War Christus eine Frau? Die bärtige Märtyrerin, die Heilige Wilgefortis, am Kreuz
Religion anders

Jesus Christus: Mehr als «nur» ein Mann

Die Vorstellung von Jesus Christus in der Kirchengeschichte ist ikonisch und sprachlich weitaus vielschichtiger als das «Knockout-Argument«: «Jesus war ein Mann, und daher können nur Männer zu Priestern geweiht werden», vermuten lässt. In Südamerika, dem Heimatkontinent von Papst Franziskus, haben sich weibliche Kreuzesdarstellungen erhalten. Hatte Jesus womöglich sogar Milch spendende Brüste?

Judith Rosen*

«Du sollst dir kein Kultbild machen und keine Gestalt von irgendetwas am Himmel droben, auf der Erde unter oder im Wasser unter der Erde», heisst es in Exodus 20,4. Das alttestamentliche ‹Bilderverbot›, das kein Kunstverbot ausspricht, sondern sich auf die kultische Verehrung beschränkt, hat auch dem künstlerischen Genius der frühen Christen und Christinnen Zügel angelegt.

Zunächst fehlten Christusdarstellugen

So fehlen im 1. und 2. Jahrhundert Christusdarstellungen. Da in der Antike die Kreuzigung als die schändlichste Art der Hinrichtung galt, scheuten sich die Gläubigen zunächst auch, das Kreuz abzubilden.

Maria (links) und Maria Magdala (3.v.l.) vor Jesus am Kreuz - Isenheimer Altar, Museum Unterlinden in Colmar (F).
Maria (links) und Maria Magdala (3.v.l.) vor Jesus am Kreuz - Isenheimer Altar, Museum Unterlinden in Colmar (F).

Als Konstantia, die Schwester Konstantins des Grossen, den Kirchenhistoriker und Bischof Eusebius von Caesarea bat, ihr ein Bild Christi zu schenken, empfahl er ihr, sie möge die wahren Charakterzüge des Erlösers in der Heiligen Schrift suchen.

Pagane Polemik

Die pagane Polemik war weniger zimperlich und verunglimpfte Jesu Tod am Kreuz mit einer obszönen Kritzelei. Das sogenannte Spottkruzifix vom römischen Palatin-Hügel zeigt in der Rückansicht einen Gekreuzigten mit Eselskopf. Neben dem Kreuz steht ein Mann in einer ärmellosen Tunika und erhebt seinen Arm. Dazwischen spottet ein Graffito: «Alaxamenos betet zu seinem Gott.» Im Lauf der Zeit kam das Spottkruzifix zu der zweifelhaften Ehre, die erste Christusdarstellung zu sein.

Kunst- und Frömmigkeitsgeschmack der Epoche

Generell spiegeln Jesus- und Christusbilder den Kunst- und Frömmigkeitsgeschmack der jeweiligen Epoche wider: Ab dem 3. Jahrhundert wurde Jesus als ‹der gute Hirte› porträtiert. Vorbild war das in der Antike beliebte Motiv des ‹Schafträgeres», der für Menschenfreundlichkeit steht.

Grotte mit Jesus als gutem Hirten.
Grotte mit Jesus als gutem Hirten.

Nachdem der römische Staat das Christentum zu Beginn des 4. Jahrhunderts als «erlaubte Religion» anerkannt hatte, stellten die Gläubigen selbstbewusst Christus als Lehrer dar.

Mittelalter: heftiger Bilderstreit

Die künstlerische Nähe zum paganen Philosophenbild ist offensichtlich. Im frühen Mittelalter entzündete sich ein heftiger Bilderstreit an der Frage, ob man Christus darstellen darf.

Salvator-Mundi: Moderne Bildinterpretation von Wolfgang Beltracchi zu einem Leonardo da Vinci zugeschriebenen Gemälde in der Renaissance.
Salvator-Mundi: Moderne Bildinterpretation von Wolfgang Beltracchi zu einem Leonardo da Vinci zugeschriebenen Gemälde in der Renaissance.

