Rektorin und Professorin Eva-Maria Faber an der Theologischen Hochschule Chur
Gastkommentar

Eva-Maria Faber: Nagelprobe zur Weltsynode steht noch aus

Auf der Weltsynode wurde über vieles diskutiert. Der Reformbedarf in der Kirche ist erkannt und wurde offen angesprochen. Umso mehr ist die Kirche in der Schweiz nun gefordert, die «weichen» Formulierungen des Synodendokuments in den konkreten kirchlichen Alltag auszubuchstabieren.

Eva-Maria Faber*

Man solle das Schlussdokument der Synode nicht nur auf bestimmte Schlagworte abgrasen, so mahnte der Dominikaner Timothy Radcliffe zu Beginn der letzten Woche der Synode. Ich habe vorn begonnen und hinten aufgehört zu lesen, um das Dokument möglichst umfassend zu rezipieren.

Weltsynode: Papst Franziskus und Teilnehmer beim Abschluss der Beratungen, 26. Oktober 2024 im Vatikan.
Weltsynode: Papst Franziskus und Teilnehmer beim Abschluss der Beratungen, 26. Oktober 2024 im Vatikan.

Verständnis für neuralgische Punkte

Die Mahnung ist mir dann aber in den Sinn gekommen, weil ich Verständnis für alle habe, die sich einen rascheren Eindruck von diesem Schlussdokument verschaffen möchten und deswegen anders vorgehen. Zudem halte ich es für gerechtfertigt, nach drei Jahren des synodalen Prozesses ein Verständnis für die neuralgischen Punkte entwickelt zu haben und deswegen nach Aussagen zu diesen Themen zu suchen.

Ernsthaft von Reformbedarf gesprochen

Die neuralgischen Punkte werden im Schlussdokument mit Ernsthaftigkeit und im Bewusstsein von Reformbedarf angesprochen. Dies betrifft insbesondere den Kern der Synodalität, die nach besseren und verbindlichen Partizipationsmöglichkeiten des ganzen Volkes Gottes verlangt.

Wie weiter nach der Weltsynode?
Wie weiter nach der Weltsynode?

Das Schlussdokument fordert explizit Transparenz und Rechenschaft der Leitungspersonen gegenüber der Bezugsgruppe. Es thematisiert Desiderate des Zugangs von Frauen zu Leitungspositionen samt der Ermutigung, die Möglichkeiten besser auszuschöpfen, jedoch ohne Veränderung des Rahmens, der solche Möglichkeiten absteckt. Zudem stellt das Dokument in Aussicht, dass die Reflexionen der Synode zu einer Revision des theologischen und rechtlichen Status der Bischofskonferenzen führen müsse.

Es bleiben nachdenklich Fragen zurück

Im Blick auf diese und andere (echte) Erträge bleiben nachdenkliche Fragen zurück. Die Aussagen zu solchen konkreten Fragestellungen sind in einem langen Text mit 155 Textabschnitten enthalten. Dieser ruft wie die Vorgängerdokumente (Vademecum 2021, Vorbereitungstext 2021, Arbeitsdokument für die kontinentale Phase 2022, zwei Instrumenta laboris 2023 und 2024, Synthesebericht 2023) die Grundlagen der Synodalität in Stil und Strukturen in Erinnerung.

Papst Franziskus hält die Predigt bei der Abschlussmesse der Weltsynode im Petersdom, 27. Oktober 2024.
Papst Franziskus hält die Predigt bei der Abschlussmesse der Weltsynode im Petersdom, 27. Oktober 2024.

«Es ist etwas Schönes, als Christ und Christin, als Kirche in diese grosse Geschichte eingebunden zu sein.»

Dies ist eingebunden in die grosse Erzählung, die aus der Geschichte Jesu hervorgeht und bis heute reicht. Es ist etwas Schönes, als Christ und Christin, als Kirche in diese grosse Geschichte eingebunden zu sein. Ich möchte nicht ohne sie leben müssen. Es soll auch keine kirchliche Versammlung ohne die Erzählung dieser Geschichte tagen müssen.

Verbraucht sich das grosse Narrativ?

Dennoch kommt mir als Leserin all dieser Texte die Frage, ob das grosse «Narrativ» (wie es die Fachsprache sagen würde) sich verbraucht, wenn es allzuoft in derartigen Dokumenten präsentiert wird. Dies gilt vor allem dann, wenn Desiderate für spezifische Thematiken vorliegen.

