Endlich ewig
Eine Veranstaltung in der Paulusakademie Zürich erinnerte an den Transitus, wörtlich den Übergang des heiligen Franziskus vom irdischen in das himmlische Leben. Heuer jährt sich dieses Ereignis zum achthundertsten Mal. Der Heilige aus Assisi hatte seinen eigenen Übergang als Christusnachfolge gestaltet, dessen gedenken die franziskanischen Gemeinschaften bis heute. Was können wir zeitgenössischen Menschen davon lernen?
Francesco Papagni
Mit dem laufenden Jahr kommt ein grosser Franziskus-Gedenkzyklus zum Abschluss: 2023 Bestätigung der Regel, 2024 Stigmatisierung, 2025 Sonnengesang und 2026 Tod, der als Transitus, als Übergang erinnert wird. Dafür haben sich franziskanische Gemeinschaften mit der Paulusakademie Zürich zusammengetan.
Bardi-Tafel
Für den aktuellen Anlass haben die Organisatorinnen einen klugen Schachzug gemacht, sie haben nämlich ein Bild oder besser eine Bildtafel ins Zentrum gerückt. Das hat dem Ganzen lebendige Anschauung verliehen. Beim Gemälde handelt es sich um die sogenannte Bardi-Tafel, die in der Florentiner Kirche Santa Croce aufbewahrt wird.
Diese ist künstlerisch weniger spektakulär als die berühmten Giotto-Fresken in Assisi, dafür wurde sie unmittelbar nach dem Tod von Franziskus gemalt auf der Grundlage der ersten Biografhien des Heiligen. Als dann die «offizielle» Biographie von Bonaventura erschien, wurden diese verboten und zerstört. Seine frühe Entstehung macht dieses Kunstwerk unschätzbar wertvoll.
Ein mittelalterliches Tableau
Unterschätzen darf man die Bardi-Tafel auch künstlerisch nicht: Sie zeigt zwanzig Szenen aus dem Leben des heiligen Franziskus, die vielfältige Bezüge untereinander aufweisen. Im Gegenuhrzeigersinn gelesen erzählen sie seine Lebensgeschichte, gruppiert um das zentrale Bild des Heiligen.
Bruder Niklaus Kuster aus dem Kloster Rapperswil, der den ersten Teil der Veranstaltung zusammen mit Nadia Rudolf von Rohr von der Franziskanischen Gemeinschaft Morschach leitete, deutete die Bildtafel nach dem klassischen Modell Herkunft – Berufung – Auftrag.
Dabei korrespondieren jeweils die linke und die rechte Szene. In der Sterbeszene sieht man den heiligen Franziskus in horizontaler Stellung, über ihm seine Seele, die wie ein Kind in den Himmel steigt. In der Parallelszene das horizontale Jesuskind bei der Geburt. Auf beiden Tafeln dominiert die Farbe Rot, die für Christus steht. Der Transitus, so wie er vom Heiligen begriffen wurde, war eben nicht das Ende vielmehr ein Übergang – vom Diesseits ins Reich Gottes.
Eine mysteriöse Frau
Das Sterben des heiligen Franziskus beginnt im Bischofspalast von Assisi. Von diesem Ort lässt er sich jedoch wegbringen in die Portiuncula, jener Kirche, in die er seine Berufung erfahren und die er eigenhändig restauriert hatte. Dort will er auf dem Boden gebettet werden, gebettet auf Mutter Erde.
Die Gefährten singen den Sonnengesang für ihn. Interessanterweise kommt dieser in der Bardi-Tafel nicht vor: Vielleicht gab man zu seiner Zeit dem Sonnengesang nicht die Bedeutung, die er später gewonnen hat. Der Heilige feiert mit den Brüdern ein letztes Abendmahl. Mit dabei ist Jacoba oder Jakopa von Settesogli, eine Römerin adliger Herkunft und Freundin des heiligen Franziskus, die sich zum Armutsideal bekannte.
Es ist ein Brief des Heiligen erhalten, mit dem er nach ihr ruft und sie bittet, ihm ein bestimmtes Mandelgebäck zu bringen. Sterbende haben manchmal Gelüste. Der Überlieferung nach spürt sie sein irdisches Ende und kommt vor dem Erhalt des Briefes angereist. Von dieser Person wissen wir wenig, aber sie scheint mit Klara die wichtigste Frau in Leben des Poverello gewesen zu sein.
