Junge Menschen diskutieren an der «Talksession» über die Kirche. | © Vera Rüttimann
Schweiz
Junge Menschen diskutieren an der «Talksession» über die Kirche. | © Vera Rüttimann

Junge Bündner lassen sich auf eine Diskussion über die Kirche ein

Chur, 21.10.18 (kath.ch) Im Rahmen des Projektes «Jugend@Kirche» hat am Samstag die «Talksession» in Chur stattgefunden. Ziel war es, jungen Erwachsenen aus dem Bündnerland die Möglichkeit zu geben, ihre Anliegen und Erwartungen gegenüber der Kirche zu formulieren. Rund 14 junge Erwachsene nutzten das Angebot. Die eingeladenen Vertreter der Kirche staunten über den frischen Elan der jungen Leute.

Vera Rüttimann

Der Kulturtreffpunkt «Werkstatt» ist idyllisch mitten in der Churer Altstadt gelegen. Dort, wo sonst bei Latte Macchiato und Bier kulturelle Veranstaltungen für das Jungvolk genossen werden können, wurde an diesem Tag intensiv über die katholische Kirche nachgedacht. An den Wänden klebten rote und grüne Zettel,  auf denen das draufstand, was viele Jugendliche umtreibt: «Langweilige Predigten», «Nicht offen für Neues wie Metall-Gottesdienste» oder «Anschiss im Religionsunterricht». Aber auch: «Menschennahe Priester», «Tolle Jugendfestivals» und «Besinnlichkeit und Entschleunigung».

Mini-Jugendsynode in Chur

Die «Talksession» verstand sich als «lokale Jugendsynode», in welcher die konkreten Anliegen, Fragen und Erwartungen von jungen Erwachsenen zwischen 18 und 30 Jahren aus dem Kanton Graubünden im Fokus standen.  «Ziel war es,  all dies an diesem Tag sichtbar zu machen», sagte Claude Bachmann von der Kirchlichen Jugendarbeit der Katholischen Landeskirche Graubünden, die im Projektteam mitmacht.

Die «Talksession» fand im Churer Kulturtreffpunkt «Die Werkstatt» statt. | © Vera Rüttimann

Das Projekt «Jugend@Kirche» motivierte zuvor Jugendliche und junge Erwachsenen, über Lebens-, Sinn- und Glaubensfragen nachzudenken. Das Setting dafür waren im Vorfeld dieser Tagung «Pastatalk»-Sets, welche materielle (Spaghetti, Sauce und Sirup) und geistige Zutaten (Fragen auf Tischsets) zur Verfügung stellten.

Wunschzettel an die Kirche

Das Image der Kirche ist bei vielen jungen Menschen aktuell nicht eben gut, das wurde bei der «Talksession» gleich zu Beginn deutlich. Ebenso deutlich zeigten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer aber gewillt, mit Vorschlägen daran zu arbeiten, dass sich dies ändert. Andri Münger , der die Ergebnisse der Gruppe «Entwicklungen in der Kirche» präsentierte, forderte authentische Priester, Ehrlichkeit und Toleranz gegenüber anderen Lebensentwürfen.

Die Gruppe «Mitspracherecht» wünschte regelmässige Treffen zwischen Jungen und Vertretern der Kirche. Es fiel der Satz: «Wir wollen Verantwortung übernehmen und auch mit einer gewissen Macht ausgestattet werden.» Von ihnen angedacht ist eine Art Jugendparlament in der Kirche.

«Wir wollen auch mit einer gewissen Macht ausgestattet werden.»

Auch das Thema «Gottesdienste» kam zur Sprache. Die jungen Menschen wünschen sich eine zeitgemässere Musik, den vermehrten Einsatz visueller Medien und das Arbeiten mit verschiedenen Lichttönen. «Man soll sich gut fühlen, wenn man eine Kirche betritt. Das ist nicht immer der Fall», sagte ein Jugendlicher aus dieser Gruppe.

Junge Menschen diskutieren an der "Talksession" über die Kirche. | © Vera Rüttimann

Michèle Signer, die die Ergebnisse aus der Gruppe «Religionsunterricht» ausführte, regte an, den Religionsunterricht, der für viele eher eine Pflicht denn eine Lust sei, mit einem Ausflug in Altersheime oder andere soziale Einrichtungen zu koppeln. «Das wären Erlebnisse, die bestimmt bleiben würden», ist sie sich sicher.

Offensive Aufklärung bei Missbrauchsfällen

Die Gruppe «Sexualität in der Kirche» wünschte ein viel offensiveres Herangehen bei der Aufklärung von Missbrauchsfällen und die Akzeptanz der sexuellen Orientierung einer Person und der gleichgeschlechtlichen Ehe. Priester sollen zudem Familien gründen können. Bedrückt hörten die Anwesenden von einem Fall eines Sohnes eines Priesters. Sie hörten den Satz: «Die Kirche bildet wie eine Wand und schützt diesen Priester, der sich weigert, seinen Sohn finanziell zu unterstützen.»

Die Gruppe «Öffentlichkeitsarbeit» sprach sich abschliessend für eine Berichterstattung  aus, die vermehrt über positive Beispiele in der Kirche berichtet. Das Bild der Kirche werde zu negativ gezeichnet.

Weckruf an die Jugend

In einem zweiten Schritt kamen die jungen Leute mit Kirchenvertreterinnen und -vertretern  ins Gespräch. Darunter Thomas Bergamin, Präsident der Verwaltungskomission der Katholischen Landeskirche Graubünden, und Viktor Diethelm, Leiter der Deutschschweizer Fachstelle für offene kirchliche Jugendarbeit (OKJ), sowie Natascha Rüede, Jugendseelsorgerin Hinwil im Zürcher Oberland. Sie zeigten sich beeindruckt.

Junge Menschen diskutieren an der «Talksession» über die Kirche. | © Vera Rüttimann

Thomas Bergamin sagte: «Ich nehme viel mit von den Aussagen der Jugendlichen. Euer Spirit soll in die Breite getragen werden.» Eva Maria Faber, Professorin für Dogmatik und Fundamentaltheologie an der Theologischen Hochschule Chur und Mitglied im Projektteam, ermutigte die Jungen: «Macht weiter. Ihr habt etwas einzubringen. Wir, die wir zu dieser alten Kirchenstruktur gehören, dürfen davon profitieren.»

«Euer Spirit soll in die Breite getragen werden.»

Auch Natasche Rüede zeigte sich vom frischen Elan der Jugendlichen angetan. Für sie ist klar: «Der Aufbruch in der Kirche muss von unten kommen.» Vor allem von den Jugendlichen selbst. Zu lange hätten Erwachsene von oben herab Projekte für Jugendliche konzipiert, die an ihren Bedürfnissen vorbeigeschossen seien. Die Zeit sei spätestens jetzt reif, mit den jungen Leuten gemeinsam an einem Strang zu ziehen, um diese Kirche wieder flott für die Zukunft zu machen.

Es gebe, so Natascha Rüede, jedoch auch Priester wie Martin Kopp, die nach wie vor nahe dran seien an den jungen Leuten. Der für seine unkonventionellen Ideen bekannte Generalvikar für die Urschweiz hörte den jungen Leuten ebenfalls aufmerksam zu.

Der Prozess geht weiter

Es soll nun nicht einfach ein Papier für die Schublade geben. Die Jugendlichen wollen mit den Ergebnissen arbeiten. Der Fachbereich für kirchliche Jugendarbeit der katholischen Landeskirche wird die Ergebnisse der «Talksession» in weitere Initiativen und lokale Prozesse einfliessen lassen. Claude Bachmann sagte abschliessend: «Die einzelnen Pfarreien in Graubünden sollen sehen: Viele Jugendlichen wollen die Kirche verändern, weil sie ihnen nicht egal ist.» (aktualisiert: 22.10./ft)


Zu Spaghetti spricht sich’s leichter

Flavia Riedi (26), Primarlehrerin aus Morissen (bei Ilanz), war an der «Talksession»

Was hat Sie motiviert, zur «Talksession» nach Chur zu kommen?

Flavia Riedi: Ich kenne die Leute, die das Projekt mittragen. Ich habe für sie die Talk-Texte auf Romanisch übersetzt, damit diese Inhalte auch die Rätoromonanen  in den Dörfern lesen können. Allerdings habe ich mich schon gefragt: Gehöre ich überhaupt hierher? Ich bin nicht so engagiert in der Kirche, der Glaube meiner Eltern aber hat mich geprägt.

Was stört Sie aktuell am meisten in der katholischen Kirche?

Riedi: Beim Umgang mit Themen wie sexueller Missbrauch und Zölibat wird nicht ehrlich kommuniziert. Dadurch wird viel Vertrauen zerstört. Das schmerzt mich, weil ich sehe, dass die Kirche und der Glaube meinen Grosseltern sehr viel Halt und Orientierung gegeben haben. Ich finde es traurig, dass viele junge Leute heute das in dieser Weise nicht mehr erleben können. Wir wollen uns aber mit dieser Kirche identifizieren können. Warum können wir das nicht? Dem müssen wir mit solchen Veranstaltungen wie heute auf den Grund gehen.

Was nehmen Sie von dieser Veranstaltung mit?

Riedi: Es hat mich sehr berührt, dass ich mit dem, was mich an der Kirche stört, nicht alleine bin. Gut fand ich auch, dass wir uns nicht bloss über die Kirche beklagt haben, sondern auch das enorme Potenzial in ihr erkannt haben. In dieser schnelllebigen und oft auch oberflächlichen Zeit könnte die Kirche für mehr Tiefe und Sinnhaftigkeit beitragen. Ich finde es schade, dass Themen wie Entschleunigung und achtsames Leben, eigentlich Kernkompetenzen der Kirche, von anderen spirituellen Richtungen stärker betont werden. Warum macht die katholische Kirche daraus nicht mehr? Sie kann so viele schöne sinnliche und sinnhafte Momente schaffen. Das müsste sie erkennen und wieder verstärkt darauf hinarbeiten. (vr)

 

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