Irmtraud Fischer: «Frauen sind amtsfähig – das zeigt bereits die Bibel»
Während Frauen in kirchlichen Ämtern noch immer verboten sind, zeigt das Alte Testament ein überraschend anderes Bild. Weibliche Prophetie spielte dort eine grosse Rolle, sagt die Bibelwissenschaftlerin Irmtraud Fischer. «Die katholische Kirche hinkt hier noch weit hinter dem Alten Testament hinterher.»
Jacqueline Straub
Am 17. Mai referieren Sie beim «Junia-Tag» zum Thema «Frauen im höchsten Amt. Prophetinnen der hebräischen Bibel». Warum ist das Wissen um weibliche Prophetie bislang doch recht gering?
Irmtraud Fischer*: Das hängt einerseits an unserer christlichen Vorstellung von Prophetie, die auf die vier grossen und zwölf kleinen Propheten – allesamt Männer – beschränkt ist. Der Kanon der Hebräischen Bibel versteht aber auch die Bücher Josua bis 2. Könige als Prophetie. Und hier finden wir in unmittelbarer Nachfolge Moses, des Propheten schlechthin, eine Frau: Debora tritt in seine Fussstapfen. Und am Ende der sogenannten Vorderen Prophetie findet sich wieder eine Prophetin, Hulda.
Was kann diese weibliche Rahmung bedeuten?
Fischer: Wenn die erste und die letzte prophetische Figur weiblich ist, ist es klar, dass überall dort, wo von «Propheten» die Rede ist, Frauen mitgemeint sind. Es gibt also nicht nur Samuel, Elia oder Elischa.
Welche der biblischen Prophetinnen hat für Sie die grösste theologische Sprengkraft – und warum?
Fischer: Es ist wohl Hulda, die zeitgleich mit Jeremia wirkt, aber sie wird von den Staatsspitzen befragt, ob es sich bei dem Gesetzbuch, das man im Tempel findet, um ein verbindliches Gesetzbuch handelt. Hulda «kanonisiert» damit gleichsam das erste Buch der späteren Bibel, bei dem es sich wohl um Teile des Buches Deuteronomium handelt.
Inwiefern stellen Prophetinnen traditionelle Machtstrukturen im Alten Israel infrage?
Fischer: Nach dem Prophetiegesetz der Tora in Deuteronomium 18 ist die Prophetie insofern das Höchste der Ämter, als es als einziges direkt von Gott eingesetzt wird und nicht von Menschen weitergegeben werden kann. Jegliche Prophetie steht in der Nachfolge des Mose, der alle Ämter in sich vereint.
Welche Impulse ergeben sich aus den biblischen Prophetinnen für die heutige Kirche, insbesondere im Blick auf Frauen in Dienst- und Leitungsämtern?
Fischer: Wenn Frauen im höchsten der Ämter in der unmittelbaren Nachfolge nach Mose vorkommen, bedeutet dies, dass Frauen amtsfähig sind. Im alttestamentlichen Priesteramt, dem auch das Schlachtopfern obliegt und das vom Vater zum Sohn nur im Stamm Levi weitergegeben wird, sind Frauen nicht belegt, wohl aber in anderen kultischen Funktionen am Tempel. Ins Priesteramt wird man im Alten Testament nicht berufen, wohl aber in das prophetische Amt.
«Prophetinnen der Hebräischen Bibel wurden geachtet.»
Sehen Sie Parallelen zwischen den Erfahrungen biblischer Prophetinnen und heutigen Debatten um Geschlechtergerechtigkeit in kirchlichen Ämtern?
Fischer: Die Prophetinnen der Hebräischen Bibel hatten offenkundig keine Probleme mit ihrer Legitimation. Sie wurden geachtet und man hat ihre Worte befolgt.
Was kann die heutige Theologie von der prophetischen Praxis dieser Frauen lernen?
Fischer: Das Geschlecht ist keine theologische Kategorie und ist als Kriterium für Religiosität ungeeignet. Die heutige katholische Kirche hinkt hier noch weit hinter dem Alten Testament hinterher.
* Irmtraud Fischer ist Bibelwissenschaftlerin an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Graz. Sie war bis 2004 Professorin für Altes Testament und Theologische Frauenforschung an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Bonn. Sie gehört zudem dem Stiftungsrat der Herbert-Haag-Stiftung an.
Am 17. Mai wird die prominente Bibelwissenschaftlerin beim «Junia-Tag» zu Gast sein.
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