Jakob und Esau – zwei Brüder als Sinnbild für Judentum und Christentum
Nostra Aetate, die Konstitution des Zweiten Vatikanums zum Verhältnis zum Judentum, hat Wirkungen gezeitigt: Juden und Christen sind nicht nur in einen Dialog getreten, es haben sich Freundschaften gebildet. Eine Veranstaltung an der Uni Luzern präsentierte ein Kunstwerk, das dieses Thema aufnimmt. Es handelt sich um einen Vorschlag im Rahmen eines Wettbewerbs für den Kölner Dom. Der Künstler Roy Mordechai reagiert auch auf den antijüdischen Einschlag einiger Kunstwerke dort.
Francesco Papagni
Drei ikonische Bauwerte stehen für Deutschland: das Brandenburger Tor, das Schloss Neuschwanstein und der Kölner Dom, einziger Sakralbau unter den dreien. Der Dom zu Köln ist ein Zentrum des Katholizismus in Deutschland. Er ist nicht nur als gotischer Bau ausserordentlich, er beherbergt auch die Reliquien der Heiligen Drei Könige sowie unschätzbare Kunstwerke. Alles, was hier geschieht, erregt Aufmerksamkeit über die Landesgrenzen hinaus. Vor Jahren provozierte ein neues Kirchenfenster des Künstlers Gerhard Richter einen Eclat, weil der damalige Kardinal Joachim Meisner das Kunstwerk ablehnte und seinen Stuhl versetzen liess, damit er es nicht sehen musste. Der konservative Kirchenmann wurde als Kunstbanause beschimpft, aber der Kunstkritiker Wolfgang Ullrich warf ein, dass der Kardinal der einzige sei, der das Werk verstanden hätte.
Antijüdisches Erbe
Einige Jahre nach dieser Geschichte veranstaltet das Domkapitel einen neuen Wettbewerb. Diesmal geht es um das Nordfenster, das dem Richter-Fenster gegenüberliegt. Mittlerweile ist die problematische, antijüdische Komponente einiger Werke im Dom wissenschaftlich aufgearbeitet. Im Wettbewerb ging es darum, sich mit diesem Erbe auseinanderzusetzen. Der Jesuit und Luzerner Professor Christian Rutishauser sass in der Jury.
So kommt es, dass das Luzerner Institut für jüdisch-christliche Forschung den Zweitplatzierten im Wettbewerb, den israelischen, in Düsseldorf lebenden Künstler Roy Mordechai zu einer Veranstaltung eingeladen hat. Sein Gesprächspartner war der im Herbst an der Uni Luzern lehrende Historiker Israel Yuval. Ihr Zusammentreffen war nicht zufällig: Der Künstler hat ein Buch des Historikers als Grundlage für seine Arbeit benutzt.
Jakob und Esau als Sinnbild
In Yuvals Buch* wie auch im Mordechais Entwurf wird die biblische Erzählung von Jakob und Esau zum Thema gemacht, den Zwillingsbrüdern, die durch eine schmerzvolle Geschichte von Konkurrenz und Betrug verbunden sind und die sich am Ende versöhnen – ein Sinnbild der jüdisch-christlichen Beziehungen. Der Fenster-Entwurf des israelischen Künstlers nimmt die antijüdischen Elemente von Kunstwerken im Kölner Dom bis hin zu den nach dem Zweiten Weltkrieg entstandenen, widerlich antisemitischen «Kinderfenster» auf und setzt diese in einen neuen Kontext. Zentral ist die Darstellung von Jakob und Esau bei ihrer Geburt. Esau hält Jakob an der Ferse, eine ambivalente Geste, die Zärtlichkeit oder auch Konflikt bedeuten kann.
Einen Kontrapunkt setzen
Sein Werk wolle, so der Künstler in seinem Referat, einen Kontrapunkt zu den traditionellen Darstellungen setzen, wobei das Gelb im unteren Teil mit dem Judenhut und auch mit dem Judenstern in der Nazizeit assoziiert werden kann, während das Rosa im oberen Teil für die Hoffnung steht, dass diese Geschichte der Verachtung überwunden werden kann. Rutishauser hat für Mordechais Entwurf plädiert wegen seines künstlerischen Werts und wegen des explizit biblischen Bezugs. Das Siegerprojekt der deutschen Künstlerin Andrea Büttner nimmt die jüdisch-christliche Geschichte ebenfalls auf, indem sie die Nachbildung des Sockels eines Torah-Schreins, der kürzlich bei Ausgrabungen gefunden wurde, über dem Altar der Marienkapelle platziert. Damit spielt Büttner auf das Pogrom und die Vertreibung der jüdischen Gemeinde aus Köln im Spätmittelalter an.
Wie mit problematischem Erbe umgehen?
In der Diskussion zwischen Professor Yuval und dem Künstler Mordechai ging es um die grundsätzliche Frage, wie mit belasteten Kunstwerken, wie überhaupt mit der Geschichte umzugehen sei. Der Historiker Yuval plädierte zunächst einmal für Realismus aus: Die jüdisch-christliche Geschichte «war keine Liebesgeschichte». Sowohl der Künstler als auch der Historiker sprachen sich aber gegen eine Verhüllung oder gar eine Entfernung von belasteten Kunstwerken aus. Das sei Bildersturm, meinte Roy Mordechai. Diese Kunstwerke dokumentierten die Geschichte der jüdisch-christlichen Beziehungen, man müsse sich diesem Erbe stellen.
In der jüdischen Literatur gebe es auch negative Bilder des Christentums, bemerkte Israel Yuval, der in den 1980er Jahren in Köln gelebt und dort zur Geschichte der Juden in Deutschland geforscht hat. Christian Rutishauser fragte ihn, was Nostra Aetate für seine Generation bedeutet habe. Seine historischen Fragestellungen, auch die Rezeption der Arbeiten zur jüdisch-christlichen Geschichte wären ohne Nostra Aetate nicht möglich gewesen, antwortete der israelische Gelehrte.
Was vermag Kunst?
Die Schlussrunde kam wieder auf die Rolle der Kunst zu sprechen. Mordechai erkannte die «Dichotomie zwischen Schönheit und Indoktrinierung durch Bilder», die manchen Werken im Kölner Dom eigen sei. Diese Ambivalenz wollte er in seiner Arbeit aufnehmen, indem er aus den Kunstwerken, auch aus dem «Kinderfenster», Motive zitierte. Kunst könne transformieren, nahm Rutishauser den Gedanken auf. Doch Mordechai widersprach, das sei ein überzogener Anspruch. Kunst könne nicht die Welt verändern, aber Fragen stellen.
Insgesamt erlebten die Zuhörerinnen und Zuhörer in Luzern eine Sternstunde des jüdisch-jüdisch-christlichen Dialogs. Das dortige Institut für jüdisch-christliche Forschung bietet einen in der Schweiz wohl einzigartigen Ort der Begegnung. In Zeiten zunehmender Sprachlosigkeit ist dies unschätzbar wertvoll.
*Israel Yuval: Zwei Völker in deinem Leib. Gegenseitige Wahrnehmung von Juden und Christen in der Spätantike und Mittelalter. Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht 2007. 304 Seiten.
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