Gottesdienst in der Freiburger Christkönigskirche.
Schweiz

Gregory Solari: Liturgie ist immer politisch

Die Liturgie prägt Haltungen, formt Gemeinschaft und spiegelt gesellschaftliche Ordnungen wider. Für den Theologen Grégory Solari ist der Gottesdienst deshalb nie neutral – er bringt zum Ausdruck, wie Autorität verstanden, Verantwortung verteilt und Zusammenleben gedacht wird.

Maurice Page (cath.ch)

Ist die Messe oder die Liturgie ein Spiegel der Kirche oder der Gesellschaft?

Gregory Solari*: Die körperliche und symbolische Haltung der in der Kirchenschiff versammelten Gemeinde ist niemals neutral. Sie bringt eine bestimmte Weise zum Ausdruck, in der Welt zu leben, Autorität zu verstehen sowie Teilnahme und Verantwortung zu gestalten. In diesem Sinne ist die Liturgie immer schon politisch: Sie formt Weisen des Zusammenlebens, inszeniert eine Vorstellung von Gemeinschaft und prägt stillschweigend Körper und Gewissen im Hinblick auf eine bestimmte Ordnung von Beziehungen.

In diesem Sinn kann die Liturgie als Spiegel einer Kultur oder Gesellschaft verstanden werden. Ihre Struktur spiegelt diejenige des sozialen Körpers wider, die sie in symbolischer und ritueller Form zum Ausdruck bringt. Das Bewusstsein dieses Zusammenhangs bildet den ekklesiologischen und soziologischen Horizont der Liturgietheologie von Papst Franziskus.

Grégory Solari
Grégory Solari

Stand bei ihm nicht zunächst die Sorge um die kirchliche Gemeinschaft im Vordergrund?

Solari: Ja, aber nicht nur. Eine politische Vereinnahmung der Liturgie ist immer möglich. Rückblickend sehe ich darin etwas Prophetisches in der Wahrnehmung von Papst Franziskus.

Das zentrale Anliegen der Liturgiereform des Zweiten Vatikanischen Konzils ist die Teilnahme der Gläubigen. Kann man darin eine bevorzugte Option für die Demokratie sehen?

Solari: Das grundlegende Prinzip der Liturgiereform beruht auf dem Priestertum aller Getauften, das sich in der aktiven Teilnahme aller an der Liturgie und am Leben der Kirche ausdrückt. Es geht darum, von einer passiven Haltung zu einer Haltung überzugehen, die dieses Taufpriestertum und den Glaubenssinn der Gläubigen zur Geltung bringt – sowohl in der Feier als auch darüber hinaus. Das wird heute in der Synodalität umgesetzt. In diesem Sinne kann man sagen, dass die gegenwärtige synodale Reform zeigt, dass die Kirche für persönliche Freiheit und Verantwortung eintritt – Grundlagen, auf denen auch die Demokratie beruht.

«Die Teilnahme ist vorhanden, bleibt aber indirekt.»

Wenn die Haltung der Gemeinde im Kirchenschiff nie neutral ist, kann ein liturgischer Ritus dann eine politische Sichtweise begünstigen?

Solari: Im Licht der Theologie des Zweiten Vatikanischen Konzils entfaltet der tridentinische Ritus durch seine Struktur, seine Ausrichtung und die strenge Rollenverteilung ein Weltbild, das um eine zentrale, hierarchische und sakralisierte Autorität organisiert ist. Das Volk ist zwar anwesend, jedoch vor allem als Zuschauer. Die Teilnahme ist vorhanden, bleibt aber indirekt, vermittelt, vor allem visuell und andächtig.

Zweites Vatikanisches Konzil - in der Konzilsaula in der Peterskirche.
Zweites Vatikanisches Konzil - in der Konzilsaula in der Peterskirche.

