Schweiz

Warum Yves Kugelmann manche Bücher doppelt kauft

Der jüdische Basler Journalist und Chefredaktor des «Tachles», Yves Kugelmann, ist ein bekennender Vielleser. Unter den Autoren, die ihn begleiten, ist Hannah Arendt. Und unter den vielen Büchern, die sich Kugelmann wöchentlich kauft, ist eine Zusammenstellung ihrer Schriften mit dem Titel «Wir Juden». Ein Beitrag der kath.ch-Sommerserie «Reisaus»*.

Boris Burkhardt

Das Buch, das Yves Kugelmann beim Treffen mit kath.ch in einem Basler Café auf den Tisch legt, ist eines von mehreren, die er zeitgleich lese, sagt der schlanke 49-Jährige. In seiner kurzen Hose und dem schicken Hemd sieht er aus wie ein eleganter Globetrotter; und das ist er eigentlich auch. Für seine Reportagen ist er regelmässig in Europa, im Nahen Osten und in den USA unterwegs.

Die Verfasserin des Buchs heisst Hannah Arendt, eine Autorin, die Kugelmann seit seiner Jugend begleitet. «Ich stolperte erstmals mit 16, 18 Jahren über ihren Namen, als ich mich mit Carl Jaspers auseinandersetzte», berichtet Kugelmann. «Die beiden haben sich nach dem Zweiten Weltkrieg viel miteinander ausgetauscht.»

«Wir Juden» heisst das Buch, dessen Einband in Hellblau gehalten ist. Aber der Titel ist Kugelmann nicht wichtig. Hannah Arendt ist ihm wichtig; und das Buch ist eine von vielen Schriftensammlungen, die er von der «bedeutendsten jüdischen Denkerin» gelesen hat.

Kugelmann ist sich nicht einmal sicher, ob er das Buch auf der Hannah-Arendt-Ausstellung im Deutschen Historischen Museum in Berlin gekauft hat, von der er kürzlich zurückkehrte: «Ich habe so viele Bücher dort gekauft.»

Bis um Mitternacht im Buchladen stöbern

Wenn Kugelmann über Bücher spricht, fällt es dem Zuhörer schwer, mitzukommen. Es müssen Tausende von Büchern sein, die dieser Mann besitzt. Jede Woche kaufe er neue Bücher, auch, wenn er den Text schon elektronisch besitze. Oft lese er nur einen bestimmten Teil oder kaufe Bücher doppelt, weil er das erste Exemplar gerade nicht finde.

«Das gibt es in der Schweiz nicht.»

Er liebe es, bis Mitternacht in Bücherläden in Berlin oder Paris zu stöbern: «Etwas, das es in der Schweiz nicht gibt.» Er kaufe sich auch Bücher in Sprachen, die er gar nicht lesen könne, und habe mehrere Depots für seine Bücher angemietet. Die «beste Bibliothek» sei jene, die er sich bis zum 25. Lebensjahr angeschafft habe.

Die grossen Themen des Judentums

«Ich lese sehr intensiv», stellt Kugelmann fast lapidar fest, während der Zuhörer noch etwas schwindlig versucht, sich die Unmengen an Büchern vorzustellen. Wie auch sein Exemplar von «Wir Juden» zeigt, macht sich Kugelmann gerne mit dem Bleistift Notizen an den Textrand: «Das können auch Querverweise zu anderen Büchern sein.»

«Ich bin ein klassischer Caféhausleser.»

Trotz seiner vielen Reisen – für ihn fliessen Urlaub und Recherchereisen ineinander über – liest Kugelmann nicht im Zug oder Flugzeug: «Dort schreibe ich meistens. Ich bin ein klassischer Caféhausleser.» Diese Gewohnheit habe sich mit dem Smartphone in den vergangenen Jahren allerdings stark geändert: «Früher sass ich zwei Stunden im Café und las Zeitung.»

«Wir Juden» umfasst die Schriften Arendts von 1932 bis 1966. In ihnen findet Kugelmann «all die grossen Themen» des Judentums dieser Zeit: Holocaust, Flucht, Zionismus. Arendt habe mit ihrer internationalen Ausstrahlung und ihrem Netzwerk das kulturelle und politische Selbstbewusstsein der Juden geprägt: «Sie ist der zentrale Kosmos im 20. Jahrhundert.»

«Wir Juden»

«Jude sein gehört zu den unbezweifelbaren Gegebenheiten meines Lebens.» – Hannah Arendt beginnt mit ihrer Arbeit über Rahel Varnhagen, sich mit der jüdischen Geschichte in Deutschland zu beschäftigen; aber erst nachdem sie Deutschland 1933 verlassen hatte, setzte sie sich verstärkt mit ihrer Identität als Jüdin und der «jüdischen Frage» auseinander. Dieses Buch versammelt chronologisch alle zu Lebzeiten veröffentlichten Aufsätze Arendts zum Thema und zeigt so auch ihre Entwicklung in den diskutierten Fragen, beispielsweise ihre teilweise sehr wechselnde Haltung zu Israel und dem Zionismus. Herausgegeben, zum Teil neu übersetzt und eingeordnet von Marie Luise Knott und Ursula Ludz schliesst der Band eine wichtige Lücke in der Arendt-Literatur. – Aus dem Klappentext des Buches, das 2019 im Piper-Verlag erschienen ist. ISBN 978-3-492-05561-1

Darüber hinaus habe Arendt die USA, wo sie ab 1941 lebte, als Europäerin erfahren und auch dort Stellung zu allen aktuellen Themen wie Rassismus und Studentenbewegung bezogen.

