Judith Hunn serviert im Café Yucca  | © Peter Knup
Schweiz
Judith Hunn serviert im Café Yucca | © Peter Knup

«Im Café Yucca darf jeder so bleiben, wie er ist»

Zürich, 9.12.17 (kath.ch) Mitten im Zürcher Niederdorf bietet das «Café Yucca» Menschen am Rand der Gesellschaft die Möglichkeit zu Kontakt, Beratung und eine warme Mahlzeit. Die Menzinger Schwester Judith Hunn erzählt, wer die rund 70 Gäste sind, die das Café täglich besuchen.

Simon Spengler*

Café Yucca ist ein Ort für Gestrandete, mitten im Niederdorf. Gleich gegenüber winken spärlich bekleidete Damen potenziellen Freiern zu. Wie hat sich die katholische Nonne Judith Hunn hierher verirrt?

Ich lebe hier meine Berufung.

Judith Hunn: Ich gehöre zur Gemeinschaft der Menzinger Schwestern, ein franziskanischer Orden, der traditionell in Schulen und unter Menschen am Rand der Gesellschaft wirkt. Also habe ich mich überhaupt nicht hierher verirrt, sondern lebe hier meine Berufung. Hier gehöre ich hin.

Und wie führte der Weg hierher?

Hunn: Zunächst lebte ich in der kleinen Schwesterngemeinschaft an der Schienhutgasse, nur wenige 100 Meter vom Café Yucca entfernt. Die Gemeinschaft wurde aufgelöst, weshalb ich heute meinen Wohnsitz im ordenseigenen Altersheim in Einsiedeln habe. Aber dem Café Yucca bin ich treu geblieben.

Besonders von den alten Schwestern in Einsiedeln erfahre ich viel Zuspruch.

Sie leben also in zwei Welten: Einerseits im beschaulichen Einsiedeln, wo sie alte Schwestern betreuen, und andererseits mitten in Zürcher Milieu, wo Prostituierte, Süchtige, Verzweifelte, Gestrandete, Sonderlinge und vom Leben bös gezeichnete Menschen Zuflucht finden. Was sagen Ihre Mitschwestern dazu?

Hunn: Sicher gibt es einige wenige, die damit Mühe haben. Aber grundsätzlich trägt meine Gemeinschaft dieses Engagement mit. Besonders von den alten Schwestern in Einsiedeln erfahre ich viel Zuspruch, was mir immer neue Kraft gibt. Natürlich, es sind zwei verschiedene Welten, die aber gar nicht so weit auseinanderliegen, da die existenziellen Nöte und Freuden der Menschen in beiden Welten die gleichen sind.

Werbefilm des Café Yucca (Konzept: Rod Kommunikation, Regie: Jonathan Heyer, Produktion: Shining Pictures, Musik: Jingle Jungle:

Wo soll der junge Rumäne ohne Geld und Pass hin?

Zürich ist eine der reichsten Städte der Welt, wir haben in der Schweiz ein ausgebautes Sozialsystem. Warum braucht es da noch die Passantenhilfe, wie sie das Café Yucca leistet?

Hunn: Schauen Sie, in Zürich gibt es offiziell fast keine Obdachlosen. Wir betreuen hier aber im Schnitt 70 Gäste, jeden Tag! Es sind alles Menschen, die in kein Schema passen, nirgendwo hingehören, in keiner Statistik vorkommen. Sie sind aber da. Zum Beispiel die vielen Leute, die bisher im Flughafen lebten, aber kürzlich vertrieben wurden. Einige kommen jetzt zu uns. Denken Sie an die Kinder der illegalen Prostituierten und an alle illegalen Migranten, die im Verborgenen leben. Ich denke auch an den jungen Rumänen, der kürzlich in der Hoffnung auf Arbeit mit dem Zug in die Schweiz einreiste und gleich am Hauptbahnhof von eigenen Landsleuten ausgeraubt wurde. Er hatte nichts mehr, kein Geld, kein Billet, keinen Pass, keine Hoffnung. Wo soll er hin?

Wir sind ein Ort, wo die Gäste ihr Gepäck für einen Moment abstellen können.

Wie können Sie ihm helfen?

Hunn: Unmittelbar mit einer warmen Suppe und einem Kaffee. In beschränktem Umfang können wir mit etwas Geld Nothilfe leisten. Vor allem aber hören wir den Leuten zu, versuchen zu vermitteln, zu beraten und die Menschen längerfristig wieder in geordnete Strukturen zu begleiten. Wir sind für viele Gäste ein Ort, wo sie ihr «Gepäck» für einen Moment abstellen und wieder aufatmen können.

Niemand muss hier irgendetwas, ausser die Hausordnung respektieren.

Dabei erleben Sie sicher häufig Frustrationen.

