Seine Musik hat spirituelle Qualität – sagt auch Papst Franziskus: Ennio Morricone
Religion anders

Im Takt des Maestro: Himmlische Musikdoku zu Weihnachten

Er gehörte zu den ganz Grossen des Kinos: Ennio Morricone (1928–2020). Mit Soundtracks zu «Spiel mir das Lied vom Tod» oder «Mission» wurde er weltberühmt. Zu Weihnachten kommt nun eine filmische Hommage an den Träger der «Goldenen Pontifikatsmedaille» ins Kino.

Silvan Maximilian Hohl

Tick, tack, tick, tack. Gleichmässig schlägt die Nadel des Metronoms in Ennio Morricones Arbeitszimmer hin und her. Sie gibt den Takt für die kommenden zweieinhalb Stunden vor. Giuseppe Tornatore, der mit seinem Film «Cinema Paradiso» weltberühmt wurde – nicht zuletzt wegen der berührenden Musik Morricones –, hat nun einen Film über den Maestro gedreht: «Ennio Morricone – Il Maestro». Dazu interviewte er Clint Eastwood, Quentin Tarantino, Hans Zimmer, Bruce Springsteen und zahlreiche weitere Persönlichkeiten und Wegbegleiterinnen Morricones.

Ennio Morricone (li.) mit Regisseur Giuseppe Tornatore. Behind the Scenes «Ennio Morricone – Il Maestro»
Ennio Morricone (li.) mit Regisseur Giuseppe Tornatore. Behind the Scenes «Ennio Morricone – Il Maestro»

Entstanden ist ein Film über einen bescheidenen und gläubigen Mann, der mit seiner Kunst zu einem der wichtigen Taktgeber des 20. Jahrhunderts wurde. Morricone starb am 6. Juli 2020 an den Folgen eines Sturzes; laut ANSA kondolierte daraufhin Papst Franziskus der Witwe persönlich.

Der Trompeter, der vom Arztberuf träumte

Eigentlich wollte Ennio Morricone Arzt werden. Doch sein Vater verbot es ihm. Er wollte aus seinem Sohn einen Trompeter machen. Und so steckte er den jungen Ennio ins Konservatorium. Bald beherrschte er das Instrument und unterhielt sein Publikum mit der Trompete. So lernte Morricone am Tag am Konservatorium und performte nachts in Bars und Nachtlokalen zusammen mit seinem Vater, der auch Trompeter war. Als Bezahlung erhielten sie etwas zu essen, was Ennio als zutiefst demütigend empfand. Als er die Möglichkeit erhielt, Komposition zu studieren, ergriff er die Chance.

Filmmusik ist wie Prostitution: das Hadern des Komponisten

Goffredo Petrassi war sein Dozent. Der italienische Komponist war ein Künstler der alten Garde und meinte, es käme für akademisch ausgebildete Musiker der Prostitution gleich, wenn sie Musik für Filme und andere kommerzielle Werke schrieben. Petrassi fand es unmoralisch und würdigte Morricones Leistungen in der Filmwelt zu Beginn wenig.

Das Genie braucht Chaos: Ennio Morricone  komponiert
Das Genie braucht Chaos: Ennio Morricone komponiert

Geprägt von dieser Ausbildung fühlte sich der katholisch erzogene Morricone lange schuldig. Doch mit der Zeit überwand er seine Schuldgefühle und wollte sich irgendwann sogar an der Musik rächen. «Ich wollte siegen über dieses Schuldgefühl», erzählt Morricone mit feuchten Augen vor laufender Kamera.

Eine Ehrenmedaille vom Papst

Der ehemalige Dozent Morricones wurde schliesslich mit der Musik für John Hustons Monumentalfilm «Die Bibel» (US/IT 1966) betraut. Doch Huston fand die Musik von Petrassi zu komplex. Und so wurde die Aufgabe seinem früheren Schüler und späteren Freund Ennio Morricone anvertraut. Dieser nahm die Herausforderung an und komponierte die Anfangssequenz des Films mit der Zusage, dass er den ganzen Film machen könne, wenn Huston die Musik gefiel. Und das tat sie.

