Schweiz

Hans Küng – Menschen aus Sursee erinnern sich an einen der ihren

Kirchenkritiker, Ketzer, Jahrhundertfigur. All das war der am Dienstag verstorbene Theologe Hans Küng. Und für viele Leute auch einfach ein Surseer. Kath.ch hat sich auf Spurensuche nach ihm im luzernischen Städtchen Sursee gemacht.

Vera Rüttimann

In der Pfarrkirche St. Georg in Sursee ist es an diesem Mittwoch um 10 Uhr sehr still. Im Gottesdienst läutet das Totengeläut fünf Minuten lang. Zum Gedenken an Hans Küng. Am Altar stehend schweigend Josef Mahnig, leitender Priester im Pastoralraum Region Sursee, der Kaplan Gerold Beck und Thomas Müller, Vierherr von Sursee. Sie alle wissen: In dieser Kirche wurde Hans Küng getauft, hier hat er Erstkommunion gefeiert und wurde gefirmt. Hier feierte er auch seine Primiz.

Eine Frau steht vor dem Blumengesteck für Hans Küng vor dem Altar in der Kirche.

Unter den fast 50 Leuten in der Kirche befindet sich auch Hans Ambühl. Er ist  Mitglied im Stiftungsrat der Stiftung Weltethos Schweiz. «Hans Küng war für mich von Kindesbeinen an ein Begriff», sagt er beim Verlassen der Kirche. Wenn er jeweils mit seinen Eltern zum Neujahrsgottesdienst hierhergekommen sei und Küng predigte, habe man früh aufstehen müssen. Hans Ambühl betont: «Von Küngs Predigten hat man sich immer etwas versprochen.»

Hans Ambühl, Mitglied im Stiftungsrat der Stiftung Weltethos Schweiz, hat den Gottesdienst mitgefeiert.

Vielfältige Erinnerungen

Im Pfarrhaus gegenüber der Kirche hat sich im Sitzungszimmer eine kleine Runde von Menschen aus Sursee versammelt. Sie reden darüber, was ihnen Hans Küng bedeutet hat. Anton Kaufmann kennt den Theologen schon von Kindesbeinen an. Sein Bezug zu ihm ist familiärer Natur: Sein Onkel Franz Xaver Kaufmann war Stadtpfarrer von Sursee und der geistliche Vater von Hans Küng. «Die beiden hatten eine sehr enge Beziehung. Auch geprägt durch die gemeinsame Zeit in der Jungwacht», weiss er. Oftmals war er dabei, wenn Hans Küng am Pfarrhaustisch von seinen Reisen oder seinen Erlebnissen als Professor erzählte.

Eine Runde von Personen aus Sursee tauscht sich nach dem Gottesdienst darüber aus, was ihnen Hans Küng bedeutet hat.

Hans Küng sei unbequem gewesen. «Vielen wäre es recht gewesen, wenn er aus der Kirche ausgetreten wäre. Aber diese Kirche ist es ihm Wert gewesen», sagt Anton Kaufmann. Für ihn sei Küng ein Vorbild gewesen, wie man durch das Leben gehen sollte: «Klar, konsequent und offen für andere.»

In der Gesprächsrunde am Tisch meldet sich auch Josef Mahnig zu Wort. Er kam mit Hans Küng im Gymasium erstmals auf Tuchfühlung. Konkret mit dem Buch «Was ist Kirche?», das er mitgebracht hat. Hans Küng sei für ihn stets ein Hoffnungsträger gewesen. Er habe sich immer gesagt: «Wenn du in dieser Kirche bleiben kannst, dann kann ich es auch.» Als 1979 Hans Küng die Lehrerlaubnis entzogen wurde, habe ihn das persönlich sehr getroffen. «Es gab in meiner Predigt daraufhin von mir ein ziemliches Donnerwetter darüber», erinnert er sich.

Josef Mahnig zeigt das Buch, durch das er mit Hans Küng in Berührung kam.