Warum nicht Ergebnisse der Synode konkret abarbeiten?

Insofern fehlt es mir an der Konsequenz des synodalen Stils, wenn die zurückliegende Synode weiterhin in den Grundlagen und Postulaten steckengeblieben ist, was sich bereits mit dem Instrumentum laboris abzeichnete.

Wenn die neuralgischen Punkte seit längerem identifiziert sind: warum stellt die Synode nun in eher «weichen» Formulierungen in Aussicht, dass entsprechende theologische und rechtliche Konkretisierungen (etwa zu rechtlichen Vorgaben hinsichtlich der Konsulationspflichten oder zum Status der Bischofskonferenzen) vorzunehmen seien, statt sich an solchen Konkretionen bereits abzuarbeiten?

Die Schweizer Bischofskonferenz 2024 in St. Gallen
Die Schweizer Bischofskonferenz 2024 in St. Gallen

Es ist verständlich, dass die Synode nicht selbst Gesetzestexte erarbeitet; wohl aber wäre es möglich gewesen, die Aspekte zu identifizieren, die ein solcher enthalten müsste. Dies ist nur in wenigen Punkten geschehen.

Der Papst verzichtet auf ein nachsynodales Apostolisches Schreiben – eine Rückkehr zur ursprünglichen Praxis der Bischofssynoden, die erst nach 1974, als während der Synode eine Blockade eingetreten war, abgebrochen wurde. Ist der Schritt von Papst Franziskus nun vorbildhaft? Er wäre es, wenn die Synode konkreter geworden wäre. Vorbildhaft ist indessen nicht, dass Konsultationen und Beratungen in immer noch sehr offenen Desideraten enden und die konkrete Umsetzung einem weniger transparenten Prozess überlassen.

Aussenstehende Beobachterin

Ich schreibe dies als aussenstehende Beobachterin. Ich kann nicht beurteilen, ob es zum jetzigen Zeitpunkt eine Überforderung für eine weltkirchliche Synode gewesen wäre, in den konkreten Punkten zu einer weitergehenden Einigung zu kommen. Von aussen gesehen lässt sich nicht abschätzen, ob der Prozess sonst auch in eine grosse Blockade hätte münden können.

Abschlusssitzung der Weltsynode  über Synodalität am 26.10.2024.
Abschlusssitzung der Weltsynode über Synodalität am 26.10.2024.

Jene, die hinsichtlich konkreter Problemstaus Hoffnungen auf die Synode gesetzt haben, werden nun eben doch im Schlussdokument zuversichtlich oder beklommen, skeptisch oder mit Vertrauensvorschuss Ausschau halten, ob ihre Hoffnungen sich erfüllen oder jedenfalls weiterhin tragfähig sind. Was das Vertrauen angeht, enthält das Dokument eine eindringliche Botschaft: Auf Vertrauen und Glaubwürdigkeit könne eine synodale, auf Beziehungen bedachte Kirche nicht verzichten, und wenn das Vertrauen gebrochen und missbraucht werde, seien es die schwächsten und verletzlichsten Menschen, die am meisten unter den Folgen leiden (Nr. 97). Bei uns ist vielen Menschen das Vertrauen bereits zerbrochen, auch durch das Versagen der Kirche.

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Umso mehr ist die Kirche in der Schweiz nun gefordert, die «weichen» Formulierungen des Synodendokuments in den konkreten kirchlichen Alltag auszubuchstabieren. Wenngleich die synodale Dynamik sich kaum mehr einfangen lässt: die Nagelprobe steht auf allen Ebenen noch aus.

*Eva-Maria Faber ist Rektorin der Theologischen Hochschule Chur und hält den Lehrstuhl für Dogmatik und Fundamentaltheologie.

Weltsynode im Podcast: Was haben die Synodalen erreicht, was ist nach wie vor offen, und wie geht es jetzt weiter? Darüber diskutieren Helena Jeppesen-Spuhler, Delegierte für Europa, und Bischof Felix Gmür in der nächsten Folge des Podcasts «Laut + Leis». Ab Freitag, 1. November, um 6 Uhr auf www.kath.ch/podcast/ und überall, wo’s Podcasts gibt.


Rektorin und Professorin Eva-Maria Faber an der Theologischen Hochschule Chur | © Theologische Hochschule Chur / Eva-Maria Faber
28. Oktober 2024 | 17:00
Lesezeit : ca. 4  Min.
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