Schweiz

Exit will mehr Liberalismus bei der aktiven Sterbehilfe

Zürich, 20.9.16 (kath.ch) Alle Ärzte sollen künftig ein für den Menschen tödliches Mittel verschreiben können. Die administrativen Hürden bei der aktiven Sterbehilfe sollen vereinfacht werden. Das fordert Exit aufgrund einer von ihr in Auftrag gegeben Umfrage. An der Medienkonferenz der Sterbehilfeorganisation am Dienstag in Zürich relativierte ein Chefarzt die Zahlen und Aussagen der Organisation.

Georges Scherrer

Gemäss einer von Exit in Auftrag gegebene Umfrage des Link-Instituts will eine Mehrheit der Befragten (56 Prozent), dass ihr Vertrauensarzt sie offen über Sterbehilfe informiert. Lediglich zwölf Prozent wollen, dass der Vertrauensarzt «beim Leisten von Sterbehilfe persönlich anwesend ist». 72 Prozent wünschten eine offene Diskussion über Palliativ Care. Der Geschäftsführer von Link Bern, Stephan Bielser, erklärte in Zürich vor den Medien, die Gruppe der Konfessionslosen sei bezüglich dieser Fragen aufgeschlossener als Personen, die einer Konfession angehörten.

Befragt wurden 1036 Personen, die über ein Link-Internet-Portal verfügen. Diese Zahl liess der ehemalige Chefarzt der Stadtärztlichen Dienste Zürich, Albert Wettstein, so nicht stehen. Die Link-Studie repräsentiere lediglich Personen, die nicht in Heimen leben und über einen PC verfügten. Sie habe sich an «junge Alte» gerichtet, für welche «das Sterben ziemlich weit weg ist», so Wettstein, der betonte, dass er nicht Mitglied von Exit sei.

Mehr Offenheit bei den Ärzten

Aus ärztlicher Sicht zeige die vorgelegte Studie, dass heute 97 Prozent der Befragten bei Entscheiden ihres Arztes mitreden möchten und dass der Arzt sie neutral und offen beraten solle. 84 Prozent wünschten, dass der Vertrauensarzt für eine gute palliativ-medizinische Betreuung sorge. 66 Prozent wünschten, dass der Arzt sie über die «verschiedenen Arten zu sterben» informiere.

Der Arzt sprach aus seiner Praxis. Die aktuelle Realität in der Beratung stimme nicht überein mit den durch die Studie offen gelegten Bedürfnisse der Bevölkerung, die eine offenes Gespräch wünsche. Bei schwer erkrankten Patienten bekundeten die Ärzte oft Mühe, offen über die realen medizinischen Aussichten des Patienten vor seinem Lebensende zu reden.

Nach Ansicht Wettsteins sollen Ärzte die Patienten über die passive Sterbehilfe oder Möglichkeiten etwa eines Dauerkomas aufklären. Es sei jedoch nicht Aufgabe eines Arztes, über Sterbehilfeorganisationen wie Exit zu informieren. Diese seien in der Bevölkerung genug bekannt. Mit Exit sterbe zudem nur eine kleine Minderheit der Bevölkerung.

12 Prozent der Ärzte handelten gesetzeswidrig

Der Arzt verwies auf eine Studie der Schweizer Studiengruppe für medizinische Lebensende-Entscheidungen. 2001 gaben 57 Prozent von über 3000 befragten Ärzte an, die auch in Heimen tätig sind, passive Sterbehilfe geleistet zu haben. 2013 sei der Anteil auf 82 Prozent gestiegen.

2013 hätten 88 Prozent der Ärzte nach «gemeinsamer Entscheid-Findung» mit einem urteilsfähigen Patienten oder Angehörigen gehandelt. In zwölf Prozent der Fälle hätten die Ärzte selber entschieden und somit gesetzeswidrig agiert.

Drei Exit-Ziele

Aufgrund der Link-Umfrage leitet Exit drei Forderungen ab, die von der Anwältin und Präsidentin der Organisation, Saskia Frei, vorgestellt wurden. Künftig soll jeder Arzt «im Einklang mit dem Gesetz» einer sterbewilligen Person das ärztliche Rezept für das Sterbemittel ausstellen können.

Exit schlägt vor, die Betäubungsmittelkontrollverordnung im Sinn einer «Verordnung» mit dem Zusatz zu ergänzen: «Ärztinnen und Ärzte dürfen zum Zweck eines begleiteten Freitodes eine tödliche Dosis Natrium-Pentobarbital» verschreiben.»

Aktive Sterbehilfe soll billiger werden

Die Verfahrensabläufe sollen bei der aktiven Sterbehilfe einfacher werden. Nach Ansicht von Exit soll in der Eidgenössischen Strafprozessordnung der «begleitete Freitod in einer speziellen Kategorie» aufgenommen werden. Dies würde die «personellen und finanziellen Ressourcen» der Kantone entlasten.

Zudem startet Exit kommendes Jahr das Projekt «Information Ärzteschaft», um bei den Ärzten eine «Ausbildungslücke» zu schliessen. Dieses enthält Weiterbildungskurse und einen ärztlichen Auskunftsdienst für Einzelanfragen. Damit soll erreicht werden, dass die Ärzte über das nötige «Know How» zur «Freitodbegleitung» verfügen. Die aktuellen Richtlinien der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften (SAMW) seien diesbezüglich unklar und lösten in der Ärzteschaft «Unsicherheit» aus.

Exit zählt nach eigenen Angabe über 100’000 Mitglieder in der Deutschschweiz und im Tessin.

 

Medienhinweis: Für Familie und Freunde kann der begleitete Suizid zur Bürde werden. Der «Club» des Schweizer Fernsehens widmet sich am Dienstag dem Thema: «Sterbehilfe: Eine Zumutung für die Angehörigen?» An der Diskussion nimmt Albert Wettstein teil.

 

 

Exit-Präsidentin Saskia Frei vor den Medien in Zürich | © 2016 Georges Scherrer
20. September 2016 | 17:42
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