Abraham (George C. Scott) will Isaak (Alberto Lucantoni) opfern: Screenshot aus «The Bible» (1966) von John Houston
Abraham (George C. Scott) will Isaak (Alberto Lucantoni) opfern: Screenshot aus «The Bible» (1966) von John Houston

Doch Morricone stand unter einem Exklusivvertrag bei einem anderen Label. Morricone fand, er könne nicht einfach den Vertrag brechen und versuchte den Verantwortlichen zu überzeugen, dass «Die Bibel» für ihn eine grosse Chance darstelle. Doch dieser lehnte ab und so stieg Morricone aus dem Projekt frühzeitig aus.

Ennio Morricone (li.) erhält die Per Artem Ad Deum-Medaille des Päpstlichen Rats für die Kultur von Kardinal Gianfranco Ravasi, 29.9.2912
Ennio Morricone (li.) erhält die Per Artem Ad Deum-Medaille des Päpstlichen Rats für die Kultur von Kardinal Gianfranco Ravasi, 29.9.2912

Auch wenn aus der Musik für «Die Bibel» nichts wurde, wurde Morricone 2012 mit der «Per Artem Ad Deum»-Medaille des Päpstlichen Rats für die Kultur geehrt. Diese Auszeichnung wird Menschen zuteil, die sich dauerhaft für einen fruchtbaren und nachhaltigen Dialog zwischen Kunst, Individuum und Glaube eingesetzt haben.

2019 verlieh ihm Papst Franziskus eine «Goldene Pontifikatsmedaille» für sein ausserordentliches künstlerisches Wirken. Der kunstaffine Franziskus würdigte damit Morricones Schaffen – sowohl das populäre als auch das sakrale. Der Komponist hat nämlich nicht nur himmlische Filmmusik kreiert, die durchaus transzendente Qualität hat, sondern 2015 auch eine Messe für Franziskus, die «Missa Papae Francisci».

Taktgeber des 20. Jahrhunderts und darüber hinaus

Je länger der Film dauert, desto mehr Wegbegleiterinnen und Wegbegleiter Morricones werden vorgestellt. Hinzu kommen alle wichtigen Filme, die der Maestro vertonte. Aus diesem Wust an Informationen und Anekdoten zeichnet Tornatore ein immer dichter werdendes Bild des Ausnahmekomponisten. Und so gelingt es dem Regisseur aufzuzeigen, was für einen enormen Einfluss Ennio Morricone auf die (Pop) Kultur hatte.

Ennio Morricones Musik beeinflusst Generationen von Filmliebhaberinnen und Musikern
Ennio Morricones Musik beeinflusst Generationen von Filmliebhaberinnen und Musikern

Generationen wuchsen mit seiner Musik auf. Rocklegenden wie Bruce Springsteen oder Metallica spielen seine Musik an ihren Konzerten. Morricones Konterfei wird an Wände gemalt und Konzerte mit seiner Musik füllen Stadien. Quentin Tarantino vergleicht ihn mit Beethoven oder Mozart. Morricones Musik ist nicht zeitgenössisch, sondern zeitlos, vielleicht sogar ewig.

Zum Schluss des Films sagt Filmproduzent David Puttnam: «Selbst wenn man nicht an Gott glaubt, wenn man Ennios Musik hört, spürt man, dass da etwas ist.» Und fasst damit in einem Satz zusammen, worum was es in Ennio Morricones Werk geht und was die Menschen fühlen, wenn sie seine Musik hören.

Der Dokumentarfilm «Ennio Morricone – Il Maestro» läuft ab dem 22. Dezember in den Kinos. Eine himmlische Einstimmung auf Weihnachten!


Seine Musik hat spirituelle Qualität – sagt auch Papst Franziskus: Ennio Morricone | © 2022 Filmcoopi
24. Dezember 2022 | 04:59
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