Ex-Jesuit Lukas Niederberger: «Vielleicht sollte ich das Lukas-Evangelium neu schreiben»
Lange Zeit wusste Lukas Niederberger (58) nicht, dass er am 18. Oktober Namenstag hat. Er lernte den Brauch erst an der Stiftsschule in Engelberg kennen und schätzen. Heute hat er Mitleid mit Kindern, die Jessica, Kevin oder Tiffany heissen, «denn sie können keinen Namenstag feiern». Zurzeit ist der Ex-Jesuit auf Jobsuche.
Raphael Rauch
Warum haben Sie Ihre Eltern Lukas genannt?
Lukas Niederberger*: Mein Vater, der Arzt war, wollte mir eigentlich den Namen Rochus geben. Der Heilige Rochus ist der Patron gegen Seuchen. Zum Glück wusste meine Mutter, dass der Evangelist Lukas Arzt war und Patron der Ärzte und Kranken ist. Und so erhielt ich den Namen Lukas quasi als Kompromiss.
Gefällt Ihnen Ihr Name – und warum?
Niederberger: Mir gefällt der Name klanglich und auch von der Länge her. Wenn ich irgendwo unterschreiben muss, empfinde ich meinen Nachnamen Niederberger schon als sehr lang. Ich bin froh, dass ich zum Vornamen nicht Alexander, Konstantin oder Maximilian heisse.
Haben Sie einen Spitznamen?
Niederberger: Je nach Ort, wo ich lebte, nennen mich vertraute Personen Luk, Luki oder Luc.
Wie hätten Sie geheissen, wenn Sie ein Mädchen geworden wären?
Niederberger: Das weiss ich nicht.
Lukas heisst so viel wie «hell». Was sagt Ihnen diese Bedeutung?
Niederberger: Wer will schon kein heller, leuchtender Strahlemann sein (lacht).
«In Lukanien fühle ich mich sehr wohl.»
«Nomen est omen» – was bedeutet das mit Blick auf Ihren Namen?
Niederberger: Sicher habe ich ein helles Gemüt. Es gibt aber noch eine zweite, weit nüchternere Bedeutung meines Namens: Die Lukaner sind die Leute aus der Region Lukanien. Diese liegt zwischen Apulien und Kalabrien. In dieser warmen Gegend fühle ich mich tatsächlich sehr wohl.
Ist Lukas Ihr Lieblings-Evangelist?
Niederberger: Ja, das kann man so sagen. Es gibt bei Lukas Geschichten, die in den anderen Evangelien nicht oder weniger ausführlich vorkommen: etwa die Geburt Jesu, der zwölfjährige Jesus im Tempel, die Gleichnisse vom verlorenen Groschen, vom verlorenen Sohn und vom Barmherzigen Samariter, die Szene vom Verbrecher am Kreuz sowie die Begegnung des Auferstandenen mit den Aposteln auf dem Weg nach Emmaus. Kommt hinzu, dass die Frauen im Lukas-Evangelium mehr Raum einnehmen als in den anderen Evangelien.
«Ich bedauere Kinder, die Jessica, Kevin oder Tiffany getauft werden und keinen Namenstag feiern können.»
Feiern Sie Namenstag?
Niederberger: 17 Jahre lang wusste ich nicht einmal, wann mein Namenstag gefeiert wird. Erst als ich im Herbst 1982 an die Stiftsschule Engelberg wechselte, kamen am 18. Oktober verschiedene Mönche auf mich zu und gratulierten mir zum Namenstag. In den Klöstern wird bis heute der Namenstag stärker gefeiert als der Geburtstag. Heute bedauere ich Kinder, die Jessica, Kevin oder Tiffany getauft werden und keinen Namenstag feiern können.
Sie mussten die «Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft» wegen «Differenzen in Führungsfragen» verlassen und sind seit dem Sommer auf Jobsuche. Hat sich was ergeben?
Niederberger: Zunächst musste ich mir klar werden, was ich für die kommenden Jahre überhaupt suche. Viele 25-Jährige wollen Karriere machen und möglichst viel Geld verdienen. Mit 35 will man Erwerbsarbeit und Familienzeit möglichst optimal vereinbaren können. Mit 45 sucht man eine Arbeit, die den persönlichen Interessen entspricht.
«Die Gespräche mit verschiedenen Menschen stimmen mich zuversichtlich.»
Sie gehen auf die 60 zu. Was ist in Ihrem Alter angesagt?
Niederberger: Als 58-Jähriger wünsche ich mir eine Stelle, in der ich mit meinen Erfahrungen und mit meinem Netzwerk am meisten zum Gemeinwohl beitragen kann. Die Sondierungsgespräche mit verschiedenen Menschen und Organisationen stimmen mich zuversichtlich. Vielleicht sollte ich nach 2000 Jahren das Lukas-Evangelium neu schreiben!
* Der katholische Theologe Lukas Niederberger (58) war Priester im Jesuitenorden und leitete bis 2008 das Lassalle-Haus bei Zug. Vor 15 Jahren hat er den Jesuitenorden verlassen und lebt seit 13 Jahren mit seiner Partnerin zusammen. Im Sommer 2022 trennte sich die «Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft» von ihm wegen «Differenzen in Führungsfragen».
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