«Der Gottesbegriff steht überhaupt nicht im Zentrum.»

Kugelmann sagt von sich, er sei kein praktizierender Jude im religiösen Sinne. Dennoch empfinde er eine starke jüdische Identität, die er als eine «kulturelle und geistige» definiert, die das Denken in seinem Alltag stark präge. Das Judentum, sagt er sogar, sei «per se eine agnostische Idee: Der Gottesbegriff steht überhaupt nicht im Zentrum.»

Vielfalt im Judentum

Das Judentum komme «ohne Gott und Götter» aus und sei eine sehr «weltliche, diesseitige und alltagsbezogene» Religion, meint Kugelmann, fügt aber diplomatisch hinzu: «Gläubige Juden sehen das anders.» Soweit er wisse, sei auch Arendt Atheistin gewesen: «Ich glaube nicht, dass ihr dieses Thema wichtig war.»

Das heisst jedoch nicht, dass Kugelmann keine religiösen Schriften liest. «Ich kenne den Talmud und die meisten Quellentexte. Aber es sind für mich keine religiösen Schriften.»

Keine schriftliche Verfassung

Ihn erinnere die Diskussion und Auslegung der jüdischen Gesetzesschriften eher an eine «angelsächsische Verfassungsdebatte»: Bekanntlich kennt das Vereinigte Königreich keine schriftliche Verfassung, sondern leitet verfassungsmässige Rechte aus vielen historischen Schriftstücken ab.

Dialektik sei die Basis des Judentums, folgert Kugelmann: «Die jüdische Tradition stellt permanent alles in Frage.» So hätten Juden in der Vergangenheit oft den Journalismus moderner Prägung gewählt: «Das taten schon Heinrich Heine, Ludwig Börne und letztlich auch Hannah Arendt.»

*«Reisaus»

Corona macht vielen Menschen einen Strich durch die Ferienplanung. Wer den Urlaub im nahen Ausland oder eben in der Schweiz nicht antreten möchte oder kann, erholt sich vielleicht auf Balkonien, im Schrebergarten oder an einem schattigen Plätzchen in der Natur. Bei vielen mit dabei: ein Buch! Eine unvergleichliche Möglichkeit, ferne Länder zu bereisen oder neue Welten zu entdecken, weitab von Schutzmaskenpflicht und Quarantäne-Auflagen. «Mit welchem Buch tauchen Sie ab? Welches Buch nimmt Sie mit auf eine mentale Reise?» – kath.ch antwortet auf diese Fragen mit der Sommerserie 2020.

Yves Kugelmann | © Boris Burkhardt
31. August 2020 | 16:07
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Yves Kugelmann

Yves Kugelmann wurde 1971 in Basel in eine jüdische Familie geboren. Bereits während der Schulzeit schrieb er für jüdische Zeitschriften und für verschiedene Tageszeitungen. Er war aktiv in der jüdischen Erziehungsarbeit und kam in diesem Zusammenhang schon früh auf den Spuren der jüdischen Geschichte in Europa in Ostblockländer wie Polen und die Tschechoslowakei.

1996 holte ihn die «Jüdische Rundschau» in die Redaktion, deren Leitung er schon 1998 übernahm. Diese Zeit bis 2001 sei eine sehr intensive für ihn als jüdischer Journalist gewesen, als eine heftige Debatte getobt habe über die nachrichtenlosen Holocaust-Vermögen. «Wir versuchten, unparteiisch zu recherchieren, und legten uns mit allen an: den Schweizer Banken, der Regierung und den jüdischen Verbänden», erinnert er sich.

2001 wurde er Chefredaktor des jüdischen Wochenmagazins «Tachles», das von der Gruppe «Jüdische Medien AG» in Zürich herausgegeben wird. Diese publiziert auch das welsche Pendant «Revue Juive» und seit 2004 das Monatsmagazin «Aufbau». 2008 übernahm Kugelmann den Verlag selbst.

Er ist Mitglied in den Stiftungsräten des Anne-Frank-Fonds in Basel und der Kurt-Imhof-Stiftung der Universität Zürich, die das Jahrbuch Qualität der Schweizer Medien publiziert, ausserdem Mitglied der Stiftungen Project Aladdin und Global Hope Coalition. 2010 gründete er die Stiftung für Gesellschaft, Kultur und Presse, Schweiz, deren Stiftungsrat er präsidiert. (bob)