Die Mitglieder der neuen Gava-Zuhörgruppe für Missbrauchsopfer im Tessin
Schweiz

Fünf Missbrauchsopfer haben sich an Tessiner Zuhörgruppe gewandt

Die Tessiner «Zuhör-Gruppe für Opfer von Missbrauch im kirchlichen Kontext» ist vor acht Monaten gegründet worden. Nun berichtet sie über erste Erfahrungen und bietet sich als «offenes Ohr» an. Alain de Raemy lobt ihr menschliches und professionelles Engagement.

Regula Pfeifer

Fünf Opfer von Missbrauch konnte die Tessiner Gruppe mit dem Namen «Gruppo di ascolto per vittime di abusi in ambito religioso» (Gava, zu Deutsch: Zuhörgruppe für Opfer von Missbrauch im religiösen Umfeld) unterstützen. Dies seit ihrer Gründung vor acht Monaten. Das teilt die Gava in einer Mitteilung vom Mittwoch mit, unterzeichnet von der Präsidentin Myriam Caranzano. Es handle sich dabei um bedeutende Fälle, die allerdings verjährt seien.

Opfer wollen mit Opfern reden

Nachdem die Opfer ihre Geschichte mehrmals erzählt hatten, wollten sie mit anderen Opfern sprechen. Das konnte Gava ermöglichen. Denn in der Gruppierung sind zwei Personen engagiert, die ebenfalls Missbrauch im kirchlichen Kontext erlebt haben. Das Gespräch mit Menschen, «die dasselbe erlebt haben, wird sehr geschätzt und macht den Unterschied», teilt Gava mit.

Myriam Caranzano, Präsidentin der Tessiner "Zuhörgruppe"
Myriam Caranzano, Präsidentin der Tessiner "Zuhörgruppe"

Einige der Opfer wollten demnach von Alain de Raemy begleitet werden, dem Apostolischen Administrator des Bistums Lugano. Solche Gespräche seien «heikle Momente, die schmerzhafte Erfahrungen zum Vorschein bringen». Doch sie würden den Opfern helfen, «den Verrat zu verarbeiten, ebenso das Leiden, das während Jahrzehnten unterdrückt wurde».

Die Gava bezeichnet sich als neutrale und unabhängige Anlaufstelle, in der Fachleute und Opfer von Missbrauch anderen Opfern ihre Unterstützung bieten. Aktuell nehmen drei Fachleute mit langjähriger Erfahrung im Umgang mit Opfern Anrufe entgegen.

Stimme der Betroffenen bekannt machen

Die Gruppe setze sich aber auch dafür ein, «dass die Stimme der Ofer bis in die höchsten Kreise der Gesellschaft vordringt», teilt sie mit. Die meisten Betroffenen seien «nicht an symbolischen Gesten interessiert – etwa an Messen, in denen um Vergebung gebeten wird», so die Gava. Vielmehr forderten sie «konkrete Fakten und einen Wandel, der die systematische Vertuschung von Missbrauch beendet».

Die Missbrauchsbetroffene Agata (Pseudonym) spricht gegenüber dem Tessiner Fernsehen RSI.
Die Missbrauchsbetroffene Agata (Pseudonym) spricht gegenüber dem Tessiner Fernsehen RSI.

Die Gruppierung zeigt sich überzeugt: «Es gibt noch viel zu tun». Sie verweist auf bestehende katholische Internate, Institute und kirchliche Ferienlager. «Das sind alles potenziell sensible Bereiche, wie kürzlich ans Licht gelangte Skandale zeigen.» Sie bietet sich weiterhin als «offenes Ohr» für Missbrauchsbetroffene an.

Auch Forschenden von Übergriffen berichten

Die Anlaufstelle bittet Opfer, sich auch bei den Forschenden der Universität Zürich zu melden. Das helfe diesen, die schweizweite Studie zur Geschichte des sexuellen Missbrauchs im kirchlichen Umfeld zu vervollständigen. Dies insbesondere angesichts der Tatsache, dass ein Teil des Archivmaterials des Bistums Lugano vernichtet worden ist.

Alain de Raemy, Apostolischer Administrator des Bistums Lugano
Alain de Raemy, Apostolischer Administrator des Bistums Lugano

Der Apostolische Administrator des Bistums Lugano, Alain de Raemy, dankt der Gruppe für ihr Engagement in einer Mitteilung am selben Tag. Sie würden sich mit ihrer Erfahrung und ihrem Bewusstsein voll zur Verfügung stellen, «um den Opfern von Missbrauch zuzuhören und ihnen nahe zu sein, um niemanden allein zu lassen in der erlittenen Ungerechtigkeit oder im auferlegten Schweigen». Gava garantiere, dass Zeugen und Opfer menschlich empfangen und professionell begleitet würden.

«Es ist nicht leicht, über die eigenen Wunden zu reden.»

Alain de Raemy

«Es ist nicht leicht, über die eigenen Wunden zu reden», teilt Alain de Raemy an die Betroffenen von Missbrauch in der Kirche gewandt mit. Und doch ermutige er sie dazu, Zeugnis vom Vorgefallenen abzulegen. «Ihre Aussagen sind uns eine grosse Hilfe», so de Raemy, «sie ermöglichen jenen, die Missbrauchstaten begangen oder vertuscht haben, die Verantwortung zu übernehmen auf dem Weg der Gerechtigkeit und Wahrheit, zum Wohle aller».

Eine Missbrauchsanzeige solle zuerst an die kantonale Opferhilfestelle gemeldet werden, so wie auf nationaler Kirchenebene entschieden worden sei, erinnerte der Administrator. Gleichzeitig bat auch er die Opfer, ihre Erfahrungen dem Forschungsteam der Universität Zürich zukommen zu lassen. Aktuell arbeiteten die Forschenden am Thema Missbrauch in katholischen Schulen, gab er bekannt.

Link zur Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs im Umfeld der Kirche.

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Anlaufstellen für Missbrauchsbetroffene

Eine Liste mit kirchlichen und weiteren Anlaufstellen für Missbrauchsbetroffene finden Sie hier.

Für eine unabhängige Beratung können Sie sich an die «Opferhilfe Schweiz» wenden.


Die Mitglieder der neuen Gava-Zuhörgruppe für Missbrauchsopfer im Tessin | © catt.ch
10. Juli 2025 | 15:00
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