Frédérique Kaba, ehemalige Leiterin der Abbé-Pierre-Stiftung
Schweiz

Frédérique Kaba: «Emmaus hat wie eine inzestuöse Familie gehandelt»

Warum haben viele Mitarbeitende von Emmaus und der Fondation Abbé Pierre geschwiegen zum sexuellen Missbrauch durch Abbé Pierre? Wie konnte diese «Omertà» fast 50 Jahre andauern? Frédérique Kaba, ehemalige Leiterin der Fondation, hat sich im Buch «Silence sacré» damit auseinandergesetzt. Ein Gespräch.

Carole Pirker, RTS religion*

Am 17. Juli 2024, 17 Jahre nach seinem Tod, kommt das wahre Gesicht des französischen Armenpriesters Abbé Pierre ans Licht. Der verehrte und respektierte Priester führte in der Tat 50 Jahre lang ein Doppelleben. In der Schweiz besuchte er laut der RTS-Sendung «Temps Présent» Bordelle in Genf und unterhielt eine Beziehung zu einer Frau aus der Emmaus-Gemeinschaft. Und er wurde in den 1980er Jahren von zwei Frauen wegen sexueller Übergriffe angeklagt.

Mit bisher 68 identifizierten Opfern, darunter zwölf Minderjährige, legt der Fall Abbé Pierre eine regelrechte Schweigekultur offen. Frédérique Kaba (siehe Kasten) hat den Mut gehabt, sich damit in ihrem Buch auseinanderzusetzen.

«Es war der Verlust unseres geistigen Vaters.»

Sie haben die Abbé-Pierre-Stiftung im Juni 2024 verlassen. Einen Monat später kam dieser Fall ans Licht. Wie haben Sie darauf reagiert?

Frédérique Kaba: Das war ein grosser Schock für alle Franzosen, aber auch international. Für Emmaus war es eine Katastrophe. Es war wirklich der Verlust unseres geistigen Vaters, unseres Leuchtturms in der finsteren Not. Mich haben diese Enthüllungen dazu gebracht, über meine Rolle in diesem Schweigen nachzudenken.

Haben Sie sich deshalb entschlossen, dieses Buch zu schreiben?

Kaba: Ja, es ging darum zu verstehen, warum ich trotz der Hinweise und meiner Intuition nicht in der Lage war, die Tragweite des Problems zu erkennen, das Abbé Pierre in seiner Beziehung zu Frauen darstellte. Es stellte mich tiefgreifend infrage, dass ich nicht in der Lage war zu handeln und gegen dieses Schweigen anzukämpfen.

Abbé Pierre.
Abbé Pierre.

Was antworten Sie denen, die glauben, Sie hätten dieses Buch geschrieben, um sich zu entlasten?

Kaba: Ich habe es geschrieben, um zu verstehen. Mich zu entlasten hiesse, Verantwortung zu übernehmen, die nicht meine ist. Es ist kein Buch, in dem ich Rechnungen begleichen will, sondern ein Buch, in dem ich die Faktoren des Schweigens erkläre und analysiere und versuche zu verstehen, warum ich ein Rädchen in diesem Schweigen war. Im Gegenteil, ich denke, dass ich meinen Teil der Verantwortung übernehme, indem ich das Schweigen über sexuelle Gewalt nie mehr akzeptiere und indem ich versuche, mit der ganzen Gesellschaft und meinen Kollegen in einen Dialog zu treten, damit so etwas nie mehr und nirgendwo wieder passiert.

«Das Schweigen konnte andauern, weil Abbé Pierre eine charismatische Persönlichkeit war.»

Wie konnte dieses Schweigen fast 50 Jahre lang andauern?

Kaba: Es konnte andauern, weil Abbé Pierre eine charismatische Persönlichkeit war, die eine unterwerfende und begeisternde Wirkung hatte. Und weil ihm nahestehende Personen ihn durch die Etablierung von Omertà schützten.

Abbé Pierre war eine sehr wertvolle Persönlichkeit im Kampf gegen die Armut. Mit seinem Aufruf vom Februar 1954 (einem Hilferuf im Radio, der Spenden in Höhe von umgerechnet 7,2 Millionen Schweizer Franken einbrachte, Anm. d. Red.) wurde Abbé Pierre zum Symbol des Kampfes gegen die Armut. Er schaffte es, Menschenmassen und Geld für die Bedürftigsten zu mobilisieren. Auch nach seinem Tod profitierten wir weiterhin von seiner Ausstrahlung, um Spenden zu sammeln.

Ausserdem war Emmaus wie eine Familie. Es war ein Ort, an dem wir gemeinsam hinter diesem Vorbild standen und jeden Tag gegen die Armut kämpften. Wie kann man sich auch nur eine Sekunde lang diese paradoxe Situation vorstellen: den Schwächsten zu helfen und gleichzeitig von einem der grössten Raubtiere Frankreichs geleitet zu werden? Das ist unvorstellbar.

Abbé Pierre (Mitte) versorgt die Armen mit Essen.
Abbé Pierre (Mitte) versorgt die Armen mit Essen.