Der gelehrte Abt Theodoros Studites argumentierte Anfang des 9. Jahrhunderts: Da Jesus auch eine menschliche Natur gehabt habe, dürfe man diese abbilden, wenn das Bild der Verehrung diene. Das 6. Jahrhundert favorisierte, beeinflusst vom byzantinischen Kaisertum, Christus als Herrscher, und das Spätmittelalter (14./15. Jh.) verkörperte ihn als salvator mundi, als Retter der Welt, während die Renaissance ihn wieder antikisierend als Heros oder Herrscher verewigte.

Herz-Jesu-Bilder

Im 16. und 17. Jahrhundert brachen in Europa wieder blutige Bilderstürme los. Erfreuten sich im 17./18. Jahrhundert biblische Szenen grosser Beliebtheit, rührten Herz-Jesu-Bilder die frommen Gemüter der Zeit.

Herz Jesu-Verehrung.
Herz Jesu-Verehrung.

Den sanften Jesus der Nazarener löste Ende des 19. / Anfang des 20. Jahrhunderts der farbenfrohe und auf das Wesentliche reduzierte Stil des Expressionismus ab. Im Lauf des 20. Jahrhunderts überwogen abstrakte Jesu-Darstellungen, die mit gesellschaftspolitischer Kritik verbunden wurden. Bilder der Gegenwartskunst verzichten weitgehend auf das Porträt, um spirituelle Anreize zu setzen.

Spiel mit der Provokation

Allerdings liebt die zeitgenössische Kunst auch das Spiel mit der Provokation: 2008 fiel ein Christusporträt mit dem Emblem einer amerikanischen Fast-food-Marke auf und dem Schriftzug: «This is my Body». So schliesst sich der fast 2000 Jahre alte Bilderreigen vom palatinischen Spottkruzifix bis zur postmodernen Provokation. Ein Merkmal haben die verschiedenen Bildnisse gemeinsam: Der gekreuzigte und von den Toten auferstandene Jesus wird als Mann dargestellt.

Legende der heiligen Wilgefortis

Doch bekanntlich gibt es keine Regel ohne Ausnahme: Eine geht auf die Legende der heiligen Wilgefortis zurück, die sich im 15. Jahrhundert von den heutigen Niederlanden aus verbreitete. Die im deutschen Sprachraum Kümmernis genannte Heilige war eine Königstochter, die Anfang des 2. Jahrhunderts im heutigen Portugal oder auf Sizilien lebte.

Wenn wir Christkönig feiern, feiern wie die dunkelste Stunde der Verzweiflung und dann den König der aus diesem Tod ersteht.
Wenn wir Christkönig feiern, feiern wie die dunkelste Stunde der Verzweiflung und dann den König der aus diesem Tod ersteht.

Ihr Vater wollte sie in eine standesgemässe Ehe zwingen. Da sie aber Christin geworden war und eine geistliche Berufung spürte, bat sie Gott darum, sie hässlich zu machen, um der Heirat zu entgehen.

Barthaare begannen zu spriessen

Sofort begannen ihr Barthaare zu spriessen. Aus Zorn über seine widerspenstige Tochter liess der pagane Vater sie kreuzigen. Die bärtige Märtyrerin stieg zu einer der beliebtesten Heiligen des Spätmittelalters und der Frühen Neuzeit auf, wie etwa 1000 schriftliche und bildliche Zeugnisse aus dieser Zeit belegen.

War Christus eine Frau? Die bärtige Märtyrerin, die Heilige Wilgefortis, am Kreuz
War Christus eine Frau? Die bärtige Märtyrerin, die Heilige Wilgefortis, am Kreuz

Ihren Gedenktag, den 20. Juli, hat das Zweite Vatikanum aus dem offiziellen Heiligenverzeichnis allerdings gestrichen. Denn die «starke Jungfrau», so die Bedeutung ihres Namens, gilt als unhistorisch.

