Masterplan soll Toleranz zwischen Einheimischen und jüdisch-orthodoxen Gästen in Davos fördern
Ein Schlitten, den ein Davoser Bergrestaurant in diesem Winter nicht an orthodoxe Juden vermieten wollte, erhitzte die Gemüter weltweit. Gleichzeitig wurde durch dieses Verbot offenkundig, dass es um das Verhältnis zwischen den jüdisch-orthodoxen Gästen und den Einheimischen nicht immer zum Besten steht. Eine Taskforce hat nun Massnahmen verabschiedet, welche zur besseren Verständigung zwischen jüdischen Gästen und Einheimischen in Davos beitragen soll. Eine Frage bleibt.
Wolfgang Holz
Nicht nur besagtes Schlittenverbot irritierte diesen Winter viele. Bereits im Sommer 2023 kam es in Davos in Fragen des Alltagsverhaltens mit internationalen Gästen verschiedentlich zu Missverständnissen – vor allem zwischen Einheimischen und jüdisch-orthodoxen Gästen, die im Sommer sehr zahlreich und gerne in die Davoser Bergfrische reisen.
Taskforce einberufen
Daraufhin haben der Spitzendiplomat und der emeritierte ETH-Professor Michael Ambühl und Nora Meier beauftragt, eine Task Force einzuberufen und zu leiten. Diese sollte auf der Basis einer gründlichen Analyse konkrete Lösungsvorschläge für einen nachhaltigen Ansatz erarbeiten. Ambühl und Meier führten zahlreiche Gespräche mit Einheimischen und Vertreterinnen und Vertretern von Gästegruppen sowie mit Rabbinern von jüdisch-orthodoxen Gemeinden.
In der Task Force waren unter anderem Philipp Wilhelm, Landammann Gemeinde Davos, Reto Branschi, Direktor Davos Destinations-Organisation (DDO, Jonathan Kreutner, Generalsekretär Schweizerischer Israelitischer Gemeindebund (SIG) sowie Jehuda Spielman, Gemeinderat Stadt Zürich und Mitglied der jüdisch-orthodoxen Gemeinschaft in Zürich vertreten.
Davos soll weiter weltoffen sein
Ausgehend vom Ziel, wonach Davos weiterhin ein attraktiver, weltoffener und internationaler Ort der Begegnung und Erholung sein soll, wie es in einer Medienmitteilung von Michael Ambühl heisst, hat die Task Force einen Masterplan von konkreten Massnahmen verabschiedet. Mehrere Massnahmen richten sich an Einheimische, Tourismus-Betriebe und ausländische Gäste sowie an interessierte Kreise ausserhalb Davos. Im Zentrum soll der gegenseitige Respekt stehen.
Für jüdisch-orthodoxe Gäste und Touristen soll in Davos während den Sommerwochen eine zentrale Anlaufstelle geschaffen werden. Diese soll auch als «Beratungsstelle bei allfälligen Konflikten oder Missverständnissen» dienen, wie es in einer Medienmitteilung heisst. Bei Bedarf stehen im Hintergrund auch Rabbiner zur Verfügung, die zur Beratung beigezogen werden können, zum Beispiel von der Tourismusorganisation.
Mehr Vermittlerinnen und Vermittler vor Ort
Das Projekt «Likrat Public» wird ausgebaut. In dessen Rahmen sind in den Sommerwochen Vermittlerinnen und Vermittler in der Gemeinde präsent, die die jüdisch-orthodoxe Lebensweise gut kennen. Die Wiederaufnahme dieser Massnahme war im Grundsatz bereits vor einigen Monaten beschlossen worden. Neu sollen mehr Personen vermitteln, die selbst einen streng orthodoxen Hintergrund haben.
Zudem will man Gästen und Einheimischen neues Infomaterial zur Verfügung stellen, in dem auf gewisse Verhaltensregeln und Anliegen der jüdischen Gäste aufmerksam gemacht wird. Längerfristig will man die ausländischen Touristen schon vor ihrer Reise in die Schweiz informieren und sensibilisieren. Dafür soll der Kontakt zu Aussenministerien und ausländischen Medien ausgebaut werden.