Zu den Gründen für dieses Schweigen gehört ein weiterer Aspekt, den Sie als «Festungsorganisation» bezeichnen. Was ist darunter zu verstehen?

Kaba: Von Anfang an beschloss Abbé Pierre, dass es keine Hierarchie zwischen den verschiedenen Organisationen geben sollte (siehe Kasten), was zu Spannungen zwischen ihnen führte. Diese brachten wiederum neue Lösungen im Bereich der Sozialarbeit hervor, was eine gute Sache war. Aber in den verschiedenen dezentralisierten Organisationen gaben jene, die die Macht innehatten, diese an ihnen genehme Personen weiter.

«Die Opfer fanden keine Instanz, wohin sie sich wenden konnten.»

Diese Vorgehensweise hat etwas Willkürliches und Emotionales. Sie führte zu Undurchsichtigkeit und stiftete eine unglaubliche Verwirrung, insbesondere bei den Opfern. Die Opfer fanden keine Instanz und keinen ethischen Raum, wohin sie sich wenden konnten. Auch die Emmaus-Bewegung selbst konnte ohne einen solchen Raum nicht gegen die Machenschaften von Abbé Pierre vorgehen.

Diese Organisation war also ein Faktor, der zur Aufrechterhaltung des Geheimnisses beigetragen hat?

Kaba: Ja, ein sehr wichtiger Faktor, denn Schweigen hilft Traumata verbreiten. Aus diesem Grund spreche ich von einer inzestuösen Familie bei Emmaus. Etwas Trauma-Ähnliches und etwas Omertà-Ähnliches wurden weitergegeben, um Emmaus und Abbé Pierre zu schützen.

«Wenn man das Schweigen bricht, wird man ausgegrenzt.»

Sie zeigen auf, dass dieses System zu weiterem gewalttätigen Verhalten in der Emmaus-Bewegung führte. Sie selbst prangerten nachgewiesene Fälle von Vergewaltigungen durch Emmaus-Mitarbeiter an Frauen an, die in den Einrichtungen lebten. Und Sie entliessen die Täter. Wie reagierte das Führungsteam?

Kaba: Ich wurde weder ausgeschlossen noch entlassen. Aber mir wurde der Dialog mit anderen Direktoren, die mit der Kultur von Emmaus vertraut sind, untersagt. Wenn man das Schweigen über die Familie bricht und damit riskiert, sie zu zerstören, wird man ausgegrenzt.

Zwischen 1953 und 1955 wurde Abbé Pierre mehrmals wegen sexueller Übergriffe auf Frauen in Nordamerika in seine Heimat zurückgeschickt.Doch die katholische Kirche Frankreichs wartete bis 1958, bevor sie ihn in eine psychiatrische Klinik einweisen liess. Warum brauchte sie drei Jahre, um zu reagieren?

Kaba: Die Journalistin Laetitia Cherel zeigt in ihrem Enthüllungsbuch von 2025 («L’Abbé Pierre, la fabrique d’un saint», Anm. d. Red.) auf, dass der Heilige Stuhl und die Kirche Frankreichs ab 1955 davon wussten. Und sie erklärt sehr gut, dass es für die Kirche unmöglich war, den Opfern zu glauben. Doch von 1954 an sah die Kirche, wie Abbé Pierre unglaublich an Macht gewann und ihre eigene Institution störte. Es gab also eine Art Konflikt.

Die Kirche internierte ihn…

Kaba: Die Kirche internierte Abbé Pierre nicht wegen seines Verhaltens, sondern wegen der Gefahr, dass die Kirche dadurch an Ansehen verliert. Es ging also nicht um die Prävention des Risikos sexueller Gewalt durch Abbé Pierre.

Mann mit Kreuz
Mann mit Kreuz

Auf jeden Fall haben weder die katholische Kirche Frankreichs noch der Heilige Stuhl daran gedacht, ihn vor ein Zivilgericht zu bringen…

Kaba: Das stimmt, damals kam es überhaupt nicht in Frage, die Situation von Abbé Pierre vor Gericht zu bringen, ebenso wenig wie andere Fälle von Missbrauch innerhalb der Kirche…

Sie sagen jedoch, dass es zahlreiche Warnsignale gab, wie zum Beispiel diesen ehemaligen Verantwortlichen, der Abbé Pierre als «Papouilleur» (Kuscheler) bezeichnete…

Kaba: Abbé Pierre hatte diese Identität eines grenzwertigen Priesters, der sich über die Regeln der Kirche hinwegsetzte. Das verlieh ihm ein leicht fröhliches, freundlich rebellisches Image, das übrigens gut zu der militanten und freien Haltung passte, mit der sich Emmaus gerne schmückte. Als mir von dieser Zuschreibung als «Papouilleur» erzählt wurde, lachte ich auch. Ich verstand die Schwere dessen, was damit gesagt wurde, nicht.

«Bei Emmaus wurde der erlittene sexuelle Akt zu einer harmlosen Handlung umgedeutet.»

