Davos im Winter
Schweiz

Jüdische Gäste dürfen an Davoser Bergstation keine Sportgeräte mehr ausleihen

Ein Aushang in der Davoser Bergstation Pischa sorgt für Aufregung: Jüdische Wintersportgäste dürfen keine Sportgeräte mehr mieten. Die GRA Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus betrachtet diesen Vorfall als «hochproblematisch» und eindeutig «antisemitisch». Der Davoser Pfarrer Kurt Susak versichert, dass in Davos grundsätzlich ein weltoffenes Klima herrsche.

Wolfgang Holz

Wie «20 Minuten» berichtet, sorgt ein Aushang an der Davoser Bergstation Pischa für grosse Irritationen bei jüdischen Touristinnen und Touristen. In dem auf Hebräisch verfassten Schreiben, das an der Glastür des Sportgeräteverleihs hängt, ist jüdischen Wintersportgästen mitgeteilt worden, dass sie weder Schlitten noch andere Sportgeräte ausleihen dürfen. Das Bergrestaurant Pischa rechtfertigt die Entscheidung mit negativen Erfahrungen und fehlendem Respekt gegenüber den Regeln.

«Vorfall ist antisemitisch»

Auf dem Schild steht übersetzt: «Aufgrund diverser trauriger Vorfälle, darunter auch der Diebstahl eines Schlittens, vermieten wir keine Sportgeräte mehr an unsere jüdischen Brüder. Das gilt für alle Geräte wie Schlitten, Airboards, Skibockerl und Schneeschuhe. Vielen Dank für Ihr Verständnis.» Jüdische Gäste, welche dieses Verbotsschreiben gesehen haben, fühlen sich wegen ihrer Religion «diskriminiert» und «tieftraurig», wie sie gegenüber «20 Minuten» sagen.

Die Menora ist ein Symbol fürs Judentum.
Die Menora ist ein Symbol fürs Judentum.

Der Schweizerische Israelitische Gemeindebund (SIG) verurteilt den Vorfall als antisemitisch und prüft weitere Schritte. «Dass so ein Schreiben auf einem Schweizer Berg öffentlich aufgehängt wird, ist erschreckend. Der Inhalt ist höchst diskriminierend und antisemitisch», wird Generalsekretär Jonathan Kreutner zitiert. Auch wenn das Unternehmen vereinzelte, schlechte Erfahrungen gemacht haben sollte, sei das kein Grund dafür, diese zu pauschalisieren.  

Manche Geräte gar nicht mehr zurückgebracht

Das Bergrestaurant selbst präzisiert in einem schriftlichen Statement seine Entscheidung: Man mache regelmässig die Erfahrungen, dass jüdische Gäste Schlitten und andere Geräte auf der Piste stehen liessen. «Wir müssen dann die Schlitten wieder einsammeln, sofern sie noch zu finden sind.» Manche Schlitten und Airboards würden gar nicht mehr oder defekt zurückgebracht werden. Das Verbot habe nichts mit Glauben, Hautfarbe oder persönlichen Neigungen zu tun. 

«Unglücklich formuliert»

Tourismusdirektor Reto Branschi, CEO der Destination Davos Klosters, distanziert sich laut «20 Minuten» vom Aushang in der Bergstation. Dieser sei «unglücklich formuliert». Und weiter: «Der Aushang kann die Gefühle der jüdischen Gästegruppe insgesamt verletzten, und das soll so nicht sein», wird er zitiert. Die Orte Davos und Klosters stünden allen Gästen offen. Andererseits mahnte Branschi letzten August in einer Lokalzeitung das konkrete Fehlverhalten eines Teils der orthodoxen Gäste an. Dabei soll es um liegengebliebenen Abfall gegangen sein.

Pfarrer und Dekan Kurt Benedikt Susak in Davos
Pfarrer und Dekan Kurt Benedikt Susak in Davos

Der Davoser Pfarrer und Dekan Kurt Susak hat auch von den Irritationen erfahren und sich seine Gedanken dazu gemacht. «Das ist keine gute Sache. In Davos gab es die letzte Zeit immer wieder irritierende Situationen. Die Lage sollte sich wieder entspannen», sagt er. «Dass es im Miteinander von Einheimischen und Gästen zu vereinzelten Spannungen kommt, hängt offensichtlich damit zusammen, dass die Erwartungen eines Teils der Gäste mit den Erwartungen eines Teils der schweizerischen Gastronomen und Gastgeber zunehmend auseinanderklaffen.»

Probleme gründlicher analysieren

Die Davoser seien herzlich und weltoffen, so Susak. «Sie wollen eben aber auch, dass man gewisse Regeln des respektvollen Umgangs beachtet.» Er schlägt vor, die Einzelfälle gründlicher zu analysieren.

«Vielleicht liegt es einfach daran, dass einzelne Gäste zu wenig informiert sind. Es muss besser miteinander kommuniziert werden.» Und weiter sagt Susak: «Gerade aufgrund der aktuellen Lage ist es wichtig, dass wir in Davos ein gutes Beispiel des Miteinanders geben und zeigen, dass kulturelle Offenheit gelingen kann. In Davos sind alle herzlich willkommen!»

Die GRA Stiftung für Menschenrechte, die sich gegen Rassismus und Antisemitismus für die Menschenrechte und die Erhaltung der Demokratie schweizerischer Prägung einsetzt, verurteilt in einer Medienmitteilung das Verhalten des Davoser Bergrestaurants als «schwere antisemitische Diskriminierung».

«Spannungen nicht zum ersten Mal»

«Leider markiert dieser Vorfall nicht das erste Mal, dass Spannungen zwischen der lokalen Bevölkerung in Davos und den teils orthodox-jüdischen Touristinnen und Touristen auftreten», kritisiert Geschäftsleiter Philipp Bessermann.

Plakat der GRA, Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus
Plakat der GRA, Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus

Im vergangenen Jahr sei ein Schlichtungsprojekt des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes (SIG) einseitig vom lokalen Tourismusdirektor gestoppt worden, was die Problematik weiter verschärfte. «Die bisherigen Dialogversuche sind demnach gescheitert.»

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Depot oder Ausweis hinterlegen

«Man könnte ja allgemeine Regeln implementieren, die das Problem angehen, ohne eine bestimmte Gruppe zu diskriminieren», so Bessermann. Im Fall von Davos könnte beispielsweise die Einführung eines Depots oder die Hinterlegung eines Ausweises als Sicherheitsmassnahme dienen. Dies würde potenziellen Missbrauch verhindern, ohne eine Gruppe von Menschen auszuschliessen.


Davos im Winter | © Stefan Schlumpf / Switzerland Tourism
12. Februar 2024 | 15:30
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