Der Bahnhof Stadelhofen in Zürich ist ein Entwurf des weltberühmten Architekten Santiago Calatrava.
Schweiz

Hat auch in der Schweiz legendäre Bauten realisiert: Spanischer Star-Architekt Santiago Calatrava wird 75

Wohl keiner baut Bahnhöfe wie Santiago Calatrava. Auch seine Brücken gehen buchstäblich um die Welt. Sogar eine prominente orthodoxe Kirche hat er gebaut. Alles freilich ist Spaniens Star-Architekt, der sein Büro in Zürich hat, nicht gelungen.

Alexander Brüggemann

(KNA) Die Zahl jener Architekten ist recht klein geworden, bei denen man auf den ersten Blick sagen kann: Das ist doch von XY! Bei Santiago Calatrava funktioniert es zumeist, egal ob in Sevilla, New York, Jerusalem. Oder in Zürich und Luzern. Der spanisch-schweizerische Star-Architekt, der sich auf futuristische Brücken und Bahnhöfe spezialisiert hat, wird am Dienstag (28. Juli) 75 Jahre alt.

Spross eines spanischen Adelsgeschlechts

Dafür, dass seine Werke inzwischen buchstäblich weltweit zu finden sind, verlief Calatravas Jugend regional zunächst noch recht überschaubar. Geboren 1951 in Valencia als Spross eines spanischen Adelsgeschlechts, ging er dort auch zur Schule, studierte dort Architektur und Urbanistik. Zum Weiterstudium und zur Promotion als Bauingenieur (1981) ging es dann 1975 in die große weite Welt hinaus, nach Zürich.

Der Bahnhof Gare de Mons, entworfen vom Architekten Santiago Calatrava, am 30. Mai 2026 in Mons (Belgien).
Der Bahnhof Gare de Mons, entworfen vom Architekten Santiago Calatrava, am 30. Mai 2026 in Mons (Belgien).

In der Schweizer Bankenmetropole eröffnete Calatrava 1980 sein erstes Büro; 1989 folgte ein weiteres in Paris. Mit der EXPO 1992 in Sevilla und einer bautechnischen Meisterleistung gelang Calatrava endgültig der Durchbruch als Architekt. Die strahlend weiße Alamillo-Schrägseilbrücke über den Fluss Guadalquivir ist bis heute ein Hingucker – besitzt sie doch bei einer Höhe von 142 Metern nur eine Verankerung in eine Richtung. Der schräge Pylon vermittelt den Eindruck, als hieve jemand die Last wie mit einem Fischernetz.

Zürich als Heimspiel: Bahnhof Stadelhofen

In Zürich entstand parallel das zweite künftige Standbein: Für den Umbau des historischen S-Bahnhofs Stadelhofen am Zürichsee entwarf Calatrava eine moderne Überdachung aus Beton und Stahl (1983-1990), für die die Rippen eines Stiers als Vorbild dienten. 2025 dann wurde direkt am Bahnhof sein Neubau des «Hauses zum Falken» fertiggestellt; ein schiffsähnliches mondänes Nutzgebäude mit Gewerbeflächen, Büroräumen und einer Fahrradgarage mit etwa 800 Stellplätzen. Dafür musste 2016 ein barockes, eigentlich denkmalgeschütztes Landhaus weichen.

Der Luzerner Bahnhof stammt von Santiago Calatrava
Der Luzerner Bahnhof stammt von Santiago Calatrava

Brücken und Bahnhöfe – so ging es weiter: am Flughafen Lyon (1989-1994), in Lissabon (1998), in Jerusalem. Im Juni 2008 wurde dort die Chords Bridge eingeweiht, eine mit Glas verkleidete Fussgängerbrücke von 118 Metern Höhe und 360 Meter Länge zum zentralen Busbahnhof und der Jerusalemer Stadtbahn. Nicht zu vergessen den neuen Luzerner Bahnhof.

Vielbeachtet auch Calatravas 2009 in Betrieb genommener TGV-Bahnhof Liège-Guillemins in Lüttich. Für mehr als 300 Millionen Euro und mit 10’000 Tonnen Stahl entstand hier ein 200 Meter langer auf- und abschwingender Bogen von bis zu 40 Meter Höhe als Dach. Und im belgischen Mons (Bergen) zum Europäischen Kulturhauptstadtjahr 2016 noch ein weiterer Bahnhof – dessen Eingangsbereich aussieht wie das Untertassensegment des Raumschiffs Enterprise.

