Schweiz

«Kardinal Kasper hat sich nicht gemeldet» – Ministerpräsident Kretschmann spricht an Küngs Trauerfeier

Der Schweizer Theologe Hans Küng wird am Freitag in Tübingen bestattet. An seiner Trauerfeier wird sein selbst verfasstes Glaubensbekenntnis gesprochen. Zu den Rednern zählt der Ministerpräsident von Baden-Württemberg, Winfried Kretschmann. Kirchliche Promis fehlen.

Raphael Rauch

Wie hat sich Hans Küng seine Trauerfeier gewünscht?

Stephan Schlensog*: Professor Küng wollte eine schlichte Trauerfeier mit viel Musik und einigen Textbeiträgen. Den Ablauf hatte ich bereits 2015 mit ihm besprochen. Den aktuellen Stand des Ablaufs finden Sie anbei (Änderungen, vor allem bei den Musikstücken, sind noch möglich).

Hans Küng (links) mit Bischof Felix Gmür. Sie feierten 2011 das 165-jährige Bestehen des Schweizerischen Studentenvereins in Sursee.

Der Gottesdienst findet in St. Johannes statt. Die Pfarrei ist direkt neben dem Priesterseminar Wilhelmstift, hier feiert auch die Hochschulgemeinde Gottesdienste. Welchen Bezug hatte Hans Küng zu St. Johannes?

Schlensog: St. Johannes ist die katholische Stadtkirche Tübingens. Dort hatte Hans Küng viele Jahre regelmäßig Sonntagsgottesdienste abgehalten und dabei immer sehr großen Zulauf. Es ist sozusagen seine Kirche in Tübingen, wiewohl er auch in anderen Tübinger Kirchen gelegentlich Gottesdienst gefeiert oder gepredigt hat.

Welche Beziehung hat er zum Pfarrer, der ihn beerdigen wird?

Schlensog: Wolfgang Gramer ist ein Schüler und Freund von Hans Küng, mit dem er über Jahrzehnte verbunden ist.

Walter Kasper, emeritierter Kurienkardinal, im Jahr 2015

Warum kommt nicht Küngs einstiger Kollege an der Universität Tübingen, Kurdienkardinal Walter Kasper? Wäre ein Pontifikalamt nicht angemessener?

Schlensog: Hätte sich Kardinal Kasper gemeldet, dann wäre er willkommen. Aber weder von ihm noch von anderen kirchlichen Würdenträgern haben wir direkt etwas gehört. Ob Hans Küng allerdings Wert auf ein Pontifikalamt gelegt hätte, daran habe ich – angesichts des Verhältnisses der Amtskirche zu ihm – meine begründeten Zweifel.

Hans Küng steht für den Dialog unter den Religionen. Werden Vertreter anderer Religionen vertreten sein?

Schlensog: Nein, Trauerfeier und Beisetzung können aufgrund der aktuellen Corona-Verordnung des Landes Baden-Württemberg leider nur im engsten Familien- und Freundeskreis stattfinden.

Ministerpräsident Winfried Kretschmann ist gläubiger Katholik. Hier 2016 mit Papst Franziskus.

Wer wird aus der Schweiz teilnehmen?

Schlensog: Einige Familienangehörige. Darüber hinaus wird es in Luzern zu einem späteren Zeitpunkt eine Trauerfeier für Professor Küng geben, gemeinsam veranstaltet von der Schweizer Stiftung Weltethos und der Herbert-Haag-Stiftung für Freiheit in der Kirche.

Welche Promis werden sprechen?

Schlensog: Ministerpräsident Winfried Kretschmann, Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer, Uni-Rektor Bernd Engler und Eberhard Stilz, Präsident Stiftung Weltethos.

* Stephan Schlensog ist Generalsekretär der Stiftung Weltethos in Tübingen.

Hans Küngs Glaubensbekenntnis 

Unser Leben ist kurz, unser Leben ist lang. 

Und voll Staunen stehe ich vor einem Leben, 

das seine unerwarteten Wendungen und doch seine Geradlinigkeit hatte:

ein Leben von über 31.000 Tagen, schönen und trüben, wechselnden,

die so vieles an Erfahrungen mit sich brachten im Guten wie im Bösen, 

ein Leben, von dem ich heute doch sagen darf: So war es gut.

 

Ich habe unermesslich mehr empfangen, als ich geben konnte,

alle meine guten Einfälle und meine guten Ideen, 

meine guten Entscheidungen und Taten 

sind mir geschenkt, aus Gnade ermöglicht. 

Und selbst wo ich mich falsch entschieden und böse gehandelt,

hast du mich unsichtbar geleitet. 

Um Vergebung bitte ich für alles, worin ich gefehlt habe. 

 

Ich danke dir, Unfasslicher, Allumfassender und Allesdurchwaltender,

Urgrund, Urhalt und Ursinn unseres Seins, den wir Gott nennen, dir,

dem grossen, unsagbaren Geheimnis unseres Lebens,

dir, dem Unendlichen in allem Endlichen, 

dir, dem Unaussprechlichen in all unserer Rede.

 

Ich danke dir für dieses Leben mit allem Unerklärlichen und Seltsamen.

Ich danke dir für all die Erfahrungen, die hellen und die dunklen.

Ich danke dir für alles, was gelungen ist, und für alles,  

was du schließlich zum Guten gewendet hast. 

Ich danke dir, dass mein Leben ein geglücktes Leben werden durfte,

nicht nur für mich selber, sondern für diejenigen, 

die an diesem Leben teilhaben durften. 

 

Den Plan, nach dem unser Leben verläuft mit all seinen

Irrungen und Wirrungen, kennst du allein. 

Deine Absicht mit uns erkennen wir nicht von vornherein.

Dein Angesicht können wir, wie Mose und die Propheten, 

in dieser Welt nicht sehen. 

Aber wie Mose im Felsspalt 

den vorübergehenden Gott vom Rücken her sehen durfte,

so dürfen auch wir deine Hand, o Herr,

in unserem Leben im Rückblick erkennen und dürfen erfahren, 

dass du uns getragen und geführt hast und 

dass das, was wir selber entschieden und getan haben,

immer neu von dir geleitet wurde zum Guten. 

 

So lege ich auch die Zukunft gelassen-zuversichtlich in deine Hände.

Es mögen viele Jahre sein oder nur wenige Wochen,

ich freue mich über jeden neuen Tag, der mir geschenkt,

und überlasse dir voller Vertrauen

ohne Sorge und Angst all das, was meiner noch wartet. 

Denn du bist wie der Anfang vom Anfang und die Mitte der Mitte

so auch das Ende vom Ende und das Ziel der Ziele.

Ich danke dir, mein Gott, 

denn du bist freundlich,  

und deine Güte währet ewig.  

Amen. So sei es.

Hans Küngs Hände

Quelle: Hans Küng, Erlebte Menschlichkeit, S. 702f.


Stephan Schlensog, Generalsekretär der Stiftung Weltethos (l.), mit Hans Küng. | © KNA
14. April 2021 | 11:08
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