Eingebrannt KZ-Nummer
Schweiz

Holocaust-Vermittlung: Lehrer sollen Vorbild sein

Ein Webinar zur Holocaust-Vermittlung just zum Holocaust-Gedenktag: Das soll Lehrerinnen und Lehrer sensibilisieren. Das Thema sei an den Schulen zu wenig verankert, sagt die Dozentin und Historikerin Sabina Brändli.

Regula Pfeifer

Sie leiten am 27. Januar ein Webinar für Studierende und Lehrpersonen zum Holocaust. Weshalb?

Sabina Brändli, Historikerin und Dozentin an der Pädagogischen Hochschule Zürich
Sabina Brändli, Historikerin und Dozentin an der Pädagogischen Hochschule Zürich

Sabina Brändli: Wir haben den Holocaust-Gedenktag für das Webinar gewählt, das wir gemeinsam mit dem Schweizerischen Nationalmuseum anbieten. Die Erinnerung an den Holocaust ist in den Schulen noch zu wenig verankert. Dies, obwohl sich die Erziehungsdirektorenkonferenz 2003 dafür ausgesprochen hat, einen «Tag des Gedenkens an den Holocaust und der Verhütung von Verbrechen gegen die Menschlichkeit» an den Schweizer Schulen stattfinden zu lassen.

Da werden Sie von der Pädagogischen Hochschule Zürich aktiv…

Brändli: Ja, das ist nicht unsere erste Veranstaltung zum Thema Holocaust. Seit 2003 hat unsere Hochschule immer wieder Anlässe dazu durchgeführt.

«Die Jugendlichen werden auch durch Holocaust-Bildern in Filmen und Games geprägt»

Worum geht es diesmal?

Brändli: Unsere aktuellen Webinare behandeln die Frage: Wie werden Jugendliche im Zeitalter der Digitalisierung an den Holocaust erinnert? Die Jungen von heute erfahren nicht nur über die Schule von diesem dunklen Kapitel der Geschichte.

Der Judenstern
Der Judenstern

Sie werden auch durch Bilder geprägt, die in populären Filmen und in Games verbreitet werden. Wir haben in den ersten beiden Webinaren diesen Januar versucht zu ergründen, wie viel Fakten, Fiktionen und Fakes in Filmen und Games stecken.

Was ist Fiktion, was Wahrheit in Filmen und Games?

Brändli: Das ist in jedem Film und Game ein anderer Mix. Bereits in der Volksschule sollen Jugendliche darüber nachdenken lernen, auf welchen Belegen populäre Darstellungen von Geschichte beruhen und ob diese Informationen verlässlich sind.

«Zum Gedenktag wollten wir hin zu den Fakten gehen.»

Heute geht’s um einen Museumsbesuch mit Jugendlichen.

Brändli: Ja, zum offiziellen Gedenktag vom 27. Januar wollten wir weg von der Fiktion und hin zu den Fakten gehen. Ein Museumsbesuch eignet sich gut dafür. Virtuell wurde er aufgrund der pandemiebedingten Museumsschliessung. Sonst würde der Anlass im Museum stattfinden.

«Das Herzstück im Landesmuseum sind vier Videos mit Zeitzeugen.»

Was für Fakten zeigt das Museum?

Brändli: Das Herzstück der Holocaust-Erinnerung im Landesmuseum sind vier etwa zehnminütige Videos von Zeitzeugen. Diese hat die Gamaraal-Stiftung für Holocaust-Überlebende zur Verfügung gestellt.

Trauer über das Vergangene
Trauer über das Vergangene

Daneben sind weitere Objekte und insbesondere Fotos von Helferinnen und Helfern der verfolgten Jüdinnen und Juden zu sehen. Im Webinar zeigen wir, wie Lehrerinnen und Lehrer mit Hilfe solcher Ausstellungsstücke die Erinnerung an den Holocaust wachhalten können – sei dies im Museum, sobald es wieder geöffnet ist, sei es in digitaler Form mit Fotos und Filmen.

«Viele Zeitzeugen sind verstorben.»

Wäre es nicht besser, Zeitzeugen live zu erleben?