Dieses Vokabular, das den Missbrauch verharmlost, trägt aber auch zur Verleugnung bei…

Kaba: Natürlich. Bei Emmaus wurde der erlittene sexuelle Akt zu einer kleinen, lustigen und harmlosen Handlung umgedeutet. So wurde eine Grauzone geschaffen, die uns daran hinderte, das Ausmass der Katastrophe zu erkennen, und uns nicht dazu zwang, ethisch zu handeln, etwa die Opfer zu schützen oder zumindest ihnen zuzuhören.

Sie selbst waren in Ihrer Kindheit Opfer sexuellen Missbrauchs. Sie schreiben, dass sich hinter der Scham die Verleugnung verbirgt. Und dies blockiere das Denken.

Kaba: Ja, ich selbst wurde im Alter von fünf Jahren Opfer einer Vergewaltigung. Ich konnte die Warnsignale, die ich bei Emmaus wahrnahm, nicht richtig deuten. Ich meinte auch, gegen das Gefühl ankämpfen zu müssen, dass ich das, was ich zu diesem Thema hörte, übertrieb. Schliesslich führte mich die Scham in einen ständigen Kampf. Die Energie, die ich in diesen Kampf steckte, hinderte mich daran, das Ausmass dessen, was bei Emmaus geschah, vollständig zu begreifen.

Wenn alle davon wussten und nichts sagten: Liegt das auch am besonderen Umfeld der Wohltätigkeit und Sozialarbeit?

Kaba: Man kommt nicht zufällig in dieses Milieu, sondern weil man den tiefen Wunsch hat, die Welt zu verbessern, weil man Ungerechtigkeiten nicht ertragen kann. Und oft kann man sie nicht ertragen, weil man seine eigenen Wunden heilen muss. Aus diesem Grund gibt es bei Emmaus viele Menschen, die die Welt und sich selbst wieder in Ordnung bringen müssen. Ich selbst wollte das Projekt von Abbé Pierre fortsetzen. Ich setzte mich mit ganzem Herzen dafür ein. Dadurch entstand eine gewisse Verletzlichkeit…

Anzeige ↓     Anzeige ↑

Es war Ihnen also unmöglich, diese Familie, die Emmaus für Sie war, zu verraten, indem Sie darüber sprachen?

Kaba: Ja, es war ein echtes Dilemma, diese Aussagen über Abbé Pierre zu hören. Denn ich hatte so lange gebraucht, um diese ideale Familie zu finden, die Emmaus verkörpert. Ich, die eine zerrüttete Familie hatte und nicht in der Lage war, zu begreifen, was ich als Kind erlebt hatte, konnte diese lang ersehnte Familie unmöglich zerstören.

Könnte so etwas heute noch passieren?

Kaba: Ich glaube, dass seit 2015 mit der MeToo-Bewegung ein grosser Schritt im Kampf gegen Missbrauch gemacht wurde. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass wir kulturell, individuell und kollektiv immer noch dieses Erbe haben. Wir müssen uns weiterentwickeln und dafür sorgen, dass die neuen Generationen von unserem Wunsch nach Veränderung profitieren können, damit so etwas nicht mehr passiert. (Übersetzung und Adaption: Regula Pfeifer)

*Der Beitrag ist zuerst bei cath.ch erschienen.

Das Buch zum Interview : Frédérique Kaba, Silence sacré, Edition Buchet Chastel. Das vollständige Interview finden Sie im Podcast der Radiosendung «Babel» auf RTS Espace 2.

Frédérique Kaba, eine engagierte Sozialarbeiterin

Frédérique Kaba wurde am 8. August 1971 in Toulouse geboren und schloss 1994 ihr Studium als Sozialarbeiterin ab. 2013 erwarb sie einen Master-Abschluss am Institut d’études politiques de Paris. Ab Ende 1996 lebte sie in der Hauptstadt und arbeitete acht Jahre lang im Bereich Sozialwohnungen, bevor sie 2008 als Regionaldirektorin zu Emmaüs Solidarité kam. Von 2013 bis Juni 2024 war sie Direktorin für soziale Aufgaben bei der Fondation Abbé Pierre, die im Januar 2025 in Fondation pour le Logement des Défavorisés (Stiftung für den Wohnraum benachteiligter Menschen) umbenannt wurde. Seit Juli 2024 ist sie als stellvertretende Generaldirektorin für die Verwaltung von Sozialwohnungen in Seine-Saint-Denis zuständig.

Emmaus Suisse und Emmaus France

Emmaus Suisse umfasst neun Mitgliedsorganisationen, die in der Dachvereinigung Fédération Emmaus Suisse zusammengeschlossen sind. Emmaus France umfasst 297 Emmaus-Gruppen, die je nach ihren Aktivitäten und sozialen Projekten unterschiedlicher Art sein können. Zu diesen Gruppen gehören Gemeinschaften, Sozial- und Wohnstrukturen, SOS Familles Emmaus, Freundeskreise und Integrationsstrukturen.


Frédérique Kaba, ehemalige Leiterin der Abbé-Pierre-Stiftung | © Oliver Roller
10. März 2026 | 16:00
Lesezeit : ca. 7  Min.
Teilen Sie diesen Artikel!