Freigeist Kardinal Zen ist wieder frei – auf Kaution
Mit 90 Jahren könnte er den Ruhestand geniessen. Doch Kardinal Zen aus Hongkong hat noch einige Kämpfe für seine Kirche auszufechten. Das gefällt den chinesischen Behörden offenbar nicht. Kardinal Zen wurde verhaftet und auf Kaution wieder freigelassen.
Alexander Brüggemann
Mit seinen 90 Jahren hört Kardinal Joseph Zen Ze-kiun nicht mehr so gut; aber er spricht, und zwar ganz unchinesisch unverblümt. Das scheint den Behörden in Peking und Hongkong nicht zu gefallen. Übereinstimmenden Medienberichten zufolge wurde der unbequeme Kardinal am Mittwoch offenbar gemeinsam mit anderen Aktivisten von der Nationalen Sicherheitspolizei festgesetzt. Ihnen wird angeblich vorgeworfen, geheim mit ausländischen Kräften zusammenzuarbeiten.
Engagement für prodemokratische Demonstrationen
Im Kern soll es um Zens Tätigkeit als Treuhänder an der Verwaltung eines inzwischen aufgelösten humanitären Fonds für Demonstranten der prodemokratischen Proteste 2019 gehen.
Damals hatten Zehntausende Bürger gegen die Verhängung einer Notstandsgesetzgebung in der chinesischen Sonderverwaltungszone protestiert. Die Menge trug wegen strömenden Regens und zur Erinnerung an den «Regenschirm-Revolution» genannten Aufstand 2014 bunte Regenschirme. Auch 2014 gehörte Zen zu den Sympathisanten.
Wieder in Freiheit
Der in Hongkong festgenommene Kardinal Joseph Zen Ze-kiun ist offenbar wieder in Freiheit. Das unabhängige Internetportal Hong Kong Free Press verbreitete am Mittwochabend auf Twitter ein Foto des Kardinals mit Maske und die Information, der 90-jährige Zen sei auf Kaution aus dem Polizeihauptquartier entlassen worden. Anschliessend habe er den Ort ohne weitere Erklärungen in einem Privatauto verlassen.
Örtlichen Berichten von Mittwoch zufolge war der frühere Bischof von Hongkong und prominente Kritiker der chinesischen Regierung zuvor gemeinsam mit zwei weiteren Personen von der Nationalen Sicherheitspolizei festgesetzt worden.
Bei den beiden anderen handelt es sich den Angaben zufolge um die ehemalige Oppositionsabgeordnete und Anwältin Margaret Ng Ngoi-yee, die laut Hong Kong Free Press nun ebenfalls auf Kaution wieder freikam, und die Aktivistin für Lesben- und Schwulenrechte sowie Sängerin Denise Ho Wan-sze. Den Berichten nach werden allen Festgenommenen «geheime Absprachen mit ausländischen Kräften» vorgeworfen. Bereits am Dienstag sei auch der Kulturwissenschaftler Hui Po-keung am Flughafen von Hongkong verhaftet worden, hiess es. (kna)
Noch ist zu wenig bekannt über die jüngste Massnahme von Hongkongs Behörden. Und doch darf über eine erste Duftmarke des neu bestimmten Regierungschef Hongkongs, John Lee, spekuliert werden. Als früherer Sicherheitschef der Verwaltungszone ist er bestens vertraut mit allem, was den Interessen der chinesischen Regierung in Peking zuwiderlaufen könnte.
Freigeist im höflichen China
Kardinal Zen ist ein Freigeist im so höflichen China. Dennoch reibt man sich manchmal verwundert die Ohren angesichts seiner scharfen Töne. Zens Maxime für sein soziales Engagement lautet: «Beten ist nicht alles im Katholizismus – wir müssen zeigen, dass wir uns kümmern.»
Dieses Kümmern schliesst auch drakonische Massnahmen ein. Aus Protest gegen ein Gesetz zur Kontrolle kirchlicher Schulen in Hongkong trat der damals 79-Jährige 2011 trotz seines Bluthochdrucks und Diabetes in einen Hungerstreik.
Prominenter Kritiker von Peking
In seinem Kampf für die Interessen der papsttreuen Untergrundkatholiken benennt Zen stets Ross und Reiter. Er hat nichts zu verlieren. Zen, von 2002 bis 2009 Bischof von Hongkong, zählt zu den kirchenpolitisch prägendsten Vertretern der katholischen Kirche in Asien. Weit über seine Amtszeit hinaus gehört der Ordensmann der Salesianer Don Boscos zu den prominenten Kritikern der kommunistischen Führung in Peking und ihrer Menschenrechts- und Religionspolitik.
Abkommen Peking-Rom als «Verrat»
«Unfassbar. Wie kann der Vatikan in solch eine Regierung Hoffnungen setzen?», fragte er 2018 im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Ein geplantes Abkommen Roms mit dem ideologischen Erzrivalen in Peking bereitete dem Kardinal arge Bauchschmerzen. Es ging um nicht weniger als um eine Normalisierung der Beziehungen. Als das Abkommen kurz darauf tatsächlich kam, sprach er gar von «Verrat».
«Jetzt soll es plötzlich heissen: Ergebt euch.»
Kardinal Zen
Seit Jahrzehnten ist die chinesische Kirche getrennt in eine staatstreue sogenannte Patriotische Vereinigung und eine «Untergrundkirche». Der Vatikan will das ändern – aber um welchen Preis? Kardinal Zen befürchtete, Rom lasse sich von Peking über den Tisch ziehen – und die papsttreuen Untergrundkatholiken dafür im Regen stehen: «Nach all diesen Jahren, in denen sie so viel gelitten haben. Rom hat ihnen immer gesagt: Haltet durch. Und jetzt soll es plötzlich heissen: Ergebt euch. Das ist eine Tragödie.»
Geprägt vom Zweiten Vatikanischen Konzil
Zen wuchs in sehr armen Verhältnissen auf. Er stammt aus der Diözese Shanghai, wo er im Januar 1932 als Sohn eines christlichen Teehändlers geboren wurde. Als junger Mann trat er den Salesianern Don Boscos bei; unter anderem studierte er an den Ordenshochschulen in Turin und Rom. In Italien erlebte Zen auch die für ihn prägende Zeit des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965).
Von 1989 bis 1996 lehrte er Philosophie und Theologie, unter anderem in Shanghai. Dann ernannte ihn Papst Johannes Paul II. (1978–2005) zunächst zum Bischofskoadjutor in Hongkong, also zum Helfer des dortigen Bischofs. 2002 rückte Zen dann selbst auf den Bischofssitz der 7,5-Millionen-Metropole mit ihren rund 350’000 Katholiken. 2006 nahm ihn Benedikt XVI. ins Kardinalskollegium auf.
Fehler liegt bei der Entourage
Den früheren Papst und seinen aktuellen Nachfolger Franziskus nimmt Zen von seiner Vatikan-Kritik aus: «Schon auf Papst Benedikt haben sie dort nicht gehört. Und Papst Franziskus sagen sie heute auch nicht die Wahrheit.» Zen ist überzeugt, dass «Leute in seinem Umfeld, wie Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin, ein Abkommen um jeden Preis wollen. Da liegt der Fehler, nicht beim Papst.»
Je älter der Kardinal wird, desto mehr wird er auch zu einem allgemeinen «Rom-Kritiker». Einstweilen steht für ihn allerdings der Schauplatz Hongkong im Zentrum. (kna)
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