Interview:
Schweizer Ostkirchenspezialist Robert Hotz warnt vor Blendwerk «Papstreise»
Innerorthodoxe Spannungen müssen zuerst abgebaut werden
Interview: Georges Scherrer / Kipa
Zürich, 8.7.01 (Kipa) Bevor es zu einem richtigen Dialog zwischen Orthodoxie und Katholiken kommen kann, müssen sich die diversen nationalen orthodoxen Kirchen einig darüber werden, wie sie als eine Kirche auftreten können. Als nicht fruchtbar für die Ökumene bewertet es der Schweizer Ostkirchenspezialist Robert Hotz (66), wenn der Papst bei einzelnen nationalen orthodoxen Kirchen aufwartet. – Der Jesuit ist aufgrund seines Wirkens in der Ukraine Ehrenbürger von Lviv – jener Stadt, die Papst Johannes Paul II. Ende Juni besucht hat.
Kipa: Pater Hotz, wie schätzen Sie die Reisen des Papstes in die orthodoxen Länder Ukraine (Juni 2001), Griechenland (April 2001), Georgien (November 1999) und Rumänien (Mai 1999), ein?
Robert Hotz: Das waren total verschiedene Ziele. Die Reisen nach Rumänien, Georgien und Griechenland waren der Versuch, die abgebrochenen Kontakte zu den Orthodoxen wieder aufzubauen. Die Reise in die Ukraine war meiner Meinung nach ein höchst gefährliches Unternehmen bezüglich der Ökumene: Der Papst trat in ein Wespennest.
Kipa: Eine Provokation also?
Hotz: Von den Orthodoxen wurde der Papstbesuch zum Teil als Provokation empfunden.
Kipa: Innerhalb der Orthodoxie kam es zum Streit wegen dieser Reise. Der russische Patriarch hatte sich strikt gegen eine solche ausgesprochen. Wie bewerten Sie die Auswirkungen für den Dialog zwischen Katholiken und Orthodoxen?
Hotz: Der Papst wurde vom – innenpolitisch umstrittenen – Präsidenten der Ukraine, Leonid Kutschma, eingeladen. Dieser braucht offensichtlich Unterstützung von aussen, um seine eigene Lage aufzuwerten. Innerhalb der Ukraine gibt es drei orthodoxe Kirchen, die zueinander in Konkurrenz stehen. Die stärkste ist die des Moskauer Patriarchats. Sie ist vier Mal grösser als die nächst folgende. Aber die kleineren nationalistischen Kirchen haben eher die Unterstützung der Regierung als jene des Moskauer Patriarchats.
Und damit ist das ganze Dilemma aufgezeigt: Der Papst kam als Gast des Präsidenten, und da war es klar, dass die nationalistischen Kirchen – die von keiner orthodoxen Kirche anerkannt sind -, die Gelegenheit benutzten und dem Papst freundlich begegneten: dies, um sich selber aufzuwerten und gleichzeitig dem Staatsoberhaupt zu gefallen – zum Missfallen des Moskaus. Und dieses Missfallen wird noch nachwirken.
Kipa: In welcher Form?
Hotz: Sicher nicht als Verbesserung des ökumenischen Klimas.
Kipa: Nach dem Ukraine-Besuch wird darüber spekuliert, ob der Papst nun eine entsprechende Einladung der katholischen Kirche in Russland annehmen und sich nach Moskau begeben wird…
Hotz: Das kann er! Die Frage ist aber, ob das russische Regime da mitmacht. Auch bei einer solchen Reise müsste der Papst Kompromisse eingehen. Alle diese Reisen des Papstes haben einen doppelten Aspekt. Der positive: Natürlich begeistert Johannes Paul II. eine ganze Menge von Leuten. Zudem ist es eine Leistung, in diesem Alter und bei schlechter Gesundheit einem missionarischen Antrieb zu folgen, dies nicht zum eigenen Gefallen, sondern aus einer Berufung heraus.
Andererseits muss aber auch gesagt werden, dass er dabei ungewollt auch umstrittene Präsidenten wie Kutschma und polarisierende Kirchen unterstützt. Der Papst wird Parteigänger von etwas, von dem er es gar nicht sein will. Auch in der Ukraine hat er zudem ein potemkinsches Dorf gesehen: Die Stätten, die der Papst besuchte, wurden für den Besuch aufgemöbelt mit Mitteln, die anderswo im Land dringender nötig gewesen wären. Die Ukraine ist ein sehr armes Land. In Lviv funktioniert nicht einmal die Wasserversorgung zur Zufriedenheit der Bevölkerung, geschweige denn das Sozialwesen. Ein Papstbesuch darf nicht zum Blendwerk werden.
Kipa: Ist das möglicherweise der Preis, der bezahlt werden muss, damit Mauern fallen?
Hotz: Die Entschuldigungen des Papstes während des Griechenlandbesuchs waren eine echte Überraschung und ein Triumph. Jetzt gewinnt man aber den Eindruck, dieses Entschuldigen werde ritualisiert. Soll sich der Papst nun wirklich jedes Mal entschuldigen?
Kipa: Wie bewerten Sie die Haltung des russischen Patriarchen zur Papstreise?
