Schweiz

Farbe, Feierlichkeit und Frömmigkeit im barocken St. Gallen

St. Gallen, 8.12.17 (kath.ch) Die Kathedrale St. Gallen und die Stiftsbibliothek sind ein Kulturschatz erster Güte. Zur aktuellen Ausstellung «Barockes Universum – Religion und Geist in der Fürstabtei St. Gallen» weisen Fachleute in einer Serie von Gastbeiträgen exklusiv auf Besonderheiten in diesem «Universum» hin. Den Anfang macht Stiftsbibliothekar Cornel Dora*. 

Cornel Dora | © Stiftsbibliothek

Die äussere Gestalt des St. Galler Klosterbezirks in seiner heutigen Form wurde durch den Barock geprägt. Dieser Baustil entwickelte im süddeutschen Raum eine besondere Farbigkeit und Sinnenfreude. Zum 250-Jahr-Jubiläum der Stiftsbibliothek und der Kathedrale St.Gallen gibt die Winterausstellung der Stiftsbibliothek Einblick in das «Barocke Universum» des 17. und 18. Jahrhunderts.

«Versus Unum – Hin zu Gott»

Der Begriff Universum lenkt den Blick auf die geistige Verankerung des Barockzeitalters, das vielen als letzte durch das Christentum geprägte Epoche gilt. Die Vielgestaltigkeit der Welt, des menschlichen Ausdrucks und Empfindens, überhaupt das Leben jedes einzelnen Menschen, wurden – um einen Gedanken des grossen christlichen Philosophen Augustin aufzugreifen –»versus unum» ausgerichtet, hin auf das Eine, auf Gott. In diesem All fühlte sich der barocke Mensch aufgehoben und geborgen.

Nach der Reformation herrschte Optimismus.

Das religiöse und geistige Leben in der barocken Fürstabtei St. Gallen war voller Frömmigkeit, aber auch voller Feierlichkeit und Farbe. Nach der Reformation hatte sich der Katholizismus in seinem eigenen politischen und sozialen Raum neu organisiert. Es herrschte Optimismus, und dieser Optimismus verschaffte sich Ausdruck, unter anderem in einer dynamischen Bautätigkeit, in grossen religiösen Festen und in aufwändigen Theateraufführungen.

Zwei Konfessionen – zweimal Weihnachten

Allerdings war die Zeit auch geprägt von konfessioneller Abgrenzung. Die Trennung der konfessionellen Milieus war hart und in mancher Hinsicht absurd. So galten in St. Gallen von 1584 bis 1701 zwei verschiedene Zeitrechnungen, der neue gregorianische Kalender in der katholischen Fürstabtei und der alte julianische in der reformierten Stadt. Die Differenz betrug zehn Tage und betraf auch Feste wie Weihnachten, Ostern oder Neujahr.

Es war ein festliches, ausgelassenes Zeitalter.

Das Kirchenjahr gliederte den Zeitablauf. Es war gespickt mit Ritualen und Feiern, die gelegentlich durch ausgelassene weltliche Festivitäten begleitet wurden, wie der noch ins Mittelalter zurückgehende Begriff der «Messe» zeigt.

Überhaupt war die Festkultur wichtig. Zunehmend beliebt wurde das Begehen von Jahrestagen und das Übergeben von Geschenken. So entstand zum Namenstag von Fürstabt Gallus Alt am 16. Oktober 1685 ein völlig aussergewöhnliches Messgewand, eine sogenannte Kasel aus Pergament, die übersät ist von geistreichen Texten und hübschen Emblemen.

Ein Netz hochwertiger Baudenkmäler

Nicht nur am Hauptsitz in St. Gallen baute die Fürstabtei. Bemerkenswert ist die Errichtung zahlreicher qualitätvoller Landkirchen vor allem in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Sie bilden ein Netz von hochwertigen Baudenkmälern, welches in enger Beziehung mit dem Weltkulturerbe Kloster St. Gallen steht und durch weltliche Barockbauten wie das Kornhaus in Rorschach, das Schloss Ebringen oder das Haus zur Lieben Hand in Freiburg im Breisgau ergänzt wird.

Noch heute ist das barocke Universum des Klosters St. Gallen damit in Städten und Dörfern präsent.

* Cornel Dora ist Stiftsbibliothekar der Stiftsbibliothek St. Gallen

Putto im Barocksaal der Stiftsbibliothek | © Stiftsbibliothek St.Gallen
8. Dezember 2017 | 11:20
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