Vatikan

Gespannte Erwartungen an Synode-Papier des Papstes

Wird er oder wird er nicht? Die Frage beschäftigt Katholiken weltweit seit Ende Oktober. Damals schlug die Bischofssynode dem Papst Lockerungen bei der Ehelosigkeit von Priestern vor. Am Mittwoch gibt es mehr Klarheit.

Ludwig Ring-Eifel

Wenn man lateinamerikanische Teilnehmer an der Amazonas-Synode, die vom 6. bis 27. Oktober 2019 im Vatikan tagte, auf das Thema Zölibat ansprach, war die Reaktion mitunter ungehalten. Da rede man tagelang über im Wortsinn brennende ökologische Fragen, die das Überleben der Menschheit betreffen; da berichteten Indigene und ihre Lobby-Gruppen von Morden, Vernichtung des Lebensraums und ökologisch-kulturellem Genozid. Und dann kommen tatsächlich Journalisten aus Westeuropa und fragen immer nur nach dem einen Thema: Wird es am Amazonas demnächst verheiratete katholische Priester geben, und vielleicht als Zugabe auch noch Frauen als Gemeindeleiterinnen oder Diakoninnen?

Die «Z-Frage» gegen Ökologie

Die vor allem in Westeuropa häufig genannten kirchlichen Reformerwartungen überlagerten tatsächlich bisweilen das, worüber rund 180 Synodale sowie etwa 100 Experten drei Wochen lang berieten. Die «Z-Frage» war aber nicht der einzige Punkt, an dem sich unterschiedliche Welten und Erwartungen berühren.

Auch das Thema Ökologie – damals angeheizt durch die Klima-Debatte und die dramatischen Bilder von brennenden Urwäldern – verbindet Europa und Amazonien seit langem. Denn Europa versteht den lateinamerikanischen Urwald gerne als «Lunge des Planeten», den man mitsamt seinen «Naturvölkern» am liebsten so konservieren würde, wie er ist.

Liturgisches Erbe Amazoniens anerkennen

Und da viele Europäer auf der Suche sind nach neuen spirituellen Anregungen, ergab sich ein weiterer Berührungspunkt: von Natur-Verehrung inspirierte Formen der Frömmigkeit, verbunden mit Toleranz und Respekt für die sogenannten Naturgottheiten, die in Fruchtbarkeits-Symbolen dargestellt werden.

Die Synode selbst forderte am Ende die Entwicklung eines eigenen «Ritus, der das liturgische und geistliche Erbe Amazoniens zum Ausdruck bringt».

Eine «Nachsynodale Ermahnung».

All dies musste nun Franziskus erwägen, als er in den vergangenen drei Monaten versuchte, aus dem rund 70 Seiten langen Schlussdokument der Synode mit seinen 120 Paragrafen eine «Nachsynodale Ermahnung» zu entwickeln, die dann immerhin den Rang eines lehramtlichen Papst-Dokuments hat.

Auch schon salomonische Lösungen gewählt

Beim letzten Mal, als 2015 eine relativ knappe Mehrheit der Weltbischofssynode vorgeschlagen hatte, dass künftig wiederverheiratete Geschiedene unter Umständen wieder zur Kommunion gehen könnten, fand Franziskus eine halbwegs salomonische Lösung: In seinem nachsynodalen Text «Amoris laetitia» verlegte er die umstrittene «liberale» Entscheidung in eine Fussnote.

Wer darf die Kommunion empfangen?

Als daraufhin die konservative Minderheit einen Streit um die Geltung der Fussnote vom Zaun brechen wollte, sass er ihn einfach aus. Bis heute gibt es Länder, in denen die Fussnote angewendet wird, und andere, wie etwa Polen, in denen die Bischöfe ihr keine Geltung verschaffen.

Die Dinge in der Schwebe halten

Mit den Streitpunkten der Amazonas-Synode wird der Papst eine ähnliche Lösung finden müssen. In dem auf den Synodenbeschlüssen basierenden Papier «Querida Amazonia», das am Mittwoch in Rom – und gleichzeitig an vielen anderen Orten der Welt – vorgestellt wird, wird er wohl kaum das Kirchenrecht zum Thema Zölibat verändern, und auch einen naturreligiös inspirierten «amazonischen Ritus» wird er nicht schaffen. Als guter Jesuit wird er vielmehr versuchen, die Dinge irgendwie in der Schwebe zu halten, damit sie sich weiter entwickeln können.

Ein Weg, dies zu erreichen, bestünde darin, sich die Ergebnisse der Synode pauschal «zu eigen zu machen», ohne sie lehramtlich verbindlich in ein Papst-Dokument zu übernehmen. Die Veränderungswilligen könnten dann betonen, dass der Papst ihnen in der Sache Recht gibt. Und die Konservativen suchten abermals vergebens den Punkt, an dem sie einen Bruch mit der katholischen Tradition festmachen könnten, den sie gegebenenfalls zum Anlass nehmen könnten, sich von diesem Papst zu distanzieren.

Franziskus liebt das «Knotenlösen».

Papst Franziskus liebt, daran erinnert das «Vatican magazin» in seiner jüngsten Ausgabe, das «Knotenlösen», wenn er scheinbar hoffnungslos verfahrene Probleme angeht. In der Zölibatsfrage wird er es wohl ähnlich machen wie bei den Geschiedenen: Den Knoten ein wenig lockern und dann abwarten, was geschieht. (kna)

Hinweis: Dossier zur Amazonas-Synode

Papst Franziskus und Synodenteilnehmer in der Synodenaula.
11. Februar 2020 | 16:04
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Viri probati

Das lateinische «viri probati» bedeutet wörtlich «bewährte Männer». In der Diskussion um die Voraussetzungen für das Priesteramt in der katholischen Kirche steht dieser Ausdruck für die Überlegung, bewährte verheiratete Männer zur Weihe zuzulassen. Zuletzt ist im Vatikan die Amazonas-Synode mit einem Votum für die Zulassung verheirateter Priester in entlegenen Regionen zu Ende gegangen.

Während in katholischen Ostkirchen das Priesteramt grundsätzlich auch Verheirateten offen steht, gibt es in der römisch-katholischen Kirche Priester mit Ehefrau nur dann, wenn ein Geistlicher einer anderen Konfession zum Katholizismus übertritt.

Dem Papst steht es grundsätzlich frei, die Regelung aufzuheben, nach der die Ehe ein kirchenrechtliches Weihehindernis ist. Nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965) wurde die Weihe verheirateter Männer ausserdem für das Diakonenamt zugelassen. Seither werden die Voraussetzungen für eine Zulassung von «viri probati» zum Priesteramt immer wieder neu diskutiert. (kna)