Esther Rüthemann: Pilgern zwischen Tradition und Trend
Esther Rüthemann ist nach Jerusalem gepilgert und für das Projekt «Kirche mit* den Frauen» nach Rom. Die Seelsorgerin der römisch-katholischen Kirche in Rapperswil-Jona und Mitarbeiterin der Caritas erzählt in der neuen Folge des Podcasts «Laut + Leis», wie Pilgern sie verändert hat, was der Unterschied ist zwischen Wandern und Pilgern und warum sie nicht mit dem Velo pilgert.
Sandra Leis
Pilgern unterscheidet sich vom Wandern. «Pilgerreisen führen an Orte, an denen etwas Religiöses geschehen ist – ein Heiliger gelebt, gestorben oder wie bei Santiago de Compostela angeschwemmt wurde», sagt Esther Rüthemann. «Und ganz wichtig: Es gibt ein Anliegen, für das man geht.»
Für Gleichberechtigung in der Kirche
Ein Anliegen, das ihr ganz besonders am Herzen liegt, ist Gleichberechtigung in der Kirche. Und so war die Seelsorgerin aus Rapperswil-Jona eine der Initiantinnen der Pilgerreise «Kirche mit* den Frauen» von St. Gallen nach Rom. Innerhalb von sieben Wochen legte sie 1000 Kilometer zurück – mit Frauen und Männern, die sich für dieses Anliegen engagieren. «Ein Drittel der Pilger waren Männer. Gleichberechtigung ist kein Frauenthema, Gleichberechtigung ist ein Menschenthema», sagt Rüthemann.
Schliesslich ist sie mit rund 600 Menschen in Rom eingetroffen, doch der Papst hat die imposante Gruppe nicht empfangen. Bischof Markus Büchel habe das Anliegen unterstützt und in den Vatikan telefoniert, genützt aber hat es nichts.
Enttäuscht von Kardinal Kurt Koch
Bis zuletzt hat Esther Rüthemann gehofft, dass Papst Franziskus doch noch auftaucht. Enttäuscht sei sie nicht in erster Linie von ihm, sondern von Kardinal Kurt Koch. «Wir kennen den früheren Bischof von Basel persönlich und hätten uns gewünscht, dass er uns als Kardinal in Rom die Türen öffnet. Doch es kam nur die Rückmeldung, er sei zur Zeit unserer Ankunft nicht in Rom.»
Gleichwohl sei das Projekt «Kirche mit* den Frauen» erfolgreich gewesen, sagt Rüthemann bestimmt. «Das Medienecho war sehr gross, viele Pfarreien sind mitgegangen und haben Pilgertage organisiert für dieses Thema. Man kann es nicht mehr vom Tisch wischen.»
Die Pilgerreise nach Rom im Jahr 2016 ist Geschichte. Was bleibt, ist das Anliegen, die Auszeichnung mit dem renommierten Herbert-Haag-Preis sowie der Film «Habemus feminas!» von Silvan Hohl, der die Reise eindrücklich dokumentiert.
Die Pilgerreise aller Pilgerreisen ist der Weg nach Jerusalem, und den hat Esther Rüthemann vor zwölf Jahren unter die Füsse genommen: Sie waren zu viert unterwegs, legten in sieben Monaten rund 4500 Kilometer zurück und pilgerten durch elf Länder. «Dass mein Körper und meine Psyche diese Reise durchgestanden haben, war eine enorm wichtige Erfahrung für mich», sagt Rüthemann.
Erfahrungen machen stark
Und dass sie es trotz Schwierigkeiten geschafft haben, gemeinsam in Jerusalem anzukommen, und bis heute befreundet sind, sei das grösste Geschenk. «Ich glaube, es war sehr wichtig, dass wir alle christlich sind, vielleicht sogar katholisch. Das hat geholfen, Krisen zu überwinden.»
All diese Erfahrungen haben Esther Rüthemann stark gemacht: «Ich war eigentlich ein ängstlicher Mensch, doch nach dieser Reise wusste ich: Wer die Pilgerreise nach Jerusalem übersteht, braucht sich nicht so schnell zu fürchten.»
Pilgern ist im Trend. Heute pilgern auch Menschen, die mit Religion und Spiritualität wenig am Hut haben. Sie suchen Ruhe und Abstand vom Alltagsstress, fokussieren aufs Gehen und nehmen die Natur, sich selbst und andere neu wahr. Vielleicht suchen sie nach Klarheit in einer konkreten Lebensfrage.
Ob religiös motiviert oder nicht, fürs Pilgern seien ein paar Punkte zu beachten, sagt die Expertin: «Wichtig ist, dass man eine Idee hat, eine Sehnsucht oder einen Wunsch, um zu gehen. Das Zweite ist gutes Material und davon nicht zu viel.» Wer am Anfang zu schnell und zu lange laufe und dabei einen schweren Rucksack schleppe, werde bald leiden und die Freude verlieren. Ideal sei eine tägliche Wegstrecke von 20 bis 25 Kilometern.
Lieber zu Fuss pilgern
Heute gibt es auch andere Formen des Pilgerns, zum Beispiel Pilgern mit dem Velo. Im vergangenen Mai fuhren beispielsweise 15 Menschen, die von Geistlichen sexuell missbraucht wurden, von München nach Rom. Ihr Anliegen: Missbrauchsopfern helfen und Missbrauch künftig verhindern.
«Eine gute Sache», sagt Esther Rüthemann. Für sie persönlich wäre das Pilgern mit dem Velo allerdings nichts. «Mir wäre Velo-Pilgern zu schnell. Ich bin eine Lang-Läuferin und suche auf der Wegstrecke den direkten Kontakt mit den Menschen.»
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