Die Liturgiereform des Zweiten Vatikanischen Konzils schlägt hingegen eine andere politische Anthropologie vor. Indem sie der Gemeinde wieder Stimme verleiht und die aktive Teilnahme zur Norm macht, betont sie, dass die Liturgie Sache aller ist und jeder eine reale Verantwortung trägt. Darin kann man den Nährboden eines synodalen Ethos sehen. Die Gemeinde versteht sich nicht mehr als passives Volk, das vom Altarraum aus gelenkt wird; sie erkennt vielmehr – ohne die Unterschiede zwischen Hirten und Gläubigen aufzuheben –, dass die ganze Gemeinschaft handelndes Subjekt, Trägerin des Ritus und mitverantwortlich für dessen Vollzug ist. Das bleibt nicht ohne Auswirkungen auf unsere «politischen» Vorstellungen und Engagements.

«Es gibt nicht hier die Welt und dort die Kirche.»

Wie lässt sich das Risiko vermeiden, die Liturgie für eine kirchliche oder politische Vision zu instrumentalisieren?

Solari: Man darf echte Teilnahme nicht mit Aktivismus verwechseln. Wir nehmen an der Liturgie in erster Linie teil, um unser Taufsein zu leben. Die Liturgie ist zunächst ein theologisches Geschehen, bevor sie ein politisches ist. Diese Unterscheidung muss klar sein. Zugleich darf man nicht naiv übersehen, dass unterschiedliche liturgische Akzentsetzungen – sei es auf die ausschliessliche Rolle des geweihten Amtsträgers oder auf die umfassende Beteiligung aller Gläubigen, Männer und Frauen – Auswirkungen auf Haltungen und Verhaltensweisen haben. Damit ist auch unser Verhältnis zur Gesellschaft und zu ihrer Ordnung berührt. Umgekehrt bringen wir unsere Vorstellungen auch mit in die Kirche, wenn wir ihre Schwelle überschreiten. Es gibt nicht hier die Welt und dort die Kirche – die Grenze verläuft in uns selbst. Entscheidend ist das Ethos der Taufe.

Am Ende geht es also um die Vision der Kirche und ihrer Präsenz in der Welt.

Solari: Ja, im Grunde ist es eine Frage der Ekklesiologie – und damit auch eine politische Frage. Seit ihrer Entstehung steht die Kirche in der Welt, und ihre Mitglieder bringen ihre Vorstellungen, Lebensweisen und kulturellen Prägungen ein, die beeinflussen, wie sie sich versteht und organisiert. Jede kulturell geprägte Weltanschauung spiegelt sich in einer bestimmten Sicht der Kirche wider, die ihrerseits in der Liturgie Ausdruck und Struktur findet. Diese kann entweder als Spiegel der Gesellschaft erscheinen oder als Haltung, die ihr widersteht und sie hinterfragt.

«Tradition ist kein statischer Bestand an Dokumenten.»

Oft wird das Argument der «immerwährenden Tradition» gegen eine Liturgie ins Feld geführt, die die Gegenwart widerspiegelt.

Solari: Dieses Argument ist nicht haltbar. Tradition ist kein statischer Bestand an Dokumenten, sondern ein lebendiger Akt der Weitergabe. Sie ist das Leben der Kirche selbst, die durch ihr Lehramt immer neu das Wort Gottes überliefert. Genau das hat das Zweite Vatikanische Konzil in «Dei Verbum» klargestellt. Man kann keinen Moment der Kirchengeschichte einfrieren und zur Norm erheben: Tradition ist Bewegung, Wachstum und Entwicklung. Das hat John Henry Newman klar erkannt: Die Kirche entwickelt sich wie ein lebendiger Organismus.

Oder man stellt den «traditionellen» Charakter des Konzils von Trient der Modernität des Zweiten Vatikanischen Konzils gegenüber.

