Vatikan

Ist Franziskus nicht mehr «Stellvertreter Christi»?

Ist Franziskus nur noch Bischof von Rom oder immer noch Nachfolger von Petrus und Stellvertreter Christi? Eine Änderung im Päpstlichen Jahrbuch wirft Fragen auf.

Roland Juchem

Handelt es sich es nur um eine andere Schreibweise oder um eine Selbstentmachtung? Anders als in früheren Ausgaben des Päpstlichen Jahrbuchs sind die verschiedenen Titel des Papstes in der Ausgabe für 2020 nicht mehr über dem Namen des Amtsinhabers, Jorge Mario Bergoglio, aufgeführt.

Nur noch «historische Titel»?

Stattdessen stehen sie auf der entsprechenden Seite, abgegrenzt und überschrieben: «Titoli storici», «historische Titel». Diese lauten: «Stellvertreter Jesu Christi, Nachfolger des Fürsten der Apostel, Pontifex maximus der universalen Kirche, Primas von Italien, Erzbischof und Metropolit der Provinz Rom, Souverän des Staates der Vatikanstadt, Diener der Diener Gottes». – Auf der Seite davor steht: «Franziskus, Bischof von Rom».

Zwei mögliche Lesarten

«Das irritiert mich schon etwas», gesteht der Münsteraner Kirchenhistoriker Hubert Wolf auf Nachfrage der deutschen Katholischen Nachrichten-Agentur. Seiner Ansicht nach gibt es für diese redaktionelle Veränderung zwei Lesarten. Erstens: Die genannten Titel sind dem Bischof von Rom in der Geschichte zugewachsen, sie gelten weiterhin. Damit änderte sich nichts.

«Das hätte gravierende Konsequenzen.»

Hubert Wolf, Kirchenhistoriker

Anders bei einer zweiten Lesart: Die Titel sind historisch im Sinne von vergangen und haben heute keine Bedeutung mehr. Das aber hätte, so Wolf, gravierende dogmatische und rechtliche Konsequenzen. Das Unfehlbarkeitsdogma des Papstes etwa wird mit seiner direkten, ununterbrochenen Nachfolge des Apostelfürsten Petrus begründet. So formulierte es das Erste Vatikanische Konzil (1869-1870).

«Eine theologische Barbarei.»

Kardinal Gerhard Ludwig Müller

Aus diesem Grund etwa spricht Kardinal Gerhard Ludwig Müller in der «Tagespost» (Ausgabe von Freitag) von einer «theologischen Barbarei». Hier würden Wesensbestimmungen des päpstlichen Primates als bloss «historische Titel» unter die biographischen Daten des Amtsinhabers eingeordnet.

«Mit welcher Vollmacht spricht der Papst, wenn die genannten Titel heute irrelevant wären?», fragt Wolf. So seien sie nie allein begründet worden mit dem Amt des Bischofs von Rom.

Nur Liebe statt juristischer Kompetenz?

«Damit würde Franziskus sein Amt in einen Zustand versetzen wie in den ersten drei Jahrhunderten, als der Bischof von Rom unter den anderen Bischofssitzen den ‹Vorsitz in der Liebe› hatte, wie Franziskus es am Abend seiner Wahl auf dem Balkon des Petersdomes verkündet hat», so Wolf. Ein Primat der Liebe aber sei «ohne juristische Kompetenz».

Kein rechtsverbindlicher Text

Andere Experten messen der neuen Präsentation weniger Bedeutung bei. Das bedeute erst einmal nichts, sagt ein Kirchenrechtler der Kurie. Schliesslich sei das Annuario doch kein rechtsverbindlicher Text.

Die Änderung im Jahrbuch 2020 wurden bisher offiziell nicht kommentiert. Ganz unwahrscheinlich ist es nicht, dass Franziskus – oder jemand anders – mit der Veränderung eine Diskussion anregen wollte, um zu sehen, welche Reaktionen es dazu gibt. (kna)

Papst Franziskus | © KNA
6. April 2020 | 16:42
Teilen Sie diesen Artikel!

Diskussion erinnert an Benedikt XVI.

Die Diskussion um die Papsttitel erinnert daran, als Benedikt XVI. den Titel «Patriarch des Abendlandes» ablegte. Damals fehlte dieser Titel im Päpstlichen Jahrbuch 2006.

«Der Verzicht auf den Titel ist ein Akt historischen und theologischen Realismus», erklärte damals der Päpstliche Rat für die Einheit der Christen. Der Verzicht auf den Titel «könnte den ökumenischen Dialog fördern.» (kna)