Volker Reinhardt
Schweiz

Historiker: Benedikt XVI. «im oberen Mittelfeld» der Päpste

Benedikts Amtszeit wird bedeutender sein als die seines Nachfolgers Franziskus. Das sagt der Historiker Volker Reinhardt, der an der Universität Freiburg (Schweiz) lehrt. Reinhardt weist auf die konsequente Haltung von Benedikt XVI. hin. «Einen allgemeinen Beifall darf kein Papst bekommen.»

Das Pontifikat Benedikts XVI. lässt sich aus Sicht des Historikers Volker Reinhardt «im oberen Mittelfeld» in der Geschichte der Päpste einordnen. «Er hat die Kirche nicht revolutioniert, aber Akzente gesetzt», sagt der in der Schweiz lehrende Geschichtswissenschaftler im Interview der «Zeit»-Beilage «Christ und Welt» (Donnerstag). Zwar schränkt Reinhardt ein, dass es noch zu früh für ein endgültiges Urteil sei. Allerdings gehe er persönlich davon aus, dass Benedikts Amtszeit bedeutender sein werde als die seines Nachfolgers Franziskus.

Theologenpapst

Benedikt sei ein «Theologenpapst» gewesen, so Reinhardt weiter. Das unterscheide ihn von den meisten anderen Päpsten der Neuzeit, die eher Juristen und weniger theologisch gebildet gewesen seien. Er habe versucht «die Kirche an die Tradition zurückzubinden», erklärt der Historiker. «Er wollte deutlich machen, dass die katholische Religion mehr ist als ein Lippenbekenntnis, auch mehr als ein sonntäglicher Gottesdienstbesuch.» Dafür habe er eine konsequente Haltung vertreten, und sich auch gegen den Zeitgeist gewandt. «Einen allgemeinen Beifall darf kein Papst bekommen», betont Reinhardt.

«Kein Papst zum Anfassen»

Letztlich ist Benedikt laut Reinhardt aber daran gescheitert, seine Haltung einer breiten Öffentlichkeit zu vermitteln. Dazu habe ihm auch die mediale Präsenz gefehlt. «Benedikt XVI. war kein Papst zum Anfassen, er setzte auf eine Distanz, die historisch zum Selbstverständnis des Papsttums gehört», urteilt der Historiker. Das tue der Bedeutung des Pontifikats aber keinen Abbruch: «In einer Kirche, die sich auf Märtyrer beruft, kann Scheitern der höchste Triumph sein.»

Kräfte verschliessen im Kampf gegen Zeitgeist

Dementsprechend bewertet Reinhardt auch den Rücktritt Benedikts im Jahr 2013 als markantesten Punkt des Pontifikats. «Er hatte wohl das Gefühl, seine Kräfte verschlissen zu haben im Kampf gegen den Zeitgeist. Andere sollten diese Schlacht fortsetzen – so würde ich das gewagt interpretieren.» (kna)


Volker Reinhardt | © Keystone
4. Januar 2023 | 14:37
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