Generalvikar Martin Grichting  | © Regula Pfeifer
Schweiz
Generalvikar Martin Grichting | © Regula Pfeifer

Grichting kritisiert «fehlende Schöpfungstheologie» bei Muslimen

Zürich, 8.11.18 (kath.ch) Der Churer Generalvikar Martin Grichting hat an einer Diskussion über Religionsfrieden die jüdisch-christliche Schöpfungstheologie ins Spiel gebracht. Damit begründete er, weshalb Christen den Staat bejahten. Den Muslimen fehle das, meinte er. Gegen diese Meinung traten der Zürcher Regierungsrat Mario Fehr und die Zürcher Theologieprofessorin Christina Aus der Au an.

Regula Pfeifer

«Weil wir Christen eine Schöpfungsordnung haben, sagen wir: Die Basis ist gut», sagt Martin Grichting in der Podiumsdiskussion anlässlich des Reformationsjubiläums am Dienstagabend in der reformierten Kirche St. Peter in Zürich. «Deshalb können wir Ja sagen zu unserem Staat», argumentiert er und kritisiert: «Dem Islam fehlt die Schöpfungstheologie, welche die Schöpfung an und für sich schon gutheisst.» Daraus entsteht – so die Meinung des Churer Generalvikars – eine ablehnende Haltung der Muslime gegenüber dem Staat.

«Wir als Christen müssen zu unserem Staat stehen und dies theologisch legitimieren», fordert Grichting und doppelt nach: «Und wir müssen die Muslime zur Einsicht bringen, dass das nicht eine gottlose Organisation ist.» Das Votum veranlasst offenbar später einen Zuhörer zu einem Breitschlag gegen Muslime und den Koran.

Regierungsrat Fehr kontert

Diese islamkritischen Aussagen lässt der Zürcher SP-Regierungsrat Mario Fehr nicht gelten. Eine aktuelle wissenschaftliche Studie habe gezeigt: Es gebe nur sehr wenig radikale muslimische Jugendliche in der Schweiz. Den Ausnahmen hingegen gelte es «klare Kante zu zeigen», so Fehr. Das habe der Zürcher Regierungsrat mit dem Verbot der «Lies»-Aktivitäten auch so gehandhabt.

«Im Dritten Reich ist mit dem Argument der Schöpfungsordnung sehr viel Unfug getrieben worden.»

Mit Grichtings Argument der Schöpfungsordnung kann die reformierte Theologin und Professorin an der Universität Zürich, Christina Aus der Au, nichts anfangen. «Im Dritten Reich ist mit diesem Argument sehr viel Unfug getrieben worden», warnt sie. Laut ihrer Einschätzung sind die Schöpfungsordnungen vor einiger Zeit gefallen. «Es gibt heute keinen Stand, der gottgeschaffen und von Gott gewollt ist.» Aus der Au ist als Präsidentin des Deutschen Evangelischen Kirchentags 2017 in Berlin und Wittenberg öffentlich bekannt worden.

In die Diskussion rund um den protestantischen Freiheitsgedanken und die Frage, ob die Kirche auch heute noch ein «Wächteramt» gegenüber dem Staat habe, brachte Grichting auf dem Podium in der reformierten Kirche St. Peter weitere seiner Anliegen ein.

Mario Fehr argumentiert gegenüber Beatrice Acklin, Christina Aus der Au, Martin Grichting | © Regula Pfeifer

«Kirche sind wir alle»

Er kritisierte eine «Kirchenfixierung» und meinte damit, dass die gewöhnlichen Christen alle Verantwortung auf die eingesetzten Kirchenvertreter abschöben. «Kirche sind wir alle», so Grichting. «Wenn sich das nicht ändert, fahren wir die Sache an die Wand.» Zudem befürwortete er die bestehende individuelle Religionsfreiheit, kritisierte aber, es fehle die korporative Religionsfreiheit. Damit meinte er: Jede katholische Pfarrei sollte eine Rechtspersönlichkeit werden. Darauf ging in der reformiert geprägten Runde niemand ein.

«Ich lasse mir meine Kirche auch nicht von einer Kirche schlechtreden.»

Den «Anarchismus» in Grichtings Forderung nach «Kirche sind wir alle» kann Mario Fehr nicht verstehen. Der Staat habe ein Interesse, mit einer kirchlichen Organisation in Kontakt treten zu können, so Fehr. Denn die Kirche helfe vielerorts. «Ich als Sozialminister könnte ohne die Kirche vieles nicht machen, etwa im Bereich Asylwesen», sagt der bekennende Reformierte und wehrt sich: «Ich lasse mir meine Kirche auch nicht von einer Kirche schlechtreden.»

Maja Ingold | © Regula Pfeifer
Der Anlass entstand aus einer Kooperation zwischen der Paulus-Akademie, der reformierten Kirche St. Peter in Zürich und dem Verein «Schatten der Reformation.» Der Verein ist aus einer Unzufriedenheit gegenüber den Jubiläumsfeierlichkeiten heraus gebildet worden, wie deren Präsidentin und EVP-Politikerin Maja Ingold am Schluss der Veranstaltung erklärt. Es genüge eben nicht, sich in der kirchlichen Konfortzone zu bewegen.

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