Mit am Tisch sitzt auch Sabine Beck-Pflugshaupt. Die Stadtpräsidentin von Sursee ist die Jüngste in der Runde. Sie persönlich hat Hans Küng nur einmal kurz getroffen. «Die Verbundenheit der Surseer mit Hans Küng war stets spürbar und präsent», sagt sie. «Seine unglaubliche Schaffenskraft und sein wertvolles Wirken für Ethik und Weltfrieden haben in Sursee prägende Spuren hinterlassen.»  Hans Küng sei ein Mensch, der mit Klarheit und Rückgrat für seine Überzeugungen und Werte eingestanden habe. «Wir werden den Ehrenbürger der Stadt Sursee in wertschätzender Erinnerung behalten», betont die Stadtpräsidentin.

Egal, mit wem man an diesem Tag über Hans Küng spricht, für die meisten war er auch als Typ eine Erscheinung. Ein drahtiger Mann mit festem Händedruck und offenem Blick. Das von Lachfalten durchzogene Gesicht meist sonnengebräunt.

Sabine Beck, Stadtpräsidentin von Sursee

Eine gesellige Familie

Eine Gehminute von Pfarrhaus und Kirche entfernt liegt Hans Küngs Elternhaus, das Schuhhaus Küng. Viele Jahre wurde es von seinen Eltern geführt. Noch immer werden hier Schuhe verkauft. Und noch heute prangt gross der Schriftzug «Küng» über dem Eingang des Geschäftes. Im ersten Stock war Hans Küngs Zimmer. An der Aussenmauer ist eine grosse Muttergottes angebracht.

Im Elternhaus von Hans Küng werden noch heute Schuhe verkauft.

Gerold Beck war mit Hans Küng in der Jungwacht. Der Kaplan kennt nicht nur die Kirche, sondern auch dieses Schuhhaus von Kindesbeinen an.  Dass Hans Küng in Sursee so tief verankert sei, habe ganz klar mit diesem Ort zu tun. Und mit dem Leben, was in und um ihm stattgefunden habe. «Das Schuhgeschäft Küng hatte eine grosse Ausstrahlung», betont Beck.

Kaplan Gerold Beck war mit Hans Küng in der Jungwacht.

Hans sei in eine sehr gastfreundliche Familie hineingeboren. Sie war gesellig, auch sein Vater. «Wir nannten ihn den Küng-Pappe. Er war Fähnrich der Stadtmusik Sursee. Das war schon was», sagt Beck. Der Priester erinnert sich an einen liebenswürdigen und emotionalen Menschen, mit dem man es «lustig» haben konnte. Die ganze Familie Küng sei jeweils an der Fasnacht verkleidet durch die Strassen von Sursee gezogen. Inklusive Hans. «Die wurden alle getragen und geprägt durch diesen Genius loci», sagt Gerold Beck.

Das Haus am See

Das zweite Haus, das für Hans Küng in Sursee so wichtig war, liegt idyllisch gelegen direkt am Sempachersee. «Es war für ihn ein Kraftort», weiss Gerold Beck. Von seinem Pfarrhaus aus, das neben der Wallfahrtskapelle Mariazell steht, kann man es sehen. Ein Haus mit abgeschrägtem Dach, das Küng regelmässig im Sommer aufsuchte. 

Hans Ambühl weiss: «Eigentlich waren das seine Ferien, aber er war auch hier ein unglaublich produktiver Mensch.» Er habe eine extreme Energie, Arbeitskraft und Disziplin gehabt. «Sonst hätte er wohl all das in seinem Leben nicht erreichen können.» Auf Hans Ambühl machte Hans Küng stets einen sehr vitalen Eindruck, wenn er ihn hier besuchen konnte. Das kam nicht von ungefähr. Der Theologe hielt sich fit. «Er ging morgens in aller Herrgottsfrüh schwimmen, dann setzte er sich wieder an seinen Arbeitstisch», erzählt Ambühl. Um 17 Uhr sei er dann jeweils bereit gewesen, Leute zu treffen. Hans Ambühl sagt: «Oft hat Hans Küng hier grosse Gesellschaften zum Gespräch und geselligem Beisammensein empfangen.»

Idyllisch am Sempachersee gelegen: In dem Haus mit dem Schrägdach verbrachte Hans Küng manchen Heimaturlaub.

Hans Ambühl hat viele Erinnerungen, die ihn ihm hochsteigen, wenn er an die Begegnungen mit Hans Küng in dem Haus am See denkt. Darunter auch amüsante: «Als er den Apéritiv vorbereitete, fragte er mich: Nehmen Sie auch ein Piccolo? Ich brauche eine Weile um zu merken, dass das eine kleine Flasche Sekt deutscher Marke ist.» Eine solche habe er stets griffbereit für seine Gäste in seinem Kühlschrank stehen gehabt.

Wie sehr Hans Küng an seinem Haus am See hing, konnte Hans Ambühl bei seinem letzten Besuch in Tübingen vor zwei Jahren erfahren. Da hatte der Theologe schon Mühe, sich zu artikulieren. Er wies seine Pflegerin an, etwas zu holen. Sie kam zurück mit einer grossen, kartonierten Fotografie. Darauf war Sursee von oben zu sehen. Auch sein Haus am See war abgebildet. Er zeigte immer wieder freudig mit dem Finger darauf. Hans Ambühl erinnert sich: «Es war für mich sehr bewegend, mitzuerleben, wie wichtig es ihm war, dass er mir dieses Foto noch zeigen konnte.»

Der Weg, den Hans Küng oft ging unten am See

Stiller Spaziergänger

Auf einem der idyllischen Wege entlang des Sees, die Hans Küng wohl oft abgelaufen hat, ist an diesem frostigen Nachmittag ein älteres Ehepaar unterwegs. Es führt eine kleine Beiz am See und weiss, dass in Küngs Haus viele Leute ein und aus gingen. «Wir haben jeweils das Catering geliefert, wenn Hans Küng grosse Gesellschaften bei sich eingeladen hat», erzählt die Rentnerin.

Sie habe ihn oft hier entlang spazieren sehen. Vorbei an den vielen Birken und den Schilf- und Moorlandschaften. Meist allein, in sich versunken und mit hochgeschlagenem Mantelkragen.

Im Religionsunterricht präsent

Im Pfarrhaus oben gehen die Gespräche rund um Hans Küng an diesem Tag derweil weiter. Es geht auch um Fragen wie: Wie präsent sind seine Gedanken bei den jungen Theologen von heute? Josef Mahnig glaubt, dass seine Reformanliegen bei ihnen nicht mehr eine allzu grosse Rolle spielen. «Etliche Reformanliegen, die Hans Küng so lange umtrieben, sind für sie nicht mehr relevant», sagt er.

Die Türme in Sursee LU: links der Rathaus- und rechts der Kirchturm der Pfarrkirche St. Georg

Beim «Projekt Weltethos» sieht das für Hans Ambühl anders aus: «Die Suche nach gemeinsamen ethischen Standards, die alle Religionen verbindet, interessiert auch junge Leute heute.» Hans Küngs Gedanken dazu fänden zudem auch Eingang in den Schulunterricht im Fachbereich Ethik, Religionen, Gemeinschaft (ERG) im Lehrplan 21.

Hans-Küng-Gedächtnis-Pfad

Im Luzerner Städtchen will man seinem berühmtesten Sohn bald in besonderer Weise gedenken. Angedacht ist eine Art «Hans-Küng-Gedächtnis-Pfad» durch Sursee, der die Wirkungsorte und Gedankenwelt des grossen Theologen sichtbar machen soll. Hans Ambühl, der diese Idee unterstützt, sagt: «Wir wollen hier auch für spätere Generationen seine Spuren sichtbar machen.» Gut möglich, dass dann auch eine Info-Stele vor Hans Küngs Haus am See steht.


Hans Ambühl, Sabine Beck, Josef Mahnig und Toni Kaufmann (v.l.) aus Sursee kannten Hans Küng. | © Vera Rüttimann
8. April 2021 | 17:56
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