Eva Ebel: «Gefragt ist eine religionssensible Schule anstelle von reflexartigen Verboten»
Religion hat es in der Schule als Fach heutzutage oft nicht einfach und wird teils an den Rand gedrängt. Nicht zuletzt kann es zu Spannungen und Konflikten in Schulen aufgrund mangelnder Toleranz gegenüber verschiedenen religiösen Ausrichtungen kommen. Die Professorin für Religionsdidaktik Eva Ebel hat jüngst in Bern und Schule referiert. Sie plädiert für eine religionsneutrale und religionssensible Schule.
Wolfgang Holz
«Eine religionsneutrale Schule ist nicht eine Schule ohne Religion», stellt Eva Ebel klar. Vielmehr müsse die Schule lernen, mit religiöser und weltanschaulicher Vielfalt professionell umzugehen. Dafür spricht sie sich in ihrem Referat zur Religionsfreiheit im Schulalltag aus. Entscheidend sei nicht, ob Religion in der Schule vorkomme, sondern ob Lehrpersonen und Schüler über die nötigen Kompetenzen verfügten, um unterschiedlichen Überzeugungen respektvoll zu begegnen.
Jubiläumsanlass des Rats der Religionen
«Wie viel Religion verträgt die Schule? Zwischen Religionsfreiheit und religiöser Neutralität» – so lautete die Frage, die sich der Schweizerische Rat der Religionen* jüngst in Bern am Anlass zu seinem 20-Jahr-Jubiläum stellte.
Zunächst referierte Professor René Pahud de Mortanges von der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Freiburg zu den historischen und rechtlichen Perspektiven. Danach sprach Professorin Eva Ebel vom Institut und Gymnasium Unterstrass zu Religionsfreiheit und Schule. Danach folgte eine Podiumsdiskussion zu religiösen Symbolen in staatlichen Schulen.
Teil der Schulkultur
Religion sei in der Schule sowohl Unterrichtsgegenstand als auch Teil der Schulkultur, erklärte Ebel laut ihrem Referatsmanuskript. Während der Unterricht über Religionen in der Primarschule durch den Lehrplan 21 und den «Plan d’études romand» fest verankert sei, bestünden beim Umgang mit religiösen Traditionen und Ritualen im Schulalltag noch viele offene Fragen.
«Es geht um Wissen über Religionen und Weltanschauungen und nicht um religiöse Erziehung der Schülerinnen und Schüler.»
Der religionskundliche Unterricht vermittelt aus der Perspektive der Religionsdidaktikerin Wissen über verschiedene Religionen und Weltanschauungen, ohne religiöse Erziehung zu betreiben. «Es geht um Wissen über Religionen und Weltanschauungen und nicht um religiöse Erziehung der Schülerinnen und Schüler», so Ebel. Religiöse Handlungen sind nicht zulässig. Die verschiedenen Religionen werden gleichwertig behandelt, säkulare Weltsichten einbezogen.»
Die Sache mit dem Adventssingen
Dieser Unterricht habe sich in der Primarschule weitgehend etabliert und fördere das gegenseitige Verständnis sowie das Zusammenleben in einer pluralen Gesellschaft. Ebel: «Wissen über Religionen und ein respektvoll gestalteter Austausch über unterschiedliche Überzeugungen fördern das Zusammenleben. Sie stärken das gegenseitige Verständnis in der Klasse, im Schulhaus und letztlich in einer pluralen Gesellschaft.» Kritisch beurteilte die Referentin hingegen, dass bei der Reform der gymnasialen Maturität kein eigenständiges Grundlagenfach Religion eingeführt wurde.
Weniger geklärt sei der Umgang mit Religion in der Schulkultur, so Ebel. Traditionelle Anlässe wie Adventssingen würden beispielsweise häufig weitergeführt, ohne die religiöse Vielfalt der Schüler- und Lehrerschaft ausreichend zu berücksichtigen. «Mir geht es gerade nicht um allgemeine Verbote oder Erlaubnisse, sondern um die sorgfältige Prüfung des Einzelfalls und der konkreten Umsetzung», stellt die Referentin klar.
