten Schweizer Taschenmesser.

Diplomatie bei den Reformierten

Und die Reformierten? Die hatten im Vorfeld skeptisch auf den Beschluss reagiert, wonach die Schweiz einen eigenen Vatikan-Botschafter erhalte. Parolin betonte in Freiburg: Ein Schweizer Botschafter am Heiligen Stuhl vertrete die Schweiz – und nicht die katholische Kirche.

EKS-Präsidentin Rita Famos überreicht Kardinal Parolin eine Kerze und einen Heks-Spendengutschein als Geschenk, Bundesrat Cassis applaudiert.
EKS-Präsidentin Rita Famos überreicht Kardinal Parolin eine Kerze und einen Heks-Spendengutschein als Geschenk, Bundesrat Cassis applaudiert.

Der Kardinalstaatssekretär hatte am Montag die Synode der Reformierten in Bern besucht und so eine andere Seite der Schweizer Kirchenlandschaft kennen gelernt: Ordinierte und Nichtordinierte, Frauen und Männer, Jüngere und Ältere «treffen demokratische Entscheide über die Zukunft der Kirche», sagte EKS-Präsidentin Rita Famos. Dieses «Schweizer Erfolgsmodell» verkörpere ebenso viel Swissness «wie die vielgerühmte Schweizergarde».

Trotz der herzlichen Begegnung: Dass sie den zweitwichtigsten Mann in der römischen Kurie damit überzeugt haben dürfte, darf bezweifelt werden. Aber als Profi-Diplomat liess sich Parolin nichts anmerken: «Diplomatie und ökumenische Arbeit verfolgten das gleiche Ziel: Dass die Menschen in Frieden zusammen leben können», sagte er in Bern – und in ähnlichen Worten auch in Freiburg.


Kardinal Parolin spricht zum Podium – hier der Historiker Lorenzo Planzi und Bischof Felix Gmür | © Ueli Abt
8. November 2021 | 20:21
Teilen Sie diesen Artikel!