Solari: Angesichts der Reformation handelte das Konzil von Trient unter Zeitdruck und weniger mit Blick auf eine umfassende Reform. Mangels ausreichender Quellen konnte es nicht zu den Ursprüngen zurückkehren und begnügte sich damit, die liturgische Norm sehr strikt festzulegen. Paradoxerweise zeigt sich darin ein zutiefst modernes Moment: Das tridentinische Messbuch enthält gewissermassen ein «Programm», das den Ritus steuert – fast wie ein methodischer Leitfaden avant la lettre. Das vermeintlich «traditionelle» Messbuch nimmt damit sogar Aspekte der modernen Denkweise vorweg. Tatsächlich ist das nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil reformierte Messbuch eher ein Zeuge der liturgischen Tradition, da es ältere Formen des römischen Ritus wiederentdeckt hat.

Vitus Huonder bei den Piusbrüdern – hier im Priesterseminar Herz Jesu in Zaitzkofen.
Vitus Huonder bei den Piusbrüdern – hier im Priesterseminar Herz Jesu in Zaitzkofen.

Sie sprechen in diesem Zusammenhang von einem «karolingischen Einfluss», der heute insbesondere in den Vereinigten Staaten im Zusammenhang mit der wiederauflebenden Beliebtheit des tridentinischen Ritus zu beobachten ist.

Solari: Dabei geht es nicht um eine bloss ästhetische Parallele. Einerseits gibt es eine Kritik an der aufklärerischen Demokratie, andererseits eine politische Vorstellung, die im tridentinischen liturgischen Imaginären angelegt ist. Die pyramidenförmige Rollenverteilung und die geringe Sichtbarkeit der Gemeinde als handelndes Subjekt passen zu dieser Kritik. Die «karolingische Versuchung» bezeichnet hier die mögliche politische Instrumentalisierung des tridentinischen Ritus – ähnlich wie Karl der Grosse die Liturgie zur Einigung seines Reiches nutzte. Vergleichbar ist das teilweise mit Bewegungen wie der Action française, die Religion politisch instrumentalisierten.

«Das Pontifikat von Papst Franziskus kann man als Versuch verstehen, hier Klarheit zu schaffen.»

Die Frage des tridentinischen Ritus ist also nicht nur eine Frage liturgischer Vorlieben.

Solari: Nein, auch nicht nur der Tradition. Dahinter steht teilweise ein Denken, das die Aufklärung und die Reformation ablehnt. Das Pontifikat von Papst Franziskus kann man als Versuch verstehen, hier Klarheit zu schaffen. Trotz seiner manchmal schroffen Art geht es ihm darum, den Zusammenhang zwischen liturgischer Form und politischer Vision neu zu bedenken. Gleichzeitig kann man eine christlich-soziale Haltung vertreten und dennoch den tridentinischen Ritus schätzen – wie etwa Benedikt XVI. Das zeigt, dass die Frage komplexer ist als ein blosser Ritusstreit.

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Wie kann ein Ritus eine politische Sichtweise korrigieren?

Solari: Man sollte Vereinfachungen vermeiden. Es gibt keine automatische Wirkung: Wer an der erneuerten Messe teilnimmt, wird nicht automatisch demokratisch, und wer die tridentinische Messe besucht, nicht automatisch monarchisch. Die Liturgie wirkt eher wie ein Spiegel dessen, was in uns ist. Letztlich geht es nicht um politische Ideen, sondern um die Verkündigung des auferstandenen Christus, der jede Form von Unterdrückung überwindet. Darauf gründet die Liturgietheologie von Papst Franziskus. Die Liturgie darf nicht ideologisch instrumentalisiert werden – mit dem Geheimnis des Glaubens spielt man nicht.

* Grégory Solari ist Dozent für Glaubens- und Religionswissenschaften, ebenso für Philosophie an der Universität Freiburg i. Ue.

(Übersetzt aus dem Französischen und adaptiert von jas)


Gottesdienst in der Freiburger Christkönigskirche. | © Laurent Crottet
8. April 2026 | 17:00
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