Frauenbund lädt zur Diskussion: Suizid bei «existentiellem Leiden»?
Ein brisantes Thema ist am Dienstag in der Paulus-Akademie in Zürich diskutiert worden: Sterbehilfe bei existentiellem Leiden. Dazu hat der Schweizerische Katholische Frauenbund geladen – mit einer Wissenschafterin und Theologin, einer Exit-Vertreterin und einem Arzt auf dem Podium.
Francesco Papagni
Anlass für den Anlass war ein Positionspapier, das der Schweizerische Katholische Frauenbund (SKF) Ende Januar veröffentlichte. Worum geht es dabei? Bisher war in der Schweiz ein assistierter Suizid nur erlaubt, wenn unerträgliche Schmerzen und/oder eine tödliche Krankheit vorlagen. Nun soll Sterbehilfe auch dann zulässig sein, wenn existentielles Leiden das Leben nicht mehr lebenswert macht.
Wer pflegt die Pflegerinnen?
Simone Curau-Aepli, Präsidentin der SKF erinnerte in ihrer Einleitung zum Anlass daran, dass die Ebenbildlichkeit des Menschen und die daraus resultierende Würde jedes Einzelnen das Fundament für die SKF bildet.
Auf dem Podium diskutierten Sybille Ackermann, katholische Theologin und Leiterin des Ressorts Ethik bei der Schweizerischen Akademie für Medizinische Wissenschaften, Brigitte Fischer, Regionalleiterin Freitodbegleitung Exit und Roland Kunz, Facharzt für Geriatrie und Palliativmedizin. Sebastian Muders von der Paulusakademie moderierte.
Zunächst die Tatsachen: Das Durchschnittsalter für den assistierten Suizid liegt bei 80 Jahren und es gibt geschlechtsspezifische Unterschiede: Mehr Frauen als Männer nehmen diesen in Anspruch. Wie Brigitte Fischer bemerkte, spielt nicht nur die längere Lebenserwartung von Frauen eine Rolle. Viele haben ihre Männer gepflegt, aber wer pflegt sie? Diese Perspektivenlosigkeit verbunden mit der Einsamkeit im Alter sind wichtige Gründe, um aus dem Leben zu scheiden. Es war ausgerechnet die Vertreterin von Exit, die das so wichtige Thema Einsamkeit in die Diskussion einbrachte.
Die Realität wird ignoriert
Roland Kunz kritisierte seine Kollegen von der Geriatrie, die sich dem Konzept des «healthy aging», des gesunden Alters verschrieben haben. Alter ist jedoch mit Einschränkungen, mit Verlust und auch mit Krankheit verbunden. Das gesunde Alter mag erstrebenswert sein – als Leitkonzept führt es aber dazu, dass die Realität der meisten alten Menschen ignoriert wird.
Wir müssten uns nicht wundern, wenn ein eingeschränktes Leben dann nur noch als defizitär wahrgenommen wird, befand Kunz. Er wies – wie schon Curau-Aepli vor ihm – auf die Problematik des Begriffs existentielles Leiden hin: Wann wird Leiden zu einem unerträglichen Leiden?
Sinnlosigkeit als Ursache für existenzielles Leiden
Der Begriff ist heute nicht mehr auf die körperliche Seite beschränkt: Wenn eine Frau nach dem Tod ihres Mannes das eigene Leben als sinnlos empfindet, muss dies als existentielles Leiden taxiert werden. Zur ganzen Problematik bemerkte Sybille Ackermann, dass vulnerable Gruppen geschützt werden sollen.
Denkt man diesen Gedanken weiter, so muss jeder Mensch, der einen Schicksalsschlag erlitten hat, zunächst vor sich selbst geschützt werden. Dies widerspricht jedoch der heute tendenziell absolut gesetzten Selbstbestimmung.
Traumatisierung der Angehörigen
Es gab engagierte Wortmeldungen aus dem Publikum. Zwei Personen waren schockiert darüber, dass sie erst im Nachhinein vom Tod eines nahen Angehörigen mit Exit erfahren haben. Die angesprochene Brigitte Fischer betonte, dass der Einbezug des familiären Umfelds bei ihnen Standard sei. Wenn aber jemand die Familie aus welchen Gründen auch immer draussen halten wolle, könnten sie auch nichts machen. Aus den beiden Voten sprachen traumatische Erfahrungen beim Suizid eines nahen Menschen. Die Worte «Alptraum» und «Katastrophe» fielen.
Die Diskussion hatte insgesamt ein gutes Niveau, tippte die Dilemmata aber nur an. Einerseits gilt Autonomie des Individuums als absoluter Wert, andererseits wollen wir als Gesellschaft nicht jeden Grund als guten Grund für einen Suizid akzeptieren. Denn dann müssten wir auch vollkommen gesunden Menschen diesen Weg ermöglichen. Die Exit-Vertreterin deklarierte, dass Exit keine gesunden Menschen in den Tod begleite. In der Schweiz muss nach wie vor ein Arzt oder eine Ärztin das Rezept für ein tödliches Medikament ausstellen.
Welcher Grund ist ein triftiger Grund?
Wenn wir aber als Gesellschaft existentielles Leiden als Grund zulassen, entscheidet nicht mehr eine Fachperson, sondern jeder einzelne, ob er gesund oder krank ist. Leiden wird unter der Hand zur Krankheit. Ist der Verlust des Partners ein triftiger Grund für einen Selbstmord? Mit welchem Recht verweigern wird dann einer Achtzehnjährigen, die von ihrem Freund verlassen wurde, Natrium-Pentobarbital?
Alle waren sich einig, dass Selbstmord aus einem Impuls heraus verhindert werden muss. Aber wie lange muss der Wille zum Sterben bestehen, damit die Voraussetzung «existentielles Leiden» erfüllt ist? Ein Jahr? Trauer kann sich aber über Jahre hinziehen, dann aber auch zu einem Punkt kommen, wo ein Mensch aus der akuten Trauerphase hinausfindet. Die steigende Zahl der Paar-Suizide zeigt ein Problem an und kann als eine moderne Form der Witwenverbrennung aufgefasst werden. Nicht nur Feministinnen sollten hier aufmerksam werden.
Der Mensch ist keine Insel
Auch spielt die gesellschaftliche Stimmung eine wesentliche Rolle. In einer Gesellschaft, in der nur die Leistungsfähigen, die Gesunden, die Jungen, die Gewinner zählen, ist es nicht verwunderlich, dass sich alle anderen die Frage stellen, ob ihr Leben denn lebenswert sei. Die rein individualistische Sicht missachtet diese soziale Dimension der menschlichen Existenz. Das meinte Roland Kunz, als er aus eigener Praxiserfahrung sagte, dass heute viele Menschen am Älterwerden leiden. Und dieses Leiden sei echt.
Das Podiumsgespräch bot einen guten Anfang, doch es war bezeichnend, dass die Position der Moraltheologie unterbelichtet blieb. Namentlich die katholische Bioethik ist Pionierin in der Diskussion um die Fragen, die das Lebensende stellt. Auf dem Podium fehlte ein Markus Zimmermann-Acklin, der Schweizer Spezialist für Ethik am Lebensende. Oder auch eine Gunda Schneider-Flume. Die evangelisch-lutherische Theologin sagte vor vielen Jahren just in der Paulusakademie: «Auch versehrtes Leben ist wertvolles Leben». (ergänzt, 25.3.25, bal)
Hier geht es zur › Bestellung einzelner Beiträge von kath.ch.




