Witwenweihe: Weihbischof Martin Gächter (r.) spricht zu Isabella Rütti-Buonfrate
Schweiz

Geweihte Witwe: «Wenn ich den Ring berühre, spüre ich mein Ja zu Jesus»

Die Baslerin Isabella Rütti-Buonfrate (56) erzählt, wie sie sich für die Witwenweihe entschieden hat. Dahinter stecke ein Gefühl der Not und gleichzeitig des Getragenseins. Aber letztlich sei die Weihe eine logische Konsequenz gewesen. Denn sie habe ihr Leben zunehmend auf Gott ausgerichtet.

Regula Pfeifer

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, eine Witwenweihe erhalten zu wollen? Das ist ja ein wenig bekanntes Ritual.

Isabella Rütti-Buonfrate
Isabella Rütti-Buonfrate

Isabella Rütti-Buonfrate: Das ist so, ich wusste selbst nicht, dass es so etwas gibt. Vor sechs Jahren habe ich bei «Vatican-News» gelesen, dass Papst Franziskus geweihte Witwen zur Audienz eingeladen hatte. Das berührte mich sehr und liess mich über Jahre nicht mehr los. Ich recherchierte, welche die Voraussetzungen sind. Vor etwa zwei Jahren teilte ich meinem geistlichen Begleiter, einem Priester, die Idee der Witwenweihe mit. Ich wollte wissen, wie er das sieht.

«Weder mein Mann noch ich hatten darüber gesprochen, dass ich nachher nicht mehr heiraten würde.»

Zur Witwenweihe gehört, dass die Witwe ein zölibatäres Leben im Glauben verspricht. Haben Sie eventuell mit Ihrem Mann über ein Treueversprechen gesprochen?

Rütti: Nein. Wir haben sehr offen miteinander geredet, das war mir als Pflegefachfrau im Bereich Onkologie wichtig. Mein Mann hatte Krebs und war ungefähr eineinhalb Jahre krank. Weder er noch ich haben in dieser Zeit gesprochen, dass ich nachher nicht mehr heiraten würde. Ich selbst dachte, dass ich wahrscheinlich nicht mehr heirate. Wir durften eine glückliche, von Gott gesegnete Ehe führen. Ich hatte nicht den Wunsch, bald wieder eine Partnerschaft zu führen.

Patient in einer Palliativstation eines Spitals
Patient in einer Palliativstation eines Spitals

Das hat auch damit zu tun, dass ich während der Krankheit meines Mannes Gottes Liebe sehr stark erfahren durfte. Wir fühlten uns beruhigt und beschützt. Als Pflegefachfrau konnte ich ihn auch praktisch unterstützen, so dass er lange zuhause bleiben konnte. Dennoch fühlte ich mich auch hilflos. Diese Not, die ich auch später in der Trauer spürte, und gleichzeitig das Gefühl, von Gott getragen zu sein, führten dazu, dass ich mich mit der Witwenweihe auseinandersetzte. Und schliesslich beschloss: Ich möchte mein Leben ganz Gott schenken.

«Die Eingravierung ist für mich ein Zeichen von Gottverbundenheit.»

Sie haben anlässlich der Weihe den Namen Jesu in ihren Ehering eingravieren lassen – weshalb? Laut ihrem Weihespender Martin Gächter ist das nicht üblich.

Rütti: Der Segensritus ist ein stückweit offen gestaltet, auch weil er in der Schweiz wenig bekannt ist. Ich habe von einer Witwenweihe in Deutschland gelesen, bei der ebenfalls der Name Jesu in den Ehering eingraviert wurde. Für mich war das logisch, denn ich schenkte mein Leben Jesus. Die Eingravierung ist für mich ein Zeichen der Gottverbundenheit. Wenn ich den Ring berühre, spüre ich mein Ja zu Jesus. Die Gottverbundenheit war bereits früher da, auch in der Ehe, durch unsere kirchliche Trauung.

