Forschende entdecken Trouvaillen über Frauen im Mittelalter hinter alten Buchdeckeln
In der Stiftsbibliothek St. Gallen treffen sich bis Freitag Forschende aus verschiedenen Ländern Europas, um sich über Frauen im Mittelalter auszutauschen. In einem Workshop am Mittwoch entdeckten die Expertinnen und Experten spannende Details in alten Handschriften aus Frauenklöstern.
Regula Pfeifer
«Wo ist der Schreiberwechsel», fragt eine Teilnehmende des Workshops im Lesesaal der Stiftsbibliothek am Mittwochnachmittag. Sie tritt vor, blättert in einem sehr alten Buch, das auf einem Kissen liegt, und sagt bald: «Da ist es.»
Sie stellt fest: Die Handschrift in diesem Buch wechselt mitten in einem Satz, das sei typisch für die mittelalterliche Arbeit in Skriptorien. Die neue Handschrift ist von Chelles, erkennt die Expertin. Das war ein Frauenkloster bei Paris, das bereits vom 7. bis 9. Jahrhundert für sein Skriptorium bekannt war.
Ein Kodex auf dem Kissen
Den Codex Sangallensis 240 auf das Kissen gelegt hat die wissenschaftliche Mitarbeiterin der Stiftsbibliothek, Franziska Schnoor. Sie leitet den Workshop «Originale Zeugen von Frauenskriptorien und Frauengelehrsamkeit im Mittelalter». Dieser findet als Teil der internationalen Tagung «Frauenskriptorien und Frauengelehrsamkeit im Mittelalter» dieser Tage im St. Galler Stiftsbezirk statt – konkret in der Stiftsbibliothek sowie im Musiksaal des Dekanatsflügels.
«Schreibende Frauen spielen für die mittelalterliche Handschriftenproduktion eine wichtige Rolle. Gleichwohl wird die literatur- und kulturhistorische Bedeutung von Frauenskriptorien noch immer stark unterschätzt», heisst es in der Ansage der Tagung.
Ziel der Tagung sei deshalb, durch einen neuen Blick auf die Geschichte einzelner Konvente, deren Bibliotheken und Netzwerke die Erforschung vormoderner Frauengelehrsamkeit weiter voranzubringen. Ebenso solle damit aufgezeigt werden, welchen Anteil schreibende Frauen an der Manuskriptproduktion und -überlieferung hatten.
Referierende aus ganz Europa
Während die Tagung öffentlich ist, geschieht der vorgängige Workshop in geschlossenem Rahmen. Es nehmen rund ein Dutzend Personen teil. «Das waren Referentinnen und Referenten der Tagung», sagt Franziska Schnoor danach. Die Forschenden kommen aus Deutschland, Österreich, Frankreich, England und Irland. «Ziel des Workshops war, dass sie einige der Handschriften, die an der Tagung gesprochen wird, auch mal in Original sehen.»
«In St. Gallen hat es mehr irische Handschriften aus dem frühen Mittelalter als in Irland», verrät Nicole Volmering, Assistenzprofessorin für mittelalterliche Geschichte am Trinity College in Dublin, kath.ch. Deshalb greife sie für ihre Forschung auf den Bestand der Stiftsbibliothek zurück. Volmering wird am Tag darauf – also an diesem Donnerstag – an der Tagung referieren.
Eine fleissige Schreiberin
Bei einem weiteren Kodex aus dem Jahr 1493 werden die Korrekturen von Elisabeth Muntprat bewundert, einer der fleissigsten Schreiberinnen des Mittelalters, wie zu erfahren ist. Die Korrekturen hat Muntprat jeweils an den Seitenrand geschrieben. Elisabeth Muntprat lebte im Kloster St. Katharina in St. Gallen.
Ein weiterer Band enthält «Engelberger Predigten», diese sind offenbar im 14. Jahrhundert entstanden – und fanden einen Weg ins Skriptorium des St. Galler Frauenklosters Katharinental. Wie, ist offenbar unklar, wie ein Experte der Runde meinte.
Aus Puzzlesteinen Erkenntnisse gewinnen
Es sind Details, Puzzlesteine, auf welche die Forschenden stossen und mit denen sie arbeiten. Das sagt auch Volmering gegenüber kath.ch. Oft müsse man aus wenigen Einzelheiten ein Gesamtbild zu konstruieren versuchen.