Ikonische Erinnerungen

Geblieben sind ikonische Erinnerungen: Zu sehen ist die bärtige Wilgefortis, wie sie in Frauenkleidern am Kreuz hängt. Ein berühmtes Beispiel ist das Triptychon des Renaissancemalers Hieronymus Bosch in der Galleria dellʾ Accademia in Venedig. Die ältere Forschung geht davon aus, dass die Legende der Wilgefortis auf einer Fehldeutung bekleideter Kruzifixe vom Typus des Volto Santo im italienischen Lucca beruht.

Deutlich eine Frauengestalt

Es zeigt den triumphierenden Christus in einem langen Gewand. Pilger aus Friesland hätten im «Heiligen Antlitz» eine Frau erkannt und die Legende in die Welt gesetzt. In den letzten Jahren erfuhr. diese Deutung Widerspruch: Die Darstellungen der Wilgefortis liessen deutlich eine Frauengestalt erkennen lassen, die von Personen aus der legendarischen Tradition umgeben wird.

Belohnt mit einem goldenen Schuh

Zu ihnen gehört der arme Spielmann, der vor dem Bild der bärtigen Märtyrerin spielt, von ihr mit einem goldenen Schuh beschenkt und wegen angeblichen Diebstahls zum Tod verurteilt wird.

Christusstatue in Rio de Janeiro
Christusstatue in Rio de Janeiro

Als er zum Abschied noch einmal für die Heilige spielen durfte, belohnte sie ihn mit einem weiteren goldenen Schuh und rettete ihm so das Leben. Kein Wunder, dass sich die Frau mit Bart grosser Beliebtheit in der Volksfrömmigkeit erfreute. Da spielten Geschlechtergrenzen keine entscheidende Rolle.

Englische Mystikerin

Eindeutig preist im 14. Jahrhundert die englische Mystikerin und Reklusin Juliane von Norwich: «Jesus ist unsere wahre Mutter in unserer Erschaffung, und er ist unserer Mutter durch die Gnade; denn er nahm unsere Natur an.» Schon in der patristischen Literatur gibt es Belege, dass Jesus weibliche Züge zugesprochen wurden, die jüngst der Theologe Hubertus Lutterbach in einem lesenswerten Beitrag für die Herder Korrespondenz (10/2023) zusammengestellt hat.

«Himmlische Milch, aus süssen Brüsten der Braut»

Klemens von Alexandrien (150-215) sieht in Gottvater den Milchspender und in seinem Sohn die nährende Milch: «Den Gotteskindern spendet die liebevolle Brust des Vaters die Milch.» Seine Vorstellung verdichtet der Kirchenschriftsteller in einem Hymnus: «Christus Jesus! Himmlische Milch, aus süssen Brüsten der Braut, Liebesgaben deiner Weisheit, sie nehmen wir Unmündigen mit kindlichem Mund als Nahrung zu uns aus der Mutterbrust des Logos.»

Christliches Menschenbild: der Mensch Adam, von Gott erschaffen.
Christliches Menschenbild: der Mensch Adam, von Gott erschaffen.

Das alttestamentliche Hohelied

Zu Recht weist Lutterbach darauf hin, dass der Sohn hier nicht nur als Milch, die der Vater schenkt, gedeutet wird, sondern auch wie der Vater Milchspender ist. Aber nicht nur der Logos schenkt Milch, sondern sie fliesst auch aus süssen Brüsten der Braut, in der Lutterbach «die Leben bringende Kirche» erkennt. Literarisches Vorbild ist wohl das alttestamentliche Hohelied. Die Parallele bestätigt ein Zeitgenosse des Clemens von Alexandrien: Hippolyt von Rom, der die Brüste im Hohelied als Brüste Christi interpretiert.

