Ethiker: Leihmutterschaft bei deutschem Politiker Spahn erzeugt «Störgefühl»
Als Bundesgesundheitsminister hatte Jens Spahn sich gegen eine Freigabe von Leihmutterschaft in Deutschland positioniert. Nun ist er selbst auf diese Weise Vater geworden. Ethiker Peter Dabrock sieht das kritisch. Inzwischen werden in der eigenen CDU-Partei Rufe nach seinem Rücktritt laut.
(KNA/KAP) Der frühere Vorsitzende des Deutschen Ethikrates, Peter Dabrock, hat sich irritiert über die Familiengründung des CDU-Fraktionsvorsitzenden Jens Spahn per Leihmutterschaft geäussert.
«Ich habe ein gewisses Störgefühl dabei, wenn jemand, der Regeln für andere macht, dann selber zumindest im legalen Graubereich handelt und Wein trinkt und Wasser für andere predigt», sagte der evangelische Theologe der ARD-«Tagesschau» und fügte hinzu: «Da sollte man anders vorgehen.»
Homosexuelles Paar
Spahn hatte der «Bild»-Zeitung am Donnerstag mitgeteilt, dass er und sein Ehemann Eltern geworden seien. Der Sohn mit Namen «Georg» kam laut der Zeitung in den USA zur Welt und wurde von einer Leihmutter geboren.
Spahn selbst hatte sich in seiner Position als Bundesgesundheitsminister (2018-2021) gegen eine Legalisierung der Leihmutterschaft in Deutschland ausgesprochen. In Deutschland ist sie zwar weiterhin verboten. Strafbar machen sich allerdings nur Ärzte, die sie ermöglichen. Leihmutter und die Wunscheltern selbst werden nicht belangt. In verschiedenen anderen Ländern ist Leihmutterschaft aber legal; etwa in mehreren US-Bundesstaaten. Deshalb weichen deutsche Paare ins Ausland aus.
Rücktrittsforderungen an Spahn aus der CDU
.In der «Bild»-Zeitung forderte der Chef der CDU in Mecklenburg-Vorpommern, Daniel Peters, am Freitag den Rücktritt seines Parteikollegen. «Jens Spahn hat als Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion eine besondere Vorbildfunktion innerhalb der Union», so Peters. «Mit einer Leihmutterschaft in den USA hat Spahn sich in voller Absicht über in Deutschland geltendes Recht hinweggesetzt.»
Zudem nehme er für sich in Anspruch, als Privatperson ganz anders handeln zu können, als er als CDU-Mandatsträger abstimme, kritisierte Peters. «Das geht überhaupt nicht.» Der Spitzenkandidat für die Landtagswahl im September betonte: «Die CDU steht für Glaubwürdigkeit und Klarheit, gerade in ethisch sensiblen Fragen. Jens Spahn ist als Vorsitzender der Unionsfraktion nicht mehr tragbar und muss zurücktreten.»
Kritik auch von der Queerbeauftragten
Die Vorsitzende der Gruppe der Frauen in der Unionsfraktion, Mechthild Heil (CDU), äusserte sich ebenfalls kritisch. Der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» sagte sie: «Frauen dürfen weder zum Sex gekauft noch als Brutkasten missbraucht werden.» Sie selbst lehne den Kauf von Kindern und die Leihmutterschaft strikt ab. Die wenigen Frauen, die sich frei dafür entschieden, «unterstützen am Ende auch dieses ausbeuterische System zwischen Kaufeltern und Leihmüttern». Die allermeisten Frauen seien den Käufern nicht gleichgestellt.
«So viele Kinder bräuchten dringend liebevolle Eltern. Was wäre es für ein Zeichen gewesen, hätten Unions-Chef Jens Spahn und sein Partner ein bereits geborenes Kind in Not angenommen.»
Die Queerbeauftragte der Bundesregierung, Sophie Koch (SPD), sprach sich ebenfalls gegen eine kommerzielle Leihmutterschaft in Deutschland aus. Zwar sollten sich queere Menschen einen Kinderwunsch erfüllen können – «die kommerzielle Leihmutterschaft halte ich aber nicht für den richtigen Weg», sagte Koch der «Rheinischen Post».
Auch im Ausland keimt Kritik auf. Kritisch über die Familiengründung des CDU/CSU-Fraktionsvorsitzenden Jens Spahn per Leihmutterschaft hat sich Martina Kronthaler, Generalsekretärin von Aktion Leben Österreich, geäussert.
«So viele Kinder bräuchten dringend liebevolle Eltern. Was wäre es für ein Zeichen gewesen, hätten Unions-Chef Jens Spahn und sein Partner ein bereits geborenes Kind in Not angenommen», sagte sie am Freitag auf Anfrage der Zeitung «Die Furche» (online). «Wenn finanziell privilegierte Menschen ein Kind von einer Leihmutter austragen lassen, so verstellt dies bei aller Freude über das Baby doch, was Leihmutterschaft grundsätzlich bedeutet: Verletzung der Rechte von Frauen und Kindern», so Kronthaler. Außerdem seien die meisten Fälle von Leihmutterschaft mit Gewalt, Ausbeutung und Druck verbunden.
Bischof: Das ist ein Skandal
Der katholische Passauer Bischof Stefan Oster hat die Inanspruchnahme einer Leihmutter durch Unionsfraktionschef Jens Spahn kritisiert. Zur Erfüllung seiner eigenen Wünsche habe der prominente CDU-Politiker gegen die Gesetze des Landes und die Grundlinien der eigenen Partei bewusst verstossen, erklärte Oster am Freitag auf seiner Internetseite. Das halte er «für einen echten Skandal».
Hinzu komme, dass Spahn damit positiv für Leihmutterschaft eintrete, wo er sich doch öffentlich zur katholischen Kirche bekannt habe. «Er hat damit aus meiner Sicht einen Schritt getan, den wir als Glaubensgemeinschaft auch in Zukunft nie werden mitgehen können.» Aus guten Gründen sei Leihmutterschaft in Deutschland verboten, sagte der Bischof. Diese Praxis verstoße gegen die Menschenwürde.
Leihmutterschaft auch in der Schweiz verboten
Leihmutterschaft ist in der Schweiz sowohl auf Verfassungsebene (Artikel 119 der Bundesverfassung) als auch im Fortpflanzungsmedizingesetz laut Pro Familia Schweiz strikt verboten. Weder die Durchführung noch die Vermittlung sind erlaubt. Es ist also in der Schweiz verboten, eine Frau dafür zu bezahlen oder darum zu bitten, ein Kind für Wunscheltern auszutragen. Trotzdem reisen viele Schweizer Paare ins Ausland (z. B. in die USA, nach Georgien oder in die Ukraine), um dort eine Leihmutterschaft in Anspruch zu nehmen.
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