Wie kam es tatsächlich zur Witwenweihe?

Rütti: Ich habe mein Anliegen Bischof Felix Gmür in einem Brief geschildert und darin mein Leben vorher beschrieben, etwa meine Gotteserfahrungen nach dem Tod meines Mannes. Der Brief ging dann an Weihbischof Martin Gächter, weil er auch für die Jungfrauenweihe zuständig ist. Ich stellte ihm dann meinen Lebens- und Glaubensweg vor – etwa mit Exerzitien. Er sagte bereits im ersten Gespräch, dass ich mich schon auf diesem Weg befinde.

«Zur Pfarrei Allerheiligen und St. Marien habe ich eine lange Beziehung. Da hatte ich bereits die Erstkommunion.»

Sie haben die Weihe in St. Marien in Basel, empfangen, leben aber gemäss meiner Recherche in Binningen BL, weshalb das?

Rütti: Ich bin in Basel aufgewachsen, lebte auch lange dort. Mein Mann und ich zogen dann nach Binningen im Baselland. Doch zur Pfarrei Allerheiligen und St. Marien habe ich eine lange Beziehung. Da hatte ich bereits die Erstkommunion, die Firmung, dort ging ich abends in den Gottesdienst. Auch das Institut Thérèse von Lisieux (ITL), das ich später besuchte, war von Priestern aus Basel-Stadt gegründet worden. So ergab sich, dass mein pfarreiliches Engagement nach Basel orientiert war. Von daher war es naheliegend, dass ich in St. Marien die Weihe empfing. Da bin ich kirchlich engagiert und habe Leute, mit denen ich mein Leben und meinen Glauben teile.

Isabella Rütti-Buonfrate während der Witwenweihe auf dem Boden
Isabella Rütti-Buonfrate während der Witwenweihe auf dem Boden

Ihre Weihe hat der emeritierte Weihbischof Martin Gächter geleitet. Kannten Sie ihn?

Rütti: Ich kannte Martin Gächter bereits ein wenig vom Sehen her, weil er immer wieder mal nach Allerheiligen kommt für das Jahrzeitgedächtnis für seine Familie, seine Eltern und seinen Bruder.

«Mein Leben hat sich nach der Weihe nicht gross verändert.»

Wie setzen Sie Ihre Witwenweihe im Leben um?

Rütti: Mein Leben hat sich innerhalb dieses Monats nach der Weihe nicht gross verändert. Ich habe mich in den letzten dreizehn Jahren entwickelt. Mein Engagement in der Kirche ist ein Prozess. Die Witwenweihe war für mich eine logische Konsequenz davon und ein Zeichen, dass ich diesen Weg weitergehe.

«Ich bete täglich Laudes und Vesper.»

So habe ich beispielsweise das Stundengebet bereits vorher gebetet. Doch früher gab es Momente, da ich es aus Müdigkeit mal ausliess. Inzwischen bete ich täglich Laudes und Vesper. Ich lese und betrachte auch vermehrt geistliche Literatur. Insofern bin ich intensiver mit Gott unterwegs. Die Eucharistiefeier habe ich bereits vorher mehrmals pro Woche und am Sonntag besucht. Und karitativ engagiere ich mich seit einiger Zeit.

Wie kamen Sie zu Ihrem Engagement in der Pfarrei?

Rütti: Kurz vor der Krankheit meines Mannes fing ich einen Theologiekurs am ITL in Basel an, erst besuchte ich den einjährigen Grundkurs, dann den vierjährigen Aufbaukurs. In dieser Zeit fragte mich ein mitwirkender Priester, ob ich mich in der Pfarrei engagieren wollte in der Kinderkatechese. Ich war erst überrascht, sagte dann zu, weil ich mir über den Theologiekurs einiges an Wissen angeeignet hatte. So kam ich rein. Später wurde ich Lektorin, dann Sakristanin und Kommunionsspenderin. Die Kinderkatechese machte ich acht Jahre lang, jetzt nicht mehr.

