Kardinal Koch: «Das Papstamt ist Garant der Einheit, aber grösstes Hindernis in der Ökumene»
Die Theologische Fakultät der Universität Luzern hat eine besondere Beziehung zu Kurt Kardinal Koch, war er doch dort Professor, bevor er zum Bischof von Basel ernannt wurde. Nun wird Kardinal Koch 75 Jahre alt. Zu diesem Anlass hat ihn seine Fakultät eingeladen, einen Festvortrag zur Ökumene zu halten. Kath.ch hat ihn zum Thema interviewt.
Francesco Papagni
Eminenz, Sie haben gestern Ihre Festrede gehalten und eine Unterscheidung zwischen dem Wesen und der Ausübung des Papstamtes gemacht. Können Sie diese näher erläutern?
Kardinal Kurt Koch: Die Unterscheidung stammt nicht von mir, sondern von Papst Johannes Paul II. in seiner Enzyklika «Ut unum sint». Das Papstamt ist ein Dienst an der Einheit der Christen, aber das grösste Hindernis in der Ökumene. Deshalb hat er alle Christen eingeladen, mit ihm in Dialog zu treten über die Ausübung des Primats des Bischofs von Rom. Das ist in den ökumenischen Gesprächen aufgenommen und teilweise intensiv diskutiert worden. Wir haben die Resultate jetzt im Dokument «Der Bischof von Rom» gesammelt.
«Die Schweizer Reformierten sind nicht gerade repräsentativ für alle Reformierten.»
Es ist ja kein Zufall, dass es dieser Papst, ein Pole, war. Er hat auch das schöne Wort von den «zwei Lungenflügeln» der Christenheit geprägt, also eine Wertschätzung gegenüber der Orthodoxie. Innerhalb der Westkirche sind es vor allem die Kirchen mit Bischofsstruktur, die dieses Dokument rezipieren. Nicht primär die Schweizer Reformierten.
Koch: Die Schweizer Reformierten sind nicht gerade repräsentativ für alle Reformierten. Es gibt auch Reformierte, die ein Bischofsamt kennen. Der Reformierte Weltbund ist da vielfältig. Aber es ist natürlich klar: Die Orthodoxen und die Orientalisch-Orthodoxen stehen uns näher, weil sie dieselbe Kirchenstruktur haben. Übrigens diejenige der Alten Kirche mit der Zentralität der Eucharistie und der Bedeutung des Bischofsamtes. Aber die Päpste haben immer auch aufmerksam auf den Westdialog geschaut.
Ich weiss das aus meiner Biographie. Als Papst Benedikt XVI. mich gefragt hat, nach Rom zu kommen, und ich zunächst etwas gezögert habe, legte er ein neues Argument auf den Tisch: Ich will jemanden, der die aus der Reformation hervorgegangenen Kirchen nicht nur aus Büchern, sondern aus eigener Erfahrung kennt. Und das hat mir gezeigt, dass ihm dieser Dialog am Herzen gelegen hat. Ohne seine Mitwirkung wäre übrigens die gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre kaum zustande gekommen.
«Eine der ersten Fragen im ökumenischen Dialog lautet: braucht es den Petrusdienst überhaupt?»
Nun haben Sie eine weitere fundamentale Unterscheidung getroffen gestern: zwischen dem Papstamt und dem Petrusdienst.
Koch: Es ist eine Unterscheidung, keine Scheidung. Einer der ersten Titel, die der Papst trägt, ist Nachfolger des Petrus. Eine der ersten Fragen im ökumenischen Dialog lautet: braucht es den Petrusdienst überhaupt? Das Papstamt ist dann die Gestalt, die sich in zweitausend Jahren herausgebildet hat.
Als das Dokument «Der Bischof von Rom» herauskam, war eine der hiesigen Reaktionen, die auch medial Wellen geschlagen hat, diejenige von Weihbischof Marian Eleganti. Sie haben ihm souverän geantwortet. Sein Hauptargument lautete: Wenn man beginnt zu unterscheiden zwischen dem Wesen und der Ausübung des Papstamtes, ist dies das Einfallstor für die Relativierung. Dann bricht man das Amt herunter, bis es akzeptabel ist für alle. Können Sie inhaltlich nachvollziehen, dass die Konservativen befürchten, der Fels, auf dem die Kirche gebaut ist, werde dadurch brüchig?
Koch: Dazu muss man nicht konservativ sein, sondern lediglich katholisch. Das kann ich durchaus verstehen. Die Art und Weise war das Problem. Meine Reaktion war auch durch meine Mitarbeiter im päpstlichen Rat veranlasst, die sich verletzt gefühlt haben. Sie sagten: Wir haben jahrelang daran gearbeitet und jetzt kommt eine solche Reaktion von einem Bischof, der uns nicht versteht. Das war der Hintergrund. Wir wollen nicht relativieren, wir wollen eröffnen.
«Der Dialog mit dem Judentum ist viel länger, viel intensiver geführt worden.»
Sie sind zuständig für die Ökumene. Zu Ihrem Fachbereich gehört auch der Dialog mit dem Judentum. Es gibt einen verbreiteten Eindruck, dass dieses Papsttum eher den Dialog mit dem Islam als mit dem Judentum führt. Der Dogmatiker Jan-Heiner Tück hat sich in diese Richtung geäussert. Ein Beispiel ist die gemeinsame Erklärung «Dokument über die Brüderlichkeit aller Menschen» mit dem Gross-Imam der Kairoer Al Azar-Universität, eine der höchsten Autoritäten im sunnitischen Islam.
