Gedanken zum Sonntag: In der Ferienzeit ein guter Chef sein

Zum Sonntag, 22. Juli 2018, 16. Sonntag im Jahreskreis (Markusevangelium 6,30-34)

Thomas Wallimann-Sasaki*

In Frankreich verpflichtet seit einem Jahr ein Gesetz Firmen mit mehr als 50 Mitarbeitenden, Zeiten festzulegen, in denen Mitarbeitende keine E-mails senden und empfangen müssen. Dies zeigt, dass angesichts moderner Kommunikation immer mehr auf etwas Wert gelegt werden muss, was doch so einfach scheint: Feierabend und Ferien sind Zeiten, abzuschalten, Ruhe zu finden, sich zu erholen! Denn wie eine amerikanische Studie zeigt sind «Ferien wichtig für gute Beziehungen mit Familie und Freunden, produktive Arbeit und ein erfülltes Leben.» Wie aber gehen wir damit um, wenn uns trotz Ferien und Ruhezeit eben doch Ansprüche und Arbeit erwarten? Kann ein Blick in die Bibeltexte des heutigen Sonntags weiterhelfen?

Im 6. Kapitel des Markusevangeliums kommen die Jünger müde von der Arbeit zurück. Sie heilten, trieben Dämonen aus und gaben – so das Hauptziel ihrer Arbeit – den Menschen Lebensperspektive. Jesus sieht, dass sie eine Pause brauchen, schliesslich hatten sie auch kaum gegessen. Er verordnet ihnen Ruhe und weiss auch einen Platz dafür. Sie brechen mit dem Schiff zu einem einsamen Ort auf. Doch es kommt anders. Die Menschen folgen Jesus und den Jüngern. Es gibt keine Möglichkeit zur Ruhe zu kommen. Die Arbeit ist wieder da. Was macht nun Jesus als Führungsperson?

Er orientiert sich in seiner Chef-Rolle an Bildern des guten Hirten aus dem ersten Testament. Dieser wird beschrieben als einer, der Sorge trägt zu den Menschen, sie zusammenführt und nicht alleine lässt. Der gute Hirt eröffnet durch Bildung Sinn und Zusammenhänge und er antwortet auf die Ängste der Menschen mit Zuversicht.

Wie helfen diese Führungsgrundsätze heute, wenn die Arbeit ausgerechnet in der Ferienzeit auftaucht? Die Geschichte zeigt, dass zuerst der Chef selber, Jesus, gefordert ist. Dabei lässt er sich von den Menschen und den Jüngern berühren. Er sieht, dass die Menschen Perspektiven suchen, den Kern seiner und der Jünger Arbeit. Jesus sieht auch, dass er deswegen die Jünger nicht aus ihrer Ruhezeit zerren muss. Stattdessen übernimmt er selber die Arbeit, lehrt und gibt den Menschen Lebensperspektive. Auch die Jünger lassen sich in diesem Umfeld berühren und tragen das Bedürfnis der Menschen nach Essen zu Jesus. Nun koordiniert der Chef die Arbeiten. So schafft er es, die Bedürfnisse der Menschen wahrzunehmen, die Menschen zusammen zu bringen, Sinn zu stiften und die Angst vor Hunger zu lösen, ohne dabei seine Mitarbeitenden zu überfordern.

Sogar in der Zeit Jesu gibt es Ferienzeit, die zur Arbeit ruft. Auch heute bietet die Ferienzeit Chefs die Chance, Sorge für die Erholung der Mitarbeitenden zu tragen, zu klären, was in Bezug auf die Kernaufgaben wichtig ist und dann Prioritäten zu setzen, was gemacht werden muss. Diese Entscheide wachsen auf der Grundlage, sich von den Menschen, den Mitarbeitenden und jener, für die man da ist, berühren zu lassen.

* Thomas Wallimann-Sasaki ist Theologe und Sozialethiker. Er leitet das Institut für Sozialethik «ethik22» in Zürich und ist Präsident a.i. der Nationalkommission Justitia et Pax der Schweizer Bischofskonferenz.

Thomas Wallimann-Sasaki | © zVg

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