Pflege der jüdischen Geschichte und Liederabend
Darüber hinaus soll die Pflege der jüdischen Geschichte in Davos betrieben werden – durch spezifische historische Arbeiten soll in Davos die Auseinandersetzung mit der jüdischen Geschichte vor Ort vertieft werden.
Ausserdem soll es einen «Dialog mit Davoser Bevölkerung» geben. Der Kulturplatz Davos biete sich als Plattform für den Dialog an. So will sich beispielsweise ein jüdischer Liederabend mit der von Exil und Emigration geprägten jüdischen Weltgeschichte befassen. Mit einem Input und einem Gespräch werde zudem der Frage nachgegangen, wo Grenzen zum «Antisemitismus» liegen.
Touristische Kapazitäten prüfen und Leitlinien
Ganz praktisch will die Gemeinde Davos und die Davos Destinations-Organisation laufend die bestehende touristische Infrastruktur inklusive öffentlicher Nahverkehr überprüfen in Sachen Kapazitäten und Auslastung. Damit sollen Überlastungen reduziert werden.
Für Tourismus-Betriebe in Davos werden allgemeine Leitlinien verabschiedet, an denen sich die Betriebe in ihrem Umgang mit Gästen aus aller Welt orientieren können. Im Fokus steht die Gleichbehandlung aller Gäste. Nebst ihrer Funktion als reguläre Gästeberatungsstelle, übernimmt die Davos Destinations-Organisation bei Bedarf auch die Funktion einer Ombudsstelle für Tourismus-Betriebe. Die Massnahmen werden in gesamtheitlicher Form erstmals in der Sommersaison 2024 umgesetzt.
Eine Frage bleibt
So weit so gut. Bleibt die Frage, warum man nicht einfach ein grosses Sommerfest in Davos organisiert – für jüdische Gäste und andere zusammen mit Einheimischen – um ein konkretes Miteinander zu initiieren und echtes, gegenseitig menschliches Kennenlernen zu fördern?
«Eine solche Idee wurde nicht diskutiert», antwortet Jonathan Kreutner, Generalsekretär des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds SIG, auf Anfrage von kath.ch. Ob die Massnahmen der Taskforce nicht zu verkopft und zu belehrend seien für Einheimische beziehungsweise nur auf das Laufen des Tourismusgeschäfts abzielten, verneint Kreutner.
Kath.ch fragte auch nach bei Tourismus-Chef Reto Branschi von der Davos Destinations-Organisation. Greifen die Massnahmen der Taskforce wirklich? Herr Branschi, sind Sie sicher, dass die Massnahmen zur Förderung des gegenseitigen Respekts wirklich greifen? Reto Branschi: Eine Garantie dafür gibt es nicht. Die zehn Massnahmen, die nun beschlossen wurden, stehen für ein respektvolles Miteinander und rufen alle Seiten auf, einander besser kennen zu lernen. Sie sind ein vielversprechender Ansatz, für den alle Seiten ihre Offenheit zugesagt haben. Da liest sich vieles sehr kopflastig und akademisch-theoretisch und sehr belehrend für die einheimische Bevölkerung. Nach dem Motto: Hauptsache der Rubel rollt für den Tourismus. Sehen Sie das auch so? Branschi: Nein, das sehe ich nicht so. Die Massnahmen richten sich an alle Seiten. Einheimische, Gäste, Mitarbeitende der Betriebe. Warum organisiert man nicht ein grosses Sommerfest in Davos – für jüdische Gäste und andere zusammen mit Einheimischen – um das gegenseitige Miteinander zu fördern? Branschi: Wir haben in der Taskforce eine Vielzahl von möglichen Massnahmen und Aktivitäten diskutiert und fokussieren uns auf die nun kommunizierten Massnahmen. Es steht aber allen Interessierten frei, eigene Initiativen zu ergreifen. Hat man in Davos etwa Angst vor echter menschlicher Begegnung? Branschi: Keineswegs. Davos steht allen Menschen offen, die bereit sind, andere Menschen zu respektieren. (woz)«Davos steht allen Menschen offen»
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