Koch: Ich kann diese Wahrnehmung verstehen, ich teile sie aber nicht. Der Dialog mit dem Judentum ist viel länger, viel intensiver geführt worden. Alle Päpste seit dem Zweiten Vatikanischen haben sich hier engagiert, besonders aber Johannes Paul II., der auch als Papst persönliche Freundschaften mit Juden gepflegt hat. Der Dialog mit dem Judentum wird auch heute intensiv geführt. Papst Franziskus sieht jetzt die grosse Herausforderung: Um Frieden in der Welt zu schaffen, muss es Versöhnung zwischen Christen und Muslimen geben. Ich würde das aber auf keinen Fall als Alternative zum Dialog mit dem Judentum sehen.
«Das ist die Frage der Diplomatie des Heiligen Stuhls, und dafür bin ich nicht zuständig.»
Nun gibt es einen realpolitischen Einschnitt, und das ist der 7. Oktober 2023, der Überfall der Hamas auf Israel. Viele haben ein klares Wort von der Kurie dazu vermisst. Papst Franziskus spricht den nahöstlichen Christen Trost zu. Es gibt allgemeine Aufrufe zum Frieden, es gibt zum ersten Jahrestag dieses schrecklichen Ereignisses einen Aufruf zu Busse und Versöhnung, aber es bleibt im Allgemeinen. Das ist ein Problem, sagen berufene Leute wie Christian Rutishauser.
Koch: Dahinter steht ein noch viel allgemeineres Problem, das ist die Frage der Diplomatie des Heiligen Stuhls, und dafür bin ich nicht zuständig.
Ich weiss, der Kardinal Staatssekretär…
Koch: …und die sagt, es ist unsere Verantwortung, die guten Dienste anzubieten, zur Versöhnung beizutragen, und dafür dürfen wir nicht Partei ergreifen. Dieselbe Kritik haben wir im Hinblick auf die Ukraine. Aber da muss man auch hören, wie oft der Papst für die Ukraine eintritt, wie oft er für die Ukraine betet.
«Der Schlüssel liegt in Moskau.»
Er sagt aber auch, er wolle zuerst nach Moskau gehen, bevor er in die Ukraine reist, denn der Schlüssel liegt dort. Was den Nahen Osten angeht, darf man nicht vergessen, dass natürlich auf der anderen Seite, auf der palästinensischen, Christen existieren, die mit unserer Kirche verbunden sind. Da muss der Papst vorsichtig sein. Das ist eine alte Tradition, die bis auf Benedikt XV. zurückgeht, der alles dran gesetzt hat, den Ersten Weltkrieg zu beenden. In diese Linie, sich möglichst zurückhalten, um dann vermitteln zu können, stellt sich der jetzige Papst.
Ich möchte das Interview nicht beenden, ohne Ihnen eine Frage zur Weltkirche zu stellen. Sie haben von Ihrer Warte aus einen ganz anderen Weitblick. Der Leiter des Istituto Giovanni XXIII. in Bologna, Alberto Melloni, spricht in Bezug auf die Weltkirche von einer «crisi verticale». Also nicht eine Krise zwischen Episkopat und Volk, sondern eine Krise im hohen Klerus selbst. Wir haben das anlässlich des Schreibens «Fiducia supplicans» zur Segnung von homosexuellen Paaren gesehen, das von den afrikanischen Bischöfen durchwegs abgelehnt wurde. Was kann die Kurie machen, wenn ein ganzer Kontinent die Gefolgschaft verweigert? Also eine «crisi verticale»?
Koch: Sie geht noch viel weiter, weil dahinter kulturelle Differenzen stehen. «Fiducia supplicans» hat auch Konsequenzen für die Ökumene. Ich hatte im Januar die Vollversammlung mit den orientalisch-orthodoxen Kirchen. Das Thema war Maria, aber sie wollten nur über «Fiducia supplicans» reden und haben auch den Dialog suspendiert.
«Wenn wir kein Papsttum hätten, wären wir keine universale Kirche.»
Wir müssen schauen, wie wir diesen wieder in Gang bringen können. Ich glaube, auch an der Synode ist es sehr deutlich geworden: Die Divergenzen in der katholischen Kirche kann man nicht mit liberal und konservativ einfangen, das sind Kampfbegriffe. Sondern man muss sehen, dass es verschiedene kulturelle Hintergründe gibt, und ich glaube, ein Dialog zwischen den Kulturen ist unendlich wichtig.
Die Weltsynode war ein wichtiger Beitrag, aufeinander zu hören. Wieso denken wir so, wieso denkt ihr so? Können wir mit gewissen Divergenzen leben und trotzdem in der einen Kirche sein? Was in der Ökumene mit Einheit in versöhnter Verschiedenheit bezeichnet wird.
So kommen wir auf den Beginn unseres Gesprächs zurück…
Koch: Und deshalb braucht es das Papstamt…
Das wollte ich genau sagen, das Amt der Einheit ist heute umso wichtiger.
Koch: Ich merke das in der Ökumene, wenn wir kein Papsttum hätten, wären wir keine universale Kirche.
Hier geht es zur › Bestellung einzelner Beiträge von kath.ch.




