Geborgene Nacktheit – Die Ausstellung «Akt anders» in der Predigerkirche überrascht
Wer diese Woche durch die Zürcher Altstadt schlendert, sollte in die Predigerkirche hineinschauen. Dort überraschen grossformatige Akt-Malereien und Abstraktionen des Graphikers und Malers Balz Bächi (86) aus Zollikon. Wie bitte? An einem Ort der Meditation und des Gebetes solche Kunst des menschlichen Nacktseins? Das macht neugierig.
Sabine Zgraggen
Wer den Rundgang durch die Predigerkirche ohne Vorbehalte startet, wird unmerklich durch das Konzept geleitet: Das Auge findet keine voyeuristischen Anhaltspunkte. Vielmehr geht das künstlerische Konzept auf: Jedem Aktbild wird ein abstraktes Werk an die Seite gestellt. Als Besucherin fragt frau sich im ersten Moment noch, was das soll. So entsteht mit der Zeit eine Empfindung von «geborgenem Nackt-Sein». Durch Akt-Bilder und Abstraktionen in der Kirche.
«Peinlich berührt… oder einfach erfreut?»
An der Vernissage am 21. September stellte Pfarrerin Kathrin Rehmat die einleitende Frage: «Peinlich berührt… oder einfach erfreut?» Die Ausführungen in ihrer Laudatio zeigen: Für den Künstler Balz Bächi ist es ganz klar die Entwicklung von Körperfreude, die ihn «als Resultat der Aufklärung, Emanzipation und Befreiung zur Ganzheitlichkeit» antreibt. Der Kirchenraum entspreche dabei der Absicht der Ausstellung: «Mitte, Zentrierung, Polarität von Kopf zu den Füssen» seien zu beachten.
Ganzheitlicher Dialog mit Gott
Ein Phänomen, das sich einstellt, wenn man sich in die Kirchenbänke setzt: Der Blick nach vorne, zu Altar und Kanzel, grossem Bibelzitat oben an der Wand thronend, ist frei. Nichts stört das Auge oder die Besinnung. Doch an den Seitengängen schauen «Menschen wie du und ich» hinein. Sie schauen aus ihrem Alltags-Erleben und Empfinden, aus ihrem Badezimmer, zwischen Schamgefühl und Verletzlichkeit, zu – oder wir ihnen – wenn unser Blick abschweift. Das ist wohltuend anders und führt unwillkürlich zu einem ganzheitlicheren Dialog mit Gott.
Was fleischlosen Predigten fehlt
Das, was der Kirche in ihren fleischlosen Predigten oftmals fehlt, kehrt hier visuell und dialogisch als leises Angebot zurück. Pfarrerin Rehmat schreibt in ihrer Laudatio: Scham, «das ist ein Gefühl, das alle Menschen kennen und auch aufgeklärte Menschen glücklicherweise nicht verlieren». Kritisch: «Ja, wir haben schamlos unverschämte Jahrzehnte hinter uns und fragen, berechtigt, was kommt denn nun?»
«Sexuelle Fokussierung weicht ganzheitlicher Sicht»
Scham werde in Formen der «Demütigung, Peinlichkeit, Verlegenheit, Kränkung erfahren». Dann wollten wir am liebsten im Boden versinken. Schamgefühle würden aber nicht nur individuell, sondern auch kulturell und kollektiv gebildet. «Die mehrheitlich anerzogenen Moralvorstellungen verändern sich lebenslang (…), das ist eine verheissungsvolle Ausgangslage», so Rehmat.
Balz Bächi macht es in seinen Bildern vor: «Meine Darstellung von Nacktheit beginnt beim Portrait». Und der Künstler fügt an: «Sexuelle Fokussierung weicht ganzheitlicher Sicht». Wer den Rundgang wagt und sich Zeit nimmt, kann diese Erfahrung zweifellos machen.
Die Ausstellung «Akt anders» in der Predigerkirche in Zürich läuft noch bis zum 12. Oktober. Die Finissage ist am selben Tag um 17.00 Uhr angesetzt.
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