Flüchtlinge | © Remo Wiegand
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Flüchtlinge | © Remo Wiegand

In Bologna besuchte Papst Franziskus ein Aufnahmezentrum

Rom, 1.10.17 (kath.ch) Ein schmales gelbes Plastikarmband, eine Nummer, ein Name. Es dient zur Identifikation der Insassen im «Hub», dem regionalen Verteilzentrum für Migranten in Bologna. An diesem Sonntag betritt ein Neuer das Tor zu dem Komplex aus Wohncontainern und behelfsmässigen Sanitäreinrichtungen, und eine junge Mitarbeiterin legt dem Mann das Armband um. Darauf steht «3900003 Papa Francesco».

Burkhard Jürgens

Papst Franziskus besucht das Erzbistum Bologna, und bewusst will er zuerst an einen Ort, an dem die Not zu Hause ist. Der «Hub», ein Umschlagplatz: In der westlichen Peripherie der Stadt, wo sich Gewebegebiet und die ersten Äcker treffen, richtete die Regionalregierung der Emilia-Romagna ein Lager für Migranten ein, die meist im Süden Italiens gelandet waren und noch in eine andere Einrichtung überführt werden sollen.

Aus den ersten 200, die im Juli 2014 mit Bussen aus Salerno kamen, wurden bald an die Tausend. Zeitweise geriet das Zentrum an seine Grenzen. Die maximale Aufenthaltsdauer von drei Wochen war manchmal mehr Wunsch als Wirklichkeit.

«Wir leben im Dreck»

So nutzen viele Migranten die Gelegenheit, den Papst und die Medien auf sich aufmerksam zu machen, mit Botschaften, die sie auf ihre T-Shirts gemalt haben oder auf ein Blatt Papier: «Wir lieben dich, Papst. Wir brauchen Dokumente». Zwei halten einen abgerissenen Kartonstreifen: «Wir brauchen Dokumente, um arbeiten zu können. Das Essen ist schlecht. Wir trinken kein gutes Wasser. Die Transfers sind viel zu langsam. Wir haben keine guten Kleider. Wir leben im Dreck.»

Es ist eigentlich ein kurzer Weg, den Franziskus gemeinsam mit Bolognas Erzbischof Matteo Zuppi bis zu dem kleinen Podest zurückzulegen hat, auf dem er seine Ansprache halten soll. Aber er dauert lang. Es scheint, er wolle jeden einzeln begrüssen, und anders als zuvor am gleichen Morgen in Cesena, wo enthusiastische Ordensfrauen Franziskus am Gewand zogen oder ihm die Wange tätschelten, fallen die Begegnungen mit den mehrheitlich afrikanischen jungen Migranten sehr respektvoll aus.

Der eine ergreift die Hand des Papstes sachter, der andere beherzter; bald hält sich der 80-Jährige den Unterarm, als hätte er Schmerzen. Aber er lächelt, posiert für unzählige Selfies. Eine Dreiviertelstunde nimmt er sich Zeit für den Parcours, mehr als an irgendeinem anderen Termin an diesem Tag.

Mit Härte und Kälte urteilen

Nähe zeigen: Das ist die Botschaft, die der Papst den Migranten bringt. «Viele kennen euch nicht und haben Angst», sagt er in seiner Ansprache. «Dadurch fühlen sie sich im Recht, zu urteilen und dies mit Härte und Kälte tun zu können. Sie glauben auch, gut zu sehen. Aber das ist nicht so. Man sieht nur gut mit der Nähe, die die Barmherzigkeit schenkt.»

Den anderen als Mitmenschen sehen – das wird Franziskus später auch vor den Bologneser Bürgern auf der Piazza Maggiore anmahnen, wenn er sagt, arbeitslose Jugendliche und Beschäftigte, die in der Krise ihren Job verloren haben, sein nicht nur eine Ziffer in der Statistik.

Hetze in sozialen Netzwerken

Bei den Migranten spricht er noch ein anderes Phänomen an: Hetze in sozialen Netzwerken. Die «schrecklichen Sätze und Beleidigungen via Internet», sie rühren laut Franziskus auch von jenem unbarmherzig-distanzierten Blick. Aber wer den Nächsten ohne Mitleid betrachte, den werde auch Gott ohne Mitleid betrachten, droht er.

Vergangenen Mittwoch hatte er bei seiner Generalaudienz aufgerufen, Flüchtlinge und Migranten «mit offenen Armen» willkommen zu heissen. Das ist in einem Land, das in kaum vier Jahren die Ankunft von rund 600.000 Menschen erlebte, eine steile Forderung. Denjenigen, die Italien schon über seine Möglichkeiten belastet sehen, kommt er in Bologna etwas entgegen: Noch mehr Länder müssten Aufnahmeprogramme schaffen und humanitäre Korridore öffnen, sagt er.

«Kämpfer der Hoffnung» seien die Migranten, ruft Franziskus ihnen zu, und er erinnert auch daran, dass Bologna vor 760 Jahren als erste Stadt Europas seine Sklaven in Freiheit setzte und beide Seiten profitierten. Von seinem Besuch im «Hub», sagt er, nehme er den Gedanken an all die Ängste, Probleme und Ungewissheiten mit, und auch das Bild der vielen Appelle: «Hilf uns, Dokumente zu kriegen». Da jubeln die Menschen, laut und anhaltend. (cic)

Menschenwürdige Aufnahme von Flüchtlingen

Papst Franziskus hat einmal mehr seine Forderung nach einer menschenwürdigen Aufnahme von Flüchtlingen in Europa bekräftigt. In Bologna sprach er sich am Sonntag für mehr europäische Solidarität und schnelle Asylverfahren aus, wie Radio Vatikan berichtete. «Ich halte es wirklich für nötig, das mehr Länder private oder gemeinschaftliche Hilfsprogramme für die Aufnahme verwirklichen und humanitäre Korridore für die Flüchtlinge in den schwersten Notsituationen einrichten, um unerträgliche Wartezeiten und verlorene Zeit zu verhindern», so der Papst. Besonders die minderjährigen Flüchtlinge bräuchten einen besonderen Schutz, mahnte Franziskus ein. Die Migranten rief er dazu auf, sich für die lokale Kultur zu öffnen und die Gesetze zu befolgen. (kap)

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