Religionsfreiheit der Lehrpersonen berücksichtigen
Ob solche Rituale mit der Religionsfreiheit vereinbar seien, lasse sich nicht pauschal beantworten. Entscheidend seien vielmehr die konkrete Gestaltung, die Freiwilligkeit der Teilnahme und die Bedeutung des jeweiligen Anlasses, so Ebel. Dabei müsse auch die Religionsfreiheit der Lehrpersonen stärker berücksichtigt werden. Besonders deutlich zeige sich die Herausforderung der Religionsfreiheit in der Debatte um das muslimische Kopftuch, sagt die Referentin.
Das Tragen eines Kopftuchs ist für Schülerinnen an öffentlichen Schulen in der Schweiz grundsätzlich erlaubt. Das Schweizerische Bundesgericht hat bekanntlich entschieden, dass ein generelles Kopftuchverbot für Schülerinnen einen unzulässigen Eingriff in die Religionsfreiheit darstelle. Und doch gibt es Probleme: In diversen Kantonen wird über ein Kopftuchverbot für Schülerinnen und Lehrerinnen diskutiert.
Toleranzschulung im «Chindsgi»
Anhand eines Kindergartenprojekts in Zürich verdeutlicht Ebel, wie Kinder einen unvoreingenommenen Umgang mit religiösen Symbolen lernen können. «Sie beschäftigten sich mit unterschiedlichen Kopfbedeckungen, darunter Kippa und Kopftuch, und erfuhren, dass religiöse Traditionen individuell unterschiedlich gelebt werden. Beim Besuch einer Moschee konnten sie ihre Fragen direkt an die Kopftuch tragende Moscheeführerin richten. So lernten sie, Vorurteile abzubauen und Menschen mit Interesse und Respekt zu begegnen.»
Die Theologin plädiert deshalb dafür, bereits in der Ausbildung von Lehrpersonen den Umgang mit religiöser Vielfalt stärker zu thematisieren. «Neben fundiertem Wissen braucht es Dialogfähigkeit, Selbstreflexion und die Kompetenz, den schulischen Alltag religionssensibel zu gestalten.»
«Eine religionssensible Schule verfügt über Wissen statt Vorurteile, über Dialogfähigkeit statt Abschottung und über Gestaltungskompetenz statt reflexartiger Verbote.»
In diesem Sinn müsse eine religionsneutrale Schule allen Religionen und Weltanschauungen mit gleicher Offenheit, Respekt und professioneller Distanz begegnen. Zentral erscheint ihr deshalb das Ziel einer religionssensiblen Schule: «Eine religionssensible Schule verfügt über Wissen statt Vorurteile, über Dialogfähigkeit statt Abschottung und über Gestaltungskompetenz statt reflexartiger Verbote.» Die dafür notwendigen Fähigkeiten liessen sich bereits ab dem Kindergartenalter vermitteln.
Respektvoller Umgang mit religiöser Vielfalt
Ihre frohe Botschaft zum Thema Religionsfreiheit und Schule lautet in diesem Sinn: Entscheidend sei nicht, wie viel Religion die Schule vertrage, sondern wie sie Kinder und Lehrpersonen zu einem respektvollen Umgang mit religiöser Vielfalt befähige.
Eva Ebel wörtlich: «Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob Religion in der Schule vorkommt oder wie viel Religion die Schule verträgt. Sie lautet, ob und wie wir Schülern, Schülerinnen und Lehrpersonen die nötigen Kompetenzen vermitteln, mit religiöser Vielfalt verantwortungsvoll und respektvoll umzugehen.»
*Seit 20 Jahren engagiert sich der Schweizerische Rat der Religionen für den interreligiösen Dialog. Er hat das Ziel, angesichts nationaler und internationaler Ereignisse und Entwicklungen im Gespräch zu bleiben und Debatten über das interreligiöse Miteinander in der Schweiz mitzuprägen.
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