Theologie konkret

Franziskus zur «Ehe für alle»: Was das für den Katechismus bedeutet

Die Schweiz steuert auf die «Ehe für alle» zu. Die Rechtspolitische Kommission des Ständerats hat grünes Licht gegeben. Auch Papst Franziskus sendet positive Signale.

Raphael Rauch

Papst Franziskus hat nicht das Lehramt geändert. Und dennoch kann die Kirche nicht ignorieren, was er einer mexikanischen Journalistin in einem TV-Interview gesagt hat.

Thema als Randbemerkung zu wichtig

Darin sprach sich der Papst für eine «convivencia civil» aus: für eine rechtliche Möglichkeit von Schwulen und Lesben, ihre Partnerschaft zivilrechtlich anerkennen zu lassen.

Markus Zimmermann

Der Freiburger Ethiker Markus Zimmermann versteht nicht, dass der Papst «so ein wichtiges Thema in einer Randbemerkung in einem Film aufgreift, statt dafür die bestehenden Wege und Möglichkeiten zu wählen».

Sittengesetz nicht mehr aktuell

Trotzdem: Der Papst hat gesprochen – und die Kirche kann sein Statement nicht ignorieren. Da helfen auch keine Ausflüchte, die zwischen kirchlicher Moral und staatlichem Recht trennen wollen. Ethisch gesehen sind die Grenzen irrelevant. Wenn der Papst eine zivile «Ehe für alle» gutheisst, dann kann er Homosexualität moraltheologisch nicht verteufeln.

Eine einschneidende Begegnung: Der Vater einer Regenbogenfamilie trifft auf Papst Franziskus.

«Papst Franziskus arbeitet an einer Neuordnung der Gefechtslinien», sagt der Freiburger Ethiker Daniel Bogner. «Wenn der Papst sich so äussert, zeigt das ja nur, wie angreifbar die Rede von einem natürlichen Sittengesetz heute ist.»

«Homosexualität ist nichts Perverses»

Daniel Bogner ist überzeugt: Der Papst wisse, dass er den Katechismus nicht im Alleingang ändern könne. Aber er spüre, wo lehramtliche Positionen nicht mehr haltbar seien. «Homosexualität ist nichts Perverses, sondern eine Möglichkeit der Natur. Franziskus nutzt diese Erkenntnis mit dem Instrument der sakralen Symbolisierung. So wirken seine wenigen Worte allein schon durch die Tatsache, dass er als Papst sie spricht, und nicht, weil damit bereits neues Recht gesetzt ist.»

Der Theologe Daniel Bogner

Die Wirkung bestehe darin, dass sie den Raum des Denkbaren und bisher Gedachten erweiterten: «Der nächste, unverzichtbare Schritt ist es dann, die dadurch ausgelösten Denkbewegungen auch in Katechismus und Kirchenrecht zu kodifizieren.»

Treue, Fürsorge und Liebe wichtiger als Biologismus

Aus moraltheologischer und ethischer Sicht sei es viel wichtiger, nach der Qualität der gelebten Beziehungen zu fragen: nach Treue, Fürsorge und Liebe. «Kirchliche Wertschätzung muss daran festgemacht werden, statt die Legitimität von Lebensformen an einer biologistischen Aktorientierung zu evaluieren.»

Diese Regenbogenfamilie hat den Segen des Papstes.

Auch wenn die Sätze nur so dahingesagt wirken, lassen sie auch tief blicken über das Staat-Kirche-Verhältnis des Papstes: «Der Staat muss nicht weiter unter Druck gesetzt werden, die von ihm angebotenen Lebensformen nach dem Vorbild der heterosexuellen, sakramentalen Ehe zu gestalten.»

Papst Franziskus liess 2018 in Bari eine weisse Taube fliegen.

Der Kirche stehe es dann frei zu diskutieren, an welche Kriterien sie die sakramentale Eheschliessung knüpft: «Die Äusserungen des Papstes machen eine Diskussion in diese Richtung möglich, sie sind eine längst überfällige Neuordnung der Gefechtslinien.»

Und die Äusserungen zeigen: Der KKK, der Katechismus der Katholischen Kirche, ist längst nicht mehr auf Höhe der Zeit. Wenn er es überhaupt jemals war.


Party in Australien: Die «Ehe für alle» ist «down under» möglich. | © pixabay.com naeimasgeri CC0
15. November 2020 | 05:00
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Knappe Mehrheit befürwortet «Ehe für alle»

Mit einer Gesetzesänderung sollen auch gleichgeschlechtliche Paare heiraten dürfen. Nach dem Nationalrat spricht sich auch die vorberatende Ständeratskommission für die «Ehe für alle» auf dem Gesetzesweg aus – wenn auch knapp: Mit sieben zu sechs Stimmen hat die Rechtskommission des Ständerats entschieden, dass es für die «Ehe für alle» keine Verfassungsänderung braucht, sondern deren Einführung auf dem Gesetzesweg geregelt werden soll. Eine Kommissionsminderheit vertrat die Auffassung, dass unter dem Begriff der Ehe in der Verfassung das traditionelle Modell von Mann und Frau gemeint sei, und deshalb zuerst die Verfassung geändert werden müsse. Mit einer Verfassungsänderung müsste die Einführung der «Ehe für alle» Volk und Ständen zur Abstimmung unterbreitet werden. Deutlich sprach sich die Kommission dafür aus, dass lesbischen Paaren der Zugang zur Samenspende erlaubt werden soll. (sda)