Hunn: Natürlich gibt es beratungsresistente Gäste, oft traumatisierte Menschen, denen zum Beispiel früher ihr Kind weggenommen wurde. Das hat in ihnen jedes Vertrauen in Behörden zerstört. Andere sind psychisch krank, passen aber in kein Krankheitsbild, das einen langfristigen stationären Aufenthalt rechtfertigen würde. Aber wir leben hier nach der Maxime, wonach wir keine Erwartungen an unsere Besucher haben. Niemand muss hier irgendetwas, ausser die Hausordnung respektieren. Jede und jeder darf so bleiben, wie er oder sie ist. Das ist für mich eine spirituelle Haltung, die mich vor zu viel Frustration bewahrt.

Bei den Zuhältern muss ich mich zusammenreissen.

Stossen Sie nie an Grenzen?

Hunn: Zu uns kommen nicht nur Prostituierte, sondern auch deren Zuhälter. Da muss ich mich tatsächlich fest zusammenreissen. Aber ich bemühe mich, auch in ihnen zuerst den Menschen zu sehen.

    
Judith Hunn serviert im Café Yucca  | © Peter Knup

Betreiben Sie im Café Yucca auch Mission? Für eine Ordensschwester muss das ja naheliegen.

Hunn: Wir arbeiten aus einer christlichen Grundhaltung heraus, das verschweigen wir auch nicht. Wir sind aber offen für alle Religionen. Nicht Bekehrung steht im Vordergrund, sondern die Hinwendung zum bedürftigen Menschen.

Viele fangen im Gespräch beim Geld an und landen bei Sinnfragen.

Viele Gespräche mit Gästen beginnen zunächst beim Thema Geld. Dann berichten sie oft über ihre Verletzungen. Und am Schluss landen wir nicht selten bei Sinnfragen: Versöhnung – zum Beispiel mit den eigenen Kindern – Sterben, Tod, Hoffnung auf ein anderes Leben. So legen wir Zeugnis ab für unseren Glauben. Das spüren die Gäste auch.

Manchmal bitten mich Gäste, mit ihnen zu beten. Das tue ich gern.

Welche Rolle spielt in Ihrem Leben das Gebet?

Hunn: Gebet ist eine Grundhaltung, die mich prägt. Ob am Herd, am Buffet, auf dem Weg zur Arbeit, im Kreis meiner Schwestern: alles ist Gebet. Manchmal bitten mich Gäste, mit ihnen zu beten. Das tue ich natürlich auch gern.

Im Orden haben wir Schwestern Freiräume, aber der Stachel bleibt.

Sie vermitteln als Ordensschwester das Bild einer überzeugenden, authentischen Kirche. Aber in der Kirche selbst haben Sie als Frau wenig zu sagen. Stört Sie das?

Hunn: Früher mehr als heute. Vermutlich habe ich deshalb auch nicht Theologie studiert, diesen Widerspruch hätte ich nur schwer ertragen. Im Orden haben wir Schwestern Freiräume, aber der Stachel bleibt natürlich. Ich lebe jetzt hier und habe meine Aufgabe, die mir viel bedeutet. Das steht im Vordergrund.

Und wie verbringt Schwester Judith ihre Ferien? Gibt es die überhaupt?

Hunn: Ja, selbstverständlich. Eine Woche geht jede Schwester in Exerzitien. Dazu stehen allen drei Wochen Ferien zu. Grosse Reisen liegen nicht drin. Aber ich habe mit einer Mitschwester schon fast die ganze Schweiz auf dem Velo abgefahren.

Judith Hunn, 51, ist studierte Umweltwissenschaftlerin. 2002 trat sie der Ordensgemeinschaft der Menzinger Schwestern bei.

*Simon Spengler ist Bereichsleiter Kommunikation und Kultur sowie Synodalrat der Katholischen Kirche im Kanton Zürich. Das Interview erschien erstmals in der Dezemberausgabe des Infoblatts der Katholischen Kirche im Kanton Zürich.

Judith Hunn berät Menschen in Krisensituationen | © Peter Knup
Judith Hunn berät Menschen in Krisensituationen | © Peter Knup
Judith Hunn, Menzinger Schwester | © Peter Knup
Judith Hunn, Menzinger Schwester | © Peter Knup

Das Café Yucca

Das Café Yucca bietet Gästen einen Ort der Ruhe sowie Kontakte und Gespräche. Täglich gibt es mittags eine warme Suppe, viermal in der Woche ein günstiges Abendessen. Zudem wird Sozialberatung angeboten. Sie hilft mit Information, Beratung und handfester Unterstützung. Die Sozialberatung arbeitet mit andern sozialen Institutionen zusammen. Die Gespräche sind kostenlos.

2016 besuchten 22’500 Gäste das Café. Knapp 7000 Teller Suppe wurden ausgeschenkt, rund 5000 Mahlzeiten ausgegeben. 10’000 Lebensmittelspenden konnten verteilt werden.

 

Trägerin ist die Zürcher Stadtmission, welche aus der Evangelischen Gesellschaft des Kantons Zürich herausgewachsen ist. Die wichtigsten jährlichen Beiträge leisten heute die reformierte und die katholische Kirche Zürichs, die Stiftung der Evangelischen Gesellschaft, Stadt und Kanton sowie Spenderinnen und Spender. (sys)

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