Hotz: Die Orthodoxen waren als verfolgte, arme Kirchen lange Zeit Almosenempfänger des Westens. Sie mussten schweigen. Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus haben diese Kirchen ein ganz neues Selbstbewusstsein entwickelt. Dieses manifestiert sich besonders beim Moskauer Patriarchat und hat innerhalb der Orthodoxie zu Gewichtsverschiebungen und Spannungen geführt. Spricht der Vatikan mit einer Nationalkirche innerhalb der Orthodoxie, so ärgert er unter Umständen eine andere; wertet er diese auf, so wertet er eventuell die andere ab. Wie gesagt: Dieses Vorgehen erleichtert die Ökumene in gar keiner Weise.
Kipa: Wo hat der russische Patriarch in diesem Kräftespiel seinen Platz?
Hotz: Aleksij II. möchte das Patriarchat von Konstantinopel, das Ehrenoberhaupt der Orthodoxie Bartholomaios, aus seiner Vorrangstellung verdrängen. Dieses Seilziehen hält schon seit Jahren an und hat sich nach dem Zusammenbruch des Kommunismus noch verstärkt. Denn die russisch-orthodoxe Kirche kann den Anspruch erheben, zahlenmässig die grösste zu sein.
Kipa: Das russische Njet zum Papstbesuch in der Ukraine ist also eine Folge des Machtgerangels innerhalb der Orthodoxie…
Hotz: Auch! Von einer Gesamt-Orthodoxie kann aber nicht gesprochen werden. Der Papst begegnete immer nur einzelnen Landeskirchen mit eigenem politischen Hintergrund und eigenen kirchenpolitischen Interessen.
Kipa: Welche Form müsste eine Begegnung des Papstes mit der Orthodoxie haben?
Hotz: Die Frage ist nicht, welche Form die Begegnung des Papstes mit der Orthodoxie haben soll, sondern: Welche Form muss die Orthodoxie haben, damit sie dem Papst als Gesamtheit begegnen kann? Davon sind wir aber noch weit entfernt.
Kipa: Wenn Aleksij II. erklärt, bevor ein Papst nach Moskau kommen könne, müsse die katholische Kirche mit dem Abwerben von Gläubigen in Russland aufhören, dann ist das wohl eine Ausrede…
Hotz: Hier zeigt sich ein Schwachpunkt ganz besonders der russischen Orthodoxie: Die Angst vor dem Proselytismus, vor dem Abwerben von Gläubigen. Die Orthodoxie hatte nach dem Zusammenbruch des Kommunisums einen riesigen Zulauf. Es kamen Leute, die einen Ersatz für das Vakuum suchten, die der Verlust des Kommunismus geschaffen hatte. Sie waren aber für den Zugang zur Kirche nicht genügend vorbereitet. Jetzt zeigen sich die Folgen: Die Leute, die sich zuerst voller Begeisterung aus einem Nationalismus heraus – der sagte: «russisch ist gleich orthodox» – dem Patriarchat zugewandt hatten, beginnen sich zu distanzieren. Damit gilt sofort jede andere Konfession, die in Russland missioniert, als Gefahr.
Kipa: Indem der Patriarch sich nun quer stellt, versucht er Profil zu gewinnen…
Hotz: Er versucht vor allem alle potentiellen Gegner oder Konkurrenten aus dem Feld zu schlagen und benützt dazu natürlich auch die Staatsmacht.
Kipa: Und den Protest gegen den Papst…
Hotz: Es geht nicht um den Protest gegen den Papst. In der Ukraine hat Aleksij II. die Staatsmacht nicht auf seiner Seite. In Russland dagegen schon. Putin wird sich nicht so leicht gegenüber der orthodoxen Kirche quer legen, denn er braucht sie aus politischen Gründen.
Kipa: Sucht sich Aleksij II. sowohl innerhalb des konservativen wie des fortschrittlichen Flügels der russischen Orthodoxie zu positionieren?
Hotz: Die so genannten Modernisten machen kaum zwanzig Prozent der Gläubigen aus – und das ist noch hoch gegriffen. Mit dem Wunsch nach einem Papstbesuch vertreten auch diese Modernisten eigene Interessen. Es geht ihnen nicht um den Papst oder um die katholische Kirche, sondern um eigene Interessen. Damit ein Papstbesuch in Russland möglich wird, muss sich die dortige Orthodoxie selber konsolidieren. Wir sehen uns nämlich mit einem zunehmenden Nationalismus und Konservatismus innerhalb der russischen Orthodoxie konfrontiert. Und das ist keine erfreuliche Perspektive für eine baldige Erweiterung der Ökumene.
Kipa: Also kein Tauwetter in Sicht?
Hotz: Die innerorthodoxen Spannungen bestehen schon seit langem, weil die Orthodoxie nicht eine in sich geschlossene Einheit, sondern eine Vielheit von unabhängigen Landeskirchen ist. In diesen Landeskirchen wirkt immer die Landespolitik nach. Das führt dazu, dass es sehr schwer ist, innerhalb der Orthodoxie zu einer Einheit zu finden. Das hat auch zur Folge, dass, wenn der Papst sich nach Rumänien oder Griechenland begibt, er einen politischen Akzent setzt, ob er nun will oder nicht. Man kann sich fragen, ob diese Papstreisen nur immer positiv zu werten sind, wenn man die politischen Hintergründe mit berücksichtigt.
Hinweis für Redaktionen: Ein Bild von Robert Hotz kann bei der Presseagentur Kipa angefordert werden:
(kipa/gs/job)