Höher, schneller, weiter

Calatrava expandierte; höher, schneller, weiter, so schien das immerwährende Motto. Eine Krönung des Ruhms: zwei benachbarte Grossbaustellen am Ground Zero, dem emblematischen Ort der Terroranschläge in New York vom 11. September 2001. Nicht nur, dass Calatrava den Zuschlag für das World Trade Center Transportation Hub erhielt, den gigantischen Umsteigebahnhof mit hochmondäner Einkaufsmeile als Verkehrsknotenpunkt am Ground Zero. Er durfte auch den Neubau der am 11. September zerstörten griechisch-orthodoxen Nikolaus-Kirche planen.

Der Bahnhof Gare de Mons, entworfen vom Architekten Santiago Calatrava, am 30. Mai 2026 in Mons (Belgien).
Der Bahnhof Gare de Mons, entworfen vom Architekten Santiago Calatrava, am 30. Mai 2026 in Mons (Belgien).

Die einst kleine Einwanderkirche im schäbigen Hafenviertel war im Jahrhundert seit seiner Entstehung Teil des wichtigsten Finanzzentrums der Welt geworden. Calatravas Neubau, Ende 2022 geweiht, nahm Elemente des byzantinischen Kirchbaus auf und schuf in dem ihm eigenen Stil einen milchig-durchschimmernden Zentralkuppelbau mit vier Ecktürmen, der in der Dunkelheit wirkt wie eine festlich leuchtende Torte. Die Gebäudehaut legte Calatrava in insgesamt 40 Falten, die auf die 40 Fenster der Kuppel der Hagia Sophia in Istanbul verweisen.

Milliarden für den Umstieg am Ground Zero

Was klingt wie eine makellos reine und stets strahlend weisse Bilanz, hat zuletzt doch ein paar Risse und Knicke bekommen. Die Rechnungen von rund vier Milliarden Dollar, die für das WTC Transportation Hub mit seinem oberirdischen Empfangsgebäude «Oculus» anfielen, hatten wohl viel Haareraufen zur Folge. Der weisse, an einen Vogel erinnernde Bau mit seiner lichtdurchfluteten, kathedralenartigen Haupthalle hat damit doppelt so viel gekostet wie ohnehin schon geplant.

Calatrava wurde zum Sündenbock – obwohl Fachleute dem Meister bescheinigen, vor allem konkrete technische Herausforderungen vor Ort hätten die Kosten derart explodieren lassen; der Architekten-Anteil von zehn Prozent an den Gesamtkosten für ein so komplexes Grossprojekt sei nicht exorbitant. Sei es, wie es sei: Calatrava erhielt seither keine Aufträge mehr aus den USA.

Auch beim Heimspiel in Zürich-Stadelhofen gab es eine Niederlage. Hatte sein Büro 2016 noch eine Studie zu einer möglichen Erweiterung des Bahnhofs vorgelegt, wurde das Ausbauprojekt dann jedoch 2018 breit ausgeschrieben. Calatrava klagte dagegen, da die Vorgaben der Ausschreibung einen «unweigerlich entstellenden Charakter» für seine Arbeiten der 80er Jahre hätten. Erst 2019/20 gab er seinen Widerstand auf.

Ein paar Dachschäden in Spanien

Und in seinem Heimatland Spanien schließlich gab es gleich mehrere Klagen und Beschwerden wegen mangelhafter Statik. Im Kongresspalast in Oviedo stürzten 2006 Teile des Daches ein; ein Gericht stellte konzeptionelle Mängel fest und verhängte eine Millionenstrafe. Am futuristischen Opernhaus seiner Heimatstadt Valencia drang nach der Fertigstellung Wasser ein und verformte die Aussenhülle.

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Und bei Calatravas Fussgängerbrücke in Bilbao musste mit einem Gummibelag nachgebessert werden, nachdem zahlreiche Passanten bei Nässe auf dem durchsichtigen Glasboden ausgeglitten waren. Bleibt als Fazit zum 75.: eine glänzende Karriere, wenn auch nicht ohne Ausrutscher.


Der Bahnhof Stadelhofen in Zürich ist ein Entwurf des weltberühmten Architekten Santiago Calatrava. | © Noah Santer, Schweizer Heimatschutz
26. Juli 2026 | 09:00
Lesezeit : ca. 3  Min.
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