Brändli: Natürlich. In früheren Jahren haben sich Holocaust-Überlebende tatsächlich stark engagiert in den Schulen. Sie legten Zeugnis ab von ihrer Verfolgung. Inzwischen sind viele verstorben und andere hochbetagt. Aufgrund der Pandemie sind direkte Begegnungen auch mit jüngeren Zeitzeugen, die als Kind überlebt haben, nicht möglich. Das ergibt eine neue Situation: Die Videos bekommen dadurch eine noch grössere Bedeutung.

Vier Zeitzeugen sind nicht viel…

Brändli: Weitere für den Unterricht geeignete Videos von Zeitzeugen sind auf Webseiten wie derjenigen der Gamaraal-Stiftung zu finden. Darauf machen wir die Lehrpersonen aufmerksam. Sie können solche Online-Angebote mit den Schulklassen zusammen anschauen.

Welche Rolle haben die Lehrer bei der Holocaust-Vermittlung?

Brändli: Sie haben wie erwähnt den Auftrag, am 27. Januar daran zu erinnern. Zudem ist das Thema wichtig im regulären Unterricht in Geschichte und weiteren Fächern wie beispielsweise Religionen, Kulturen, Ethik.

«Aktuelle Medienberichte sind besorgniserregend.»

Die Holocaust-Erinnerung hat ein Ziel: Nie wieder. Doch wie steht es um Antisemitismus in der Schule?

Brändli: Aktuelle Medienberichte sind besorgniserregend. Eine Schülerin wurde in einem Dorf wegen ihrer jüdischen Herkunft zum Mobbingopfer. Ähnlich erging es einem Soldaten im Militär. Beide erlebten traumatische Erfahrungen. Die Täter hingegen schätzten ihr Verhalten als harmlos ein. Und dann der Zoom-Angriff auf einen von der Jüdischen Liberalen Gemeinde organisierten Anlass, da zeigt sich Gewaltbereitschaft…

Reden Sie darüber in Ihren Seminaren?

Brändli: Ja, wir nehmen Bezug darauf. Ich kann aber nicht beurteilen, wie oft so etwas in der Schweiz oder im Kanton Zürich vorkommt. International wird ein Erstarken des Antisemitismus registriert. Darauf haben die Unesco und die OSZE im letzten November mit einer Kampagne reagiert.

Was will diese Kampagne?

Brändli: Die Kampagne klärt auf, wie Lehrer und Schulleitungen dem Antisemitismus begegnen können. Dazu gibt es Handbücher und Empfehlungen für die verschiedenen Schulstufen und beteiligten Akteure.

«Lehrer sollen bei Antisemitismus genau hinschauen.»

Wie sollen Lehrerinnen und Lehrer denn auf Antisemitismus reagieren?

Brändli: Sie sollen genau hinschauen und nachfragen, um die Situation einzuschätzen. Handelt es sich um manifesten Antisemitismus aus ideologischer Verblendung? Oder ist es eher ein provokatives Nachplappern von Gehörtem? Oder ist es Mobbing? Je nachdem ist ein anderes Vorgehen notwendig. Nur zu disziplinieren ist hier meist nicht das richtige Vorgehen.

Was denn?

Brändli: Die Lehrpersonen sollten sich bewusst sein: Sie sind Vorbilder. Also sollten sie Zivilcourage zeigen. Sie müssen eingreifen, wenn sie feststellen, dass einzelne ihrer Schützlinge angegriffen werden. Stehen sie mit Taten für ein menschenrechtsgerechtes Verhalten ein, wirkt das auf alle Schüler – auf mögliche Täter, Opfer und Mitwisser…

Was für einen Bezug haben Sie zur Holocaust-Vermittlung?

Brändli: Als Historikerin und Dozentin für Geschichte und ihre Vermittlung beschäftigt mich das Thema seit vielen Jahren. Zudem bin ich seit zwei Jahren Schweizer Delegierte in der Arbeitsgruppe zur Bildung (Education Working Group) der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA).

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Die Organisation engagiert sich für die Holocaust-Erinnerung. Sie hat vor kurzem neue Empfehlungen für das Lehren und das Lernen über den Holocaust herausgegeben. Diese stellen wir den Lehrpersonen an den Webinaren vor.

Eingebrannt KZ-Nummer | © Gamaraal Foundation
27. Januar 2021 | 11:34
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