Sie sind beruflich in einem Begegnungszentrum für chronisch Kranke tätig. Können Sie da umsetzen, was Ihnen am Herzen liegt?

Rütti: Die Weihe ist dabei nicht im Vordergrund, diese betrifft mehr mein persönliches Leben. Im Begegnungszentrum arbeite ich seit sechs Jahren. Da geht es darum, die Leute in ihrer Lebens- und Krisensituation, in ihrer Krankheit zu unterstützen. Sie zu ermutigen, zu beraten, liegt mir am Herzen. Da habe ich – glaube ich – auch eine Gabe.

«Ich wollte mit Jesus unterwegs sein und dies auch offiziell so zeigen.»

Es gäbe auch die Möglichkeit ohne Weihe als Witwe so zu leben, wie Sie das nun tun. Wollten Sie das nicht in Betracht ziehen?

Rütti: Das überlegte ich mir in diesen Jahren zuvor. Doch ich merkte: Es fehlt etwas. Und ich fand, dass ich schon einiges dafür mache. Ich bin gern Gastgeberin, habe gern Besuch. Ich wollte mit Jesus unterwegs sein und dies auch offiziell so zeigen.

Wie ich von Martin Gächter erfahren habe, könnten Sie auch zurücktreten von dieser Weihe. Sind Sie sich dessen bewusst?

Rütti: Ja, aber damit befasse ich mich nicht. Ich habe mir das ja gut überlegt und mich für diesen Weg entschieden. Als ich heiratete, befasste ich mich ja auch nicht mit der Scheidung.

Haben Sie sich früher, also vor der Ehe, ein Leben als Ordensfrau überlegt?

Rütti: Vielleicht als Jugendliche mal. Das Ordensleben zog mich an, aber ich hatte bereits als Jugendliche stark den Wunsch zu heiraten. Ich brachte das Anliegen vor Gott, dass ich den richtigen Mann finden möchte, der zu mir passt. So kam es dann auch, von dem her stimmte alles.

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Weihbischof Martin Gächter über Witwenweihe

Der emeritierte Weihbischof Martin Gächter des Bistums Basel hat am 12. September eine Witwe Gott geweiht: die hier vorgestellte Isabella Rütti-Buonfrate. Im Internet habe er dazu eine entsprechende Liturgie gefunden und übernommen. Ebenso das Versprechen, das die Witwe vor ihrer Weihe abgibt.

Weihbischof Martin Gächter
Weihbischof Martin Gächter

«Sie verspricht, in Zukunft ehelos zu bleiben, um sich so ohne einen Mann ganz dem Lobe Gottes und dem Dienst in der Kirche und an den Mitmenschen zu widmen», sagt Gächter. Die Witwe könne dann ihr Leben und ihr konkretes Apostolat frei und persönlich gestalten. «Die Kirche nimmt ihren Einsatz dankbar entgegen, ohne finanzielle Verpflichtungen ihr gegenüber», so Gächter.

Nach ihrem Versprechen legt sich die Witwe vor ihrer eigentlichen Weihe während der Allerheiligenlitanei auf den Kirchenboden. Damit drücke sie ihre Hingabe an Gott und für die Kirche und die Mitmenschen aus, wie das ebenfalls die Männer tun vor ihrer Weihe zum Diakon, zum Priester oder Bischof.

Weihbischof Martin kennt viele Witwen, die sich auch ohne Witwenweihe «enger mit Christus verbinden und in der Kirche wertvolle Dienste an den Mitmenschen leisten», etwa bei einsamen, älteren und hilflosen Menschen. «Ihr stilles Engagement ist nicht weniger wert als jenes einer gott-geweihten Witwe», findet der Weihbischof. (rp)


Witwenweihe: Weihbischof Martin Gächter (r.) spricht zu Isabella Rütti-Buonfrate | © zVg
26. Oktober 2025 | 17:00
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