Sorella morte
Dann begrüsst der heilige Franz von Assisi den Tod als «sorella morte», Schwester Tod. In den romanischen Sprachen ist der Tod weiblich, etwa «la morte» auf italienisch, wurde aber männlich etwa als Gerippe dargestellt. Hier wird der Tod ganz anders gesehen, nicht als Feind sondern als Schwester.
Doch das darf nicht falsch verstanden werden: Franziskus bejaht das Leben, er sieht in der irdischen Existenz kein Jammertal, «ein totaler Kontrast zum Salve Regina» (Br. Niklaus Kuster). Aber wenn die Stunde gekommen ist, begrüsst er den Tod als Übergang. Diesen besingt er auch im Canticum Creaturarum, den wir im Deutschen Sonnengesang nennen, der aber eher Gesang der Geschöpfe heissen müsste. Er dankt Gott für den «leiblichen Tod, dem kein lebender Mensch entkommen kann». Und fügt hinzu: «Wehe denen, die mit Todsünden sterben».
Claudia Mennen, Leiterin Bildung und Kultur im Mattli, Morschach verwies auf die Parallele ars vivendi (Lebenskunst) – ars moriendi (Kunst des Sterbens). Für den mittelalterlichen Heiligen war dieser Zusammenhang selbstverständlich, während wir Heutigen das eine und das andere verloren zu haben scheinen.
Der Tod geschieht
Nach den nachmittäglichen Workshops folgte die Schlussrunde mit allen leitenden Personen, moderiert von Eugen Trost, Mitglied des franziskanischen Tauteams. Der Transitus sei ein intimer Moment, vielleicht der intimste überhaupt. Es gehe um Loslassen – Loslassen des Lebens, auch loslassen der eigenen Beziehungen. Giuseppe Corbino, Philosoph und Theologe aus Sursee bemerkte, es gehe vornehmlich darum, den letzten Lebensabschnitt zu gestalten und verwies auf die antiken Philosophen Seneca und Epikur. Daniel Burger-Müller, Palliativseelsorger aus Zürich, widersprach: Er erlebe oft, dass der Tod geschehe, er werde nicht gestaltet. Dies in Entsprechung zur Geburt.
Die antiken Vorbilder Epikur und Seneca werden in der mittelalterlichen Ethik nicht bzw. nur selektiv aufgenommen, denn Seneca etwa propagiert den Freitod, wenn man es nicht mehr aushalte. Man darf nicht vergessen, dass Seneca unter der Tyrannei des Kaisers Nero lebte, dessen Berater er war und der ihn dann zum Selbstmord nötigte. Die Lehren antiker Philosophen können nicht unmittelbar übertragen werden, das war schon dem Mittelalter bewusst.
Keine abzukürzenden Wege
Der Moderator wollte dem angenehmen Gespräch etwas mehr Schärfe verleihen und fragte unvermittelt, wie sich der heilige Franziskus wohl zur Sterbehilfe positioniert hätte. Die Frage ging zuerst an Bruder Niklaus Kuster. Franziskus hätte sich Sterbehilfe nicht vorstellen können, deswegen sei die Frage unbeantwortbar.
«Früher war die Lungenentzündung die gute Freundin der Betagten.»
Eugen Trost hakte nach. Sein Gebiet sei die Spiritualität, entgegnete der Franziskaner darauf. Dann äusserte sich Nadia Rudolf von Rohr: «Es gibt keine abzukürzenden Wege. Entweder jetzt oder später komme ich nicht darum herum, offenbar zu werden. Ich werde versuchen, mich als Schwester zu erweisen». Allgemeiner Applaus im Saal. Haben die Anwesenden dieses Votum als Bejahung der Sterbehilfe verstanden? Die Aussage lässt sich auch gegenteilig deuten. Möglicherweise war der Beifall einfach eine Anerkennung für diese wohlüberlegte Antwort.
Die Runde schien sich darauf zu verständigen, dass die moderne Apparatemedizin Fluch und Segen zugleich sei. Die Baldegger Schwester Beatrice Kohler, Kunstpädagogin und geistliche Begleiterin, bemerkte dazu: «Früher war die Lungenentzündung die gute Freundin der Betagten». Und sie wies darauf hin, dass die früher populären Totentänze völlig verschwunden seien. Tatsächlich ist der Tod im Leben der Mehrheit unsichtbar geworden. Dieser Umstand zeigt wohl das Kernproblem an.
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