Solche Puzzlesteine sind auch in der aktuellen Ausstellung «Frauen – weibliche Lebenswelten im Mittelalter» zu entdecken. Diese hat Franziska Schnoor mit Ruth Wiederkehr, ebenfalls wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Stiftsbibliothek, zusammen kuratiert.
So ist da zum Thema «Laienschwestern lesen» ein Bibliothekskatalog aus dem 15. Jahrhundert von einer Frauengemeinschaft in Wonnenstein bei Teufen zu sehen, der zeigt, dass die geistlich orientierten Frauen nicht nur beteten und arbeiteten, sondern auch lasen.
Widerständige Wonnensteinerin des 16. Jahrhunderts
Mehr ist in einer anderen Vitrine über die Nonne Regula Keller im Kloster St. Katharina in St. Gallen zu erfahren. Diese habe sich geweigert, den neuen Glauben anzunehmen. Und sie habe sich mit anderen Frauen rund 25 Jahre dagegen gewehrt, das Klostergebäude nach erfolgter Reformation zu verlassen.
Das erinnert an eine aktuelle Begebenheit: Die letzte Ordensfrau des Klosters Wonnenstein verharrte ebenfalls Monate im Klostergebäude und liess sich erst nach gesundheitlichen Beschwerden zum Umzug bewegen.
Die damalige Nonne, Regula Keller, brachte zudem heimlich Bücher in anderen Klöstern in Sicherheit. Eines davon in ein Schwesternhaus in Appenzell. In einem eingeklebten Brief bat sie darum, gut für die Bücher zu sorgen.
Quellen zum Frauenkloster St. Katharina
«Man würde St. Gallen nicht unbedingt als idealen Ort erwarten, um Frauenthemen zu erforschen», sagt Franziska Schnoor. Denn in der Stiftsbibliothek sei hauptsächlich der Bestand des früheren St. Galler Benediktinerklosters, eines Männerklosters, vorhanden.
Dennoch sei da einiges über Frauen im Mittelalter zu finden, wie die aktuelle Ausstellung zeige. Wer sich etwa für Gebetsbücher von Frauen im Spätmittelalter interessiere, finde einiges. Ebenso wer sich für Handschriften aus dem ehemaligen Kloster St. Katharina in St. Gallen erwärme. Ausserdem seien zwei Handschriften vorhanden, die im Frühmittelalter teilweise im bekannten Skriptorium des Frauenkloster Chelles bei Paris geschrieben wurden.
Drei Fragen an Franziska Schnoor*
Wer forscht in der Stiftsbibliothek?
Forschende aus aller Welt beschäftigen sich mit Quellen der Stiftsbibliothek. Vor allem aus der Schweiz, Österreich und Deutschland kommen immer wieder Studierendengruppen im Rahmen von Seminaren und schauen Handschriften an, die sie im Studium behandeln. Da haben wir einiges zu bieten im Bereich der klassischen Philologie, Musikwissenschaft, Germanistik, Anglistik und Geschichtswissenschaft.
Kommen die Forschenden nach St. Gallen?
Viel kann heute online gemacht werden mit unseren digitalisierten Handschriften, den E-Codices. Gewisse Dinge kann man aber nur im Original sehen. Und es sind auch nicht alle Handschriften digitalisiert. Alles bis und mit 14. Jahrhundert ist inzwischen vollumfänglich digitalisiert – 936 von über 2000 Handschriften. Aber unter den Handschriften ab dem 15. Jahrhundert und jünger sind nur die wichtigsten digitalisiert.
Was motiviert Sie für die Arbeit in der Stiftsbibliothek?
Ich habe vorher an der Universität Göttingen mittelalterliches Latein unterrichtet und suchte eine neue Stelle. Als ich hierherkam, merkte ich: Hier habe ich meine Nische gefunden. Hier kann ich mit allen meinen drei Studienfächern – mit mittelalterlichem Latein, mit Musikwissenschaft und älterer Germanistik – etwas anfangen.
*Franziska Schnoor ist stellvertretende Bereichsleiterin Wissenschaft und wissenschaftliche Mitarbeiterin der Stiftsbibliothek St. Gallen. Zuvor war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Abteilung für Lateinische Philologie des Mittelalters an der Georg-August-Universität Göttingen.
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