Weibliche Rede von Jesus Christus

Ein weiterer Zeitgenosse, Irenäus von Lyon, übernimmt die weibliche Rede von Jesus Christus: «Deshalb bot er, das vollkommene Brot des Vaters, sich uns gleichsam wie Kindern als Milch dar – denn das war seine Ankunft als Mensch – damit wir gleichsam von der Mutterbrust seines Fleisches genährt und durch solche Milchnahrung gewöhnt, imstande sein würden, den Logos Gottes zu essen und zu trinken und das Brot der Unsterblichkeit, das Pneuma des Vaters, in uns zu bewahren.»

Jesus als lachender Mensch: Zeichnung des Kapuziners Martin Clarke
Jesus als lachender Mensch: Zeichnung des Kapuziners Martin Clarke

Milch gebende Brüste Christi taucht im Mittelalter auf

Der Kirchenvater schliesst mit einem Verweis auf Paulus: «Milch habe ich euch zu trinken gereicht, nicht Speise, denn ihr konntet diese Speise noch nicht essen» (Kor 3,2). Das Bild von den Milch gebenden Brüsten Christi taucht im Mittelalter immer wieder auf.

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So wendet sich Anselm von Canterbury als erster an Christus, die Mutter: «Darum bist du Meister und Gott, noch mehr Mutter.» Interessant ist, dass sich seit dem Hohen Mittelalter das Bild des mütterlichen Jesus auf Äbte und Bischöfe überträgt.

Die Predigt von Bernhard von Clairvaux

So legt Bernhard von Clairvaux seinen Äbten in einer Predigt (23) nahe: «Lernt, dass ihr die Mütter, nicht die Herren eurer Untergebenen sein sollt. Strebt mehr danach, geliebt als gefürchtet zu werden!». Die Vorstellung von Jesus Christus in der Kirchengeschichte ist ikonisch und sprachlich weitaus vielschichtiger als das ‹Knockout-Argument›: «Jesus war ein Mann, und daher können nur Männer zu Priestern geweiht werden», vermuten lässt.

Ein Bild von Zisterzienserabt Bernhard von Clairvaux in der ehemaligen Zisterzienserabtei Salem
Ein Bild von Zisterzienserabt Bernhard von Clairvaux in der ehemaligen Zisterzienserabtei Salem

Eschatologische Transformationen

Hubertus Lutterbach zufolge «veranschaulichen die vorgestellten Christus-Zeugnisse eschatologische Transformationen, die schon im Hier und Jetzt weit über die innerweltlich-irdisch begrenzten (binär-) geschlechtlichen Codes hinausweisen.» Auch wenn die theologische Rede von Gott und die Volksfrömmigkeit bisweilen miteinander fremdeln, sind sie sich doch in der geschlechterübergreifenden Verehrung von Jesus Christus sehr nahe.

Weibliche Kreuzdarstellungen in Südamerika

In Südamerika, dem Heimatkontinent von Papst Franziskus, haben sich weibliche Kreuzesdarstellungen erhalten: In der Kirche von Santiago Atitlán (Guatemala) verehren Gläubige eine gekreuzigte Frau in Maya-Kleidung.

Papst Franziskus hält die Predigt am Hochfest der Heiligen Apostel Peter und Paul in Rom.
Papst Franziskus hält die Predigt am Hochfest der Heiligen Apostel Peter und Paul in Rom.

Vermutlich weist sie auf das Leid Tausender Frauen hin, die um ihre verschollenen Angehörigen trauern. Volksfrömmigkeit sei «eine legitime Weise», den Glauben zu leben und ein «Schatz» der Kirche, predigte Franziskus am 5.5.2013 auf dem Petersplatz. Von dieser Einstellung ist er bisher nicht abgewichen. Vielleicht hilft das Herz des Volkes auch bei anderen Entscheidungen …

*Judith Rosen ist Historikerin und war Dozentin für Alte Geschichte an der Universität Bonn.


War Christus eine Frau? Die bärtige Märtyrerin, die Heilige Wilgefortis, am Kreuz | © zVg
29. Juni 2024 | 17:00
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