Gedanken zu Weihnachten: Der Dienstmann

Zum 25. Dezember 2017 (Lukas 2,1-14)  

Der Dienstmann

Josef Imbach*

Wenn Ochs und Esel an der Futterraufe fehlten, würde uns das eher auffallen, als wenn man vergessen hätte, den heiligen Josef vom Speicher herunterzuholen, wo er das Jahr über zusammen mit den übrigen Krippenfiguren jeweils auf seinen weihnachtlichen Einsatz wartet.

In den Evangelien kommt der Bräutigam Marias sozusagen nur in Nebensätzen vor. Wie alt war Josef, als seine Braut mit Jesus schwanger ging? Mit welchen Worten und Zeichen hat er Maria seine Liebe bezeugt? Hat Josef Jesus überlebt? All das wissen wir nicht.

Zum letzten Mal erwähnen die Evangelisten Josef, als er mit seiner Familie nach Jerusalem zieht, um in der Heiligen Stadt den Bar Mizwa, die religiöse Mündigkeit des etwas über 12-jährigen Jesus zu feiern. Dann verliert sich seine Spur im Dunkel der Geschichte.

Es ist nachgerade paradox: Josef hat keine Biografie, aber immerhin einen Stammbaum vorzuweisen. Die Evangelisten bedienen sich seiner bloss, um die davidische Abstammung Jesu hervorzuheben. So geht Josef ganz in der Rolle des Dieners auf; und wie ein Diener verschwindet er wieder, nachdem er seine Pflicht und Schuldigkeit getan.

Auf mittelalterlichen Krippendarstellungen wirkt Jesu Ziehvater oft fast immer ein bisschen überfordert. Gedankenverloren sitzt er da, wie einer, der bestellt und nicht abgeholt wurde. Irgendwie scheint er sich damit abgefunden zu haben, dass er nichts zu sagen und wenig zu fragen hat.

Auf die dienende Rolle Josefs innerhalb der Heilsgeschichte verweist eine berühmte, historisch höchst zweifelhafte Reliquie, die in Aachen aufbewahrt wird. Es handelt sich um Josefs Hosen, die er hergab, weil Maria angeblich weder Tuch noch Lappen hatte, um den Neugeborenen zu wärmen.

Diese seltsame Geschichte rührt nicht bloss ans Gemüt, sondern auch an den Kerngedanken des Weihnachtsgeschehens. Nicht nur führt sie uns vor Augen, dass Gott wirklich Mensch geworden ist und damit teilhat an aller menschlichen Bedürftigkeit; sie erinnert auch daran, dass das frierende Jesuskind auf alle Armen und Ausgeschlossenen unserer verkehrten Welt verweist. Denn Jahre später wird eben dieses Kind behaupten: «Was ihr den Geringsten getan habt, das habt ihr mir getan» (Matthäus 25,40).

Ausgerechnet Josef, der angegraute greisenhafte Mann, wird hellwach angesichts der Bedürftigkeit des Kindes. Er gehört zu denen, die im Hintergrund wirken und ohne die gar nichts läuft. Aber ist es nicht gerade diesen zurückgesetzten, oft belächelten und manchmal auch verachteten Randfiguren zu verdanken, dass jene, um die sich sonst niemand kümmert, nicht gänzlich verkümmern?

* Josef Imbach ist Verfasser zahlreicher Bücher. Er unterrichtet an der Seniorenuniversität Luzern und ist in der Erwachsenenbildung und in der Seelsorge tätig.

 

Josef Imbach | © 2016 Michaela Stoll
Josef Imbach